# taz.de -- Kolumne: Plädoyer für den Unstadtklub
       
       > Arminia Bielefeld hat die höchsten Antipathiewerte der Bundesliga. Kein
       > Grund, dem Verein untreu zu werden.
       
       "Bielefeld, einst bezeichnet als die ,Mutter aller Unstädte', hat mit
       Arminia Bielefeld den ,Vater aller Unvereine'." So heulte die Journalistin
       Clara Boie vor gut zwei Monaten auf ZEIT-online - dem "Onkel aller
       Unlineausgaben", wie man die Netzausgabe der Hamburger Wochenschrift in
       diesem Zusammenhang vielleicht mal bezeichnen muss. Oder sollte man, schon
       des alliterierenden Effekts wegen, nicht sogar "Unke aller Unlineausgaben"
       sagen? Egal.
       
       Zurück zur Zeit.de-Boie und ihrem Arminia-Bielefeld-Unsinn, den sie mit
       dieser Zwischenfrage fortsetzte: "Was hat Bielefeld schon für Erfolge zu
       verzeichnen?" Das war natürlich rhetorisch gemeint. "Keinen", schob die
       Autorin denn auch gleich nach, und heizte den Ostwestfalen dann erst
       richtig, nämlich so ein: "Ihre beste Bundesligaplatzierung ist 23 Jahre her
       und war ein lächerlicher 8. Platz. Den einzigen Titel, den sie halten
       können, ist der des ,Rekordaufsteigers'. Sieben Mal bereits stieg die
       sogenannte ,Fahrstuhlmannschaft' wieder auf", so wusste die Autorin
       halbwegs korrekt alles Grundwissenswerte über den Rekordaufsteiger
       aufzulisten, ehe sie dem Club schließlich das hier wünschte: "In dieser
       Saison wünsche ich mir den endgültigen Abstieg dieses Clubs. Sie sollen
       nicht wiederkehren, den Titel ,Rekordaufsteiger' können sie gerne behalten.
       Der DFB soll ihnen am besten ein One-Way-Ticket in die 2. Bundesliga
       schenken. Noch nie im Kampf um einen Uefa-Platz dabei, noch nie die
       Meisterschale ansatzweise in den Händen gehalten. Ein überflüssiger Verein,
       der es verdient hat, endlich aus den großen Stadien zu verschwinden."
       
       Das war wohl nichts. Mit dem Verschwinden aus den großen Stadien hatte
       Arminia Bielefeld in der vergangenen Saison nichts zu tun. Stark
       abstiegsgefährdet zwar zwischendurch (wie aber eigentlich in jeder Saison),
       sicherte sich die Mannschaft gegen Ende und übrigens unmittelbar nach
       Erscheinen von Frau Boies Traktat den Klassenerhalt - und damit einmal mehr
       die, zugegeben, eher wunschgetränkte denn begründete Option, dass sie es in
       der kommenden Saison vielleicht doch einmal schafft: einen Uefa-Cup-Platz
       oder "ansatzweise die Meisterschale", wie die Boie das formulierte.
       
       Dass der endgültige Klassenverbleib mit einem sagenhaften 3:2-Sieg über die
       bis dahin noch als Meisterschaftsaspiranten gehandelten Bremer gelang,
       scheint mir insofern bemerkenswert, als sich hier der Deutschen
       beliebtester Bundesligist den fast schon sicheren Titel ausgerechnet vom
       unbeliebtesten der Liga vermasseln ließ. Das nämlich wurde gerade per
       Umfrage ermittelt: Mit Abstand sympathischster Bundesligaverein ist Werder
       Bremen. Mit Abstand unsympathischster: Arminia Bielefeld. Da kann man mal
       sehen. Zum Beispiel: wie viel Schneid es hierzulande braucht für eine
       Bielefeld-Beschimpfung.
       
       Nicht dass es mir als Arminia-Fan völlig schnuppe ist, wenn mein Verein in
       einer Sympathietabelle weit hinter Bayern (3.), HSV (4.), Dortmund (5.),
       Mainz (8.), Cottbus (15.) und sogar Wolfsburg (17.) lediglich auf dem 18.
       Platz landet. Andererseits sage ich mir: Was solls?
       
       Man kann sich eben seinen Klub nicht aussuchen. Zudem waren dessen gefühlte
       Antipathiewerte schon immer so hoch, dass einen auch der jetzt statistisch
       erhobene Abneigungsindex nicht mehr recht umhauen kann. Wenn allerdings
       meinem Verein (und damit ja auch mir) die Existenzberechtigung
       abgeschrieben wird, lässt mich das längst nicht so abgeklärt reagieren.
       Erst recht nicht, wenn als die entscheidende Maßgabe für seine
       One-Way-Ticketierung die Erfolge angeführt werden, die sich zu kaufen
       dieser Club bislang nicht in der Lage war.
       
       Auch bricht sich da doch exakt jene Haltung Bahn, wie sie von so gepuderten
       Mittelstandsfötzchen, das Frau Boie hoffentlich nicht ist, immer häufiger
       auch solchen Absteigern entgegengebracht wird, die man im echten Leben
       Hartz IV, Unterschicht oder Prekariat heißt. Chronisch Erfolglose auch sie
       und damit Überflüssige, die bitte von der Bildfläche zu verschwinden haben?
       Genauso hört sich Frau Boies Arminia-Zeug an.
       
       5 Jul 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fritz Tietz
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Fußball-Bundesliga
       
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