# taz.de -- Debatte um Prostitution in Südkorea: Frau Kim kämpft um ihren Job
       
       > Sexarbeit ist in Südkorea offiziell verboten und doch sehr weit
       > verbreitet. Prostituierte fordern nun, dass ihre Arbeit legalisiert wird.
       
 (IMG) Bild: „Ist das, was wir tun, etwa schlimmer als Diebstahl?“ Prositutiertendemo in Südkorea (Archivbild von 2011).
       
       SEOUL taz | Für Kim Jeong Mi gehören Polizeirazzien zum Alltag, schließlich
       arbeitet die Südkoreanerin seit ihrem 24. Lebensjahr im Rotlichtgewerbe.
       Doch in einer Julinacht 2012 beließen es die Beamten nicht dabei,
       gebrauchte Kondome als Beweisstücke einzusammeln und den frisch ertappten
       Freier abzuführen. Sie befahlen auch der 43-jährigen Kim, zur Wache
       mitzukommen. Dort verhängten sie der Prostituierten eine Geldstrafe von
       umgerechnet 400 Euro – das Zwanzigfache des Preises ihrer sexuellen
       Dienste.
       
       Doch als erste ihrer Zunft wehrte sich Kim und verklagte den
       südkoreanischen Staat. „Ist das, was wir tun, etwa schlimmer als
       Diebstahl?“, fragte sie vor Gericht. Das Prostitutionsverbot würde gegen
       ihre Menschenrechte verstoßen, denn für sie sei Sex die einzige
       Einkommensquelle, um über die Runden zu kommen.
       
       Ihr Fall löste eine Grundsatzdebatte aus: Wie soll die Gesellschaft mit
       ihren Sexarbeiterinnen umgehen? Niemand redet darüber, offiziell gibt es
       sie nicht, und doch ist Prostitution so allgegenwärtig wie in kaum einen
       anderen OECD-Staat: 3,5 Prozent aller Frauen zwischen 20 und 40 verdienen
       laut Regierungsschätzungen mit Sex ihren Lebensunterhalt.
       
       Prostitution galt lange als so selbstverständlich in Südkoreas
       chauvinistischer Arbeitswelt, dass das Frauen- und Familienministerium noch
       2006 männlichen Angestellten finanzielle Anreize bot, wenn sie erklärten,
       im Rahmen feierabendlicher Trinkgelage unter Kollegen keine sexuellen
       Dienste mehr zu kaufen.
       
       Laut den jüngsten staatlichen Erhebungen von 2007 tun das ein Fünftel aller
       Männer im Berufsalter mindestens viermal im Monat. Die Sexindustrie setzt
       demnach jährlich über 12 Milliarden Euro um. Zugleich stellt Südkorea die
       meisten Sextouristen in Südostasien und exportiert Tausende Prostituierte
       etwa nach Australien und in die USA.
       
       ## Hardlinerin fordert Legalisierung
       
       Nachdem die teils menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen für Prostituierte
       durch einen tragischen Fall im Jahr 2002 ans Licht kamen, wurde das Kaufen
       und Verkaufen von Sex verboten. In der Stadt Gunsan starben bei einem Brand
       14 Frauen, die wie Sklaven in einem Bordell eingesperrt waren. Derzeit
       drohen Prostituierten und Freiern bis zu ein Jahr Gefängnis oder
       Geldstrafen von über zweitausend Euro.
       
       Für Prostituierte wie Kim Jeong Mi sind es keine guten Zeiten fürs
       Geschäft: In einer zehn Quadratmeter Hütte arbeitet sie sechs Nächte die
       Woche von sieben Uhr abends bis vier Uhr früh. Meist sind es ältere,
       alkoholisierte Männer, um deren Gunst Kim in einem einst florierenden
       Rotlichtviertel im Nordosten von Seoul wirbt. Viele ihrer Kolleginnen dort
       sind bereits in den 50ern und 60ern. Mit jedem weiteren Jahr sinkt ihr
       Marktwert.
       
       Nun könnte das strenge Antiprostitutionsgesetz fallen. Die größte
       Befürworterin der Legalisierung ist ausgerechnet eine frühere Hardlinerin:
       Einst führte Seouls Polizeichefin Kim Kang Ja eine regelrechte Hetzjagd
       gegen die Prostituierten. Heute tritt sie als Professorin für staatlich
       registrierte Bordelle ein und möchte die Infrastruktur für Aussteigerinnen
       aus der Sexindustrie verstärken.
       
       „Die derzeitige Rechtslage drängt das Gewerbe nur weiter in den
       Untergrund“, sagt sie. Zwar hat sich die Zahl der Prostituierten in den
       Rotlichtbezirken innerhalb der letzten Dekade von über 9.000 auf 5.000
       reduziert, doch zugleich bieten immer mehr Frauen sexuelle Dienste über
       Smartphone-Apps, in Karaoke- und Cocktailbars, Motels, Friseur- und
       Massagesalons an.
       
       ## Kontrollen im Akkord
       
       Zudem verfügt die Polizei über zu wenig Ressourcen, um das Gesetz effektiv
       umzusetzen. In Seouls noblem Geschäftsviertel Gangnam klagen Polizisten
       darüber, dass Kleinstteams von fünf Leuten bis in die Morgenstunden
       Bordelle im Akkord überprüfen müssten. Solange sie Freier und Prostituierte
       nicht auf frischer Tat ertappen, blieben ihnen die Hände gebunden. Trotzdem
       ermittelt Südkoreas Polizei derzeit in 8.600 Fällen der Prostitution.
       
       Auch wenn das Kaufen von Sex in Südkorea allgegenwärtig ist, bleibt die
       Gesellschaft dennoch prüde: Über die Hälfte der Bevölkerung gab in einer
       Umfrage an, Prostitution sei unter keinen Umständen zu rechtfertigen.
       
       1 Aug 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Südkorea
 (DIR) Sexarbeit
 (DIR) Prostitution
 (DIR) Prostitution
 (DIR) Prostitution
 (DIR) Japan
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Schwedens Prostitutionsbeauftragter: „Es gibt keine gute Prostitution“
       
       Gehört Sexarbeit „entkriminalisiert“, wie Amnesty International fordert?
       Oder sollte sie nach Schwedens Modell verboten werden? Das fordert Patrik
       Cederlöf.
       
 (DIR) Großrazzia in chinesischen Bordellen: Wenn die Huren weiterziehen
       
       2.000 Bordelle, 300.000 Prostituierte: Dongguan war berühmt für sein
       Rotlichtgewerbe. Dann kam die Polizei. Nun steht die Stadt vor dem Ruin.
       
 (DIR) Prostitution in Japan: Sie wollten es doch auch
       
       Japan bleibt bei seiner Entschuldigung für das Leid von
       Zwangsprostituierten im Zweiten Weltkrieg. Zuvor war die Haltung der
       Regierung dazu in Zweifel geraten.