# taz.de -- Hartz-IV-Gegner Ralph Boes in Berlin: Aktivist im Revolutionsmodus
       
       > Manche nennen ihn Selbstdarsteller: Boes trägt seinen Hungerstreik aus
       > Protest gegen die Sanktionen des Jobcenters vor das Brandenburger Tor.
       
 (IMG) Bild: Seit er vor sechs Jahren arbeitslos wurde, kämpft Ralp Boes gegen die Entwürdigungen durch das Jobcenter an
       
       BERLIN taz | Im Vorbeigehen fällt er vor dem Brandenburger Tor kaum auf.
       Wenige Meter neben ihm tanzt jemand zum Titanic-Soundtrack, auf der anderen
       Seite des Platzes lädt eine Gruppe zum Beten ein. Ralph Boes sitzt an einem
       Holztisch mit Schachbrett darauf. Er hat eine Wasserkaraffe vor sich, ein
       leerer Stuhl steht ihm gegenüber. „Ich hätte sehr gerne Rotwein angeboten“,
       entschuldigt er sich. Aber das könne er leider nicht, weil er es sich nicht
       leisten könne und weil er ja hungere beziehungsweise gehungert werde, wie
       er sagt.
       
       Ralph Boes hat, so sagt er, seit 53 Tagen nichts gegessen. Seine Aktion
       richtet sich gegen die Hartz-4-Sanktionen, denen er sich ausgesetzt sieht.
       Seit er vor sechs Jahren arbeitslos wurde, kämpft er gegen die
       Entwürdigungen durch das Jobcenter an. Davor war er „Manager für
       irgendwas.“
       
       Seit knapp zwei Jahren ist Boes komplett sanktioniert, das Jobcenter zahlt
       keinen Cent, weder Miete noch Strom oder Nahrung. Der Aktivist lebt von
       Darlehen seines Unterstützerkreises. Für die Sanktionen hat der 58-Jährige
       gekämpft: Er hat so lange provoziert, bis die Mitarbeiter im Jobcenter ihm
       erst 30 Prozent, dann zwei Drittel und schließlich jede Zahlung strichen.
       
       Boes tourte durch Deutschland und hielt Vorträge über die Würdelosigkeit
       des Hartz-4-Systems. Gesponsort wurden seine Auftritte von Prominenten, die
       sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen. Er erzählte dem
       Mitarbeiter im Jobcenter davon, und der fragte ihn: „Was soll ich jetzt mit
       Ihnen machen, Herr Boes?“. Man solle ihn sanktionieren, antwortete Boes.
       Der Mitarbeiter im Jobcenter bot ihm statt dessen einen Job im Call-Center
       an, aber Boes lehnte dankend ab. Er sei im Revolutionsmodus, das sei ein
       Fulltime-Job.
       
       ## Hungern bis zum Ende der Sanktionen
       
       Boes brauchte die Sanktionen, um gerichtlich gegen die Praxis vorzugehen.
       Nun hat er zumindest einen Teilerfolg erzielt. Auf Bitten der Initiative
       „Wir sind Boes“, die sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzt,
       haben der ehemalige Bundesrichter und Linken-Abgeordnete Wolfgang Neskovic
       und dessen Mitstreiterin Isabell Erdem ein Gutachten erstellt, in dem sie
       die Sanktionierungen als unvereinbar mit der Menschenwürde und deshalb für
       verfassungswidrig erklären.
       
       Boes selbst hatte in seinen Gerichtsverfahren damit bisher keinen Erfolg.
       Im Mai bestätigte das Sozialgericht in Gotha dafür angesichts der Klage
       eines Erfurter Hartz-4-Empfängers die Einschätzung von Neskovic und Erdem
       und rief Karlsruhe an. Aber ob und wann die Frage dort vor dem
       Bundesverfassungsgericht verhandelt wird, steht noch in den Sternen.
       
       Boes will hungern, bis das Verfassungsgericht die Sanktionen kippt. Wenn
       nicht, dann auch bis zum bitteren Ende, sagt er. Er nennt das eine
       „Entscheidung zwischen Würde und Leben“. Die Gefahr zu sterben nehme er als
       gegeben hin. Seine Beerdigung und alles andere seien für den Fall der Fälle
       bereits geregelt. Es ist nicht das erste Sanktionshungern des 58-Jährigen –
       vor zwei Jahren hielt er es knapp über 50 Tage ohne feste Nahrung aus.
       Damit das Jobcenter weiterhin seine Krankenkasse bezahlt, muss er
       Essensmarken beantragen.
       
       ## „Die Blicke der Mitarbeiter waren herrlich“
       
       Das System hält Boes für „völlig unzumutbar“. In den meisten Supermärkten
       würden die Marken nicht angenommen und die Kassierer seien überfordert, sie
       müssten erst einmal durch die Lautsprecher um Hilfe rufen, was sie damit
       anstellen sollten. Um den Mitarbeitern deutlich zu machen, was er von den
       Marken hält, begann er sie zu verspeisen – erst im Jobcenter nun vor dem
       Brandenburger Tor.
       
       „Die Blicke der Mitarbeiter waren herrlich“, lacht Boes. Er bemüht Hannah
       Arendt, wenn er über die Mitarbeiter des Jobcenters spricht. Dort finde man
       die „Banalität des Bösen“, sagt er: Schreibtischtäter, die Dienst nach
       Vorschrift machten, ohne das Schicksal hinter dem Antrag wahrzunehmen.
       
       Mit seiner Form des zivilen Ungehorsams macht sich Boes nicht nur Freunde.
       Besonders unter denen für die er eigentlich kämpfen möchte, ist er
       umstritten. „Andere Hartz-4-Empfänger bezeichnen mich als Selbstdarsteller
       mit Profilierungszwang“, weiß Boes. In den Internetforen der Arbeitslosen
       werde er konsequent ignoriert. „Das liegt natürlich daran, dass es dort um
       ganz andere Fragen geht. Ich versuche das System abzuschaffen. Sie
       versuchen, darin so gut wie möglich zu überleben.“
       
       Jeden Abend um 22 Uhr muss Boes seine Sachen zusammen räumen, die Polizei
       guckt schon auf die Uhr. Ob er morgen wiederkomme, das wisse er noch nicht.
       Manchmal habe er das Gefühl, seine Kräfte gingen dem Ende zu.
       
       25 Aug 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Josephine Schulz
       
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