# taz.de -- Die Wahrheit: Lob des Sitzenbleibens
       
       > Ein neues Phänomen geht um – besonders in der Fernsehwelt: Alle stehen
       > ständig auf und tun so, als ob sie gaaaaanz, gaaaaanz locker wären.
       
       Aufstehen ist eine ambivalente Angelegenheit: Morgens aufstehen ist doof,
       vorm Lehrer aufstehen und chorisch „Guten Morgen“ bellen ist doof und „Steh
       auf, wenn du ein Schalkerborussenlöwe bist“ singen ist auch doof.
       
       Andererseits kann das Aufstehen auch Charme haben. Stets sympathisch ist es
       im rebellischen, eben aufständischen Sinne: „Get up, stand up – stand up
       for your rights.“ Feine Sache.
       
       Auch das höfliche Aufstehen ist lobenswert. Früher, wenn eine ältere Dame
       den Bus betrat, stand man auf, weil die älteren Damen damals – in Gegensatz
       zu den rüstigen Fitnesssenioren heute – oft etwas wackelig auf den Beinen
       waren. Das lag vor allem an ihren gigantischen Büstenhaltern mit
       Stahlgerüstkonstruktion und Beton-Inlays. Diese destabilisierenden
       Vorneübergewichte konnten die Omis selbst durch ihre breiten, viel
       Bodenhaftung versprechenden Rumtöpfchenfiguren nicht ausgleichen.
       
       Da genügte ein kleiner Buswackler und schon kippelten, taumelten und
       stürzten sie – pardauz – auf den Boden und brachen sich die Hüfte. Um das
       zu verhindern, stand man auf, damit die Omidamen sich setzen konnten.
       
       Aber neuerdings gibt es noch eine andere Variante des Aufstehens. Zum
       ersten Mal beobachtete ich diese bei der Casting Show „The Voice of
       Germany“. Zunächst ging alles seinen üblichen Gang. Plötzlich jedoch stand
       ein Jury-Mitglied mitten in der Performance eines Kandidaten einfach so vom
       Sessel auf. Wozu? Um die eingeschlafenen Beine auszuschütteln? Um mal kurz
       irgendwohin zu verschwinden? Nein, die Person – ich befürchte, es war Nena
       – begann in die Hände zu klatschen und auf eine verstörende Weise ebenso
       exaltiert wie gehemmt zu tanzen, alleine, autistisch, hilflos.
       
       Ein jämmerliches Bild: Auf der Bühne ein singender, arbeitender Künstler
       und in circa zehn Meter Entfernung ein prätentiös vor seinem Sessel
       herumzappelndes Jurymitglied. Vermutlich sollte das vermitteln: Hey, ich
       bin locker, ich bin spontan – ich bin internationaler Pop! Aber das Ganze
       wirkte so fehlplatziert wie die tragische, angetrunkenen Mittfünzigerin,
       die beim Stadtfest auf dem leeren Platz vor der Bühne des lokalen
       Hip-Hop-Acts arhythmisch headbangt.
       
       Inzwischen wird in der deutschen TV-Landschaft flächendeckend aufgestanden.
       Seinen vorläufigen Höhepunkt hat dieses Phänomen nun in der Show „Sing
       meinen Song“ erreicht. Unter der Leitung von Reichsmusikführer Xavier
       Naidoo tauschen abgehalfterte Stars ihre Lieder und singen sie sich
       gegenseitig vor.
       
       Dabei werden zunächst oft Tränen der Rührung vergossen ob der gegenseitigen
       musikalischen Würdigungen, aber dann passiert es: Resurrection! Die auf
       einer Couch sitzenden Poptoten stehen wieder auf. Ohne Grund. Und sie
       tanzen. Privat. Im Halbkreis. Wie auf einer Wohnzimmer-Ü-40-Party. Mit
       Couchtisch in der Mitte. Und man selbst muss sein Gesicht abwenden, damit
       man nicht aus Scham blind wird. Und plötzlich erinnert man sich an die
       weisen Worte des indianischen Zen-Meisters Sitting Bull: „Nur wer nicht
       aufsteht, kann sitzen bleiben.“
       
       24 Jun 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hartmut El Kurdi
       
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