# taz.de -- Der taz-Raucher: Auf einen Joint mit Helmut Höge
> "Mein vorläufig letztes Talkshowerlebnis liegt erst ein gutes Jahr oder
> so zurück"
(IMG) Bild: Helmut Schm... äh, nein .... Höge
Lieber Herr Höge, nichts macht Sie immer wieder so verdrossen wie
Talkshows.
Ja, und das von Anfang an. Bereits bei der ersten - dem "Beatclub" von
Radio Bremen, den Uschi Nerke moderierte und der in der dortigen linken
Schülerscene sehr beliebt war, bin ich nich reingekommen. Dabei war die
Nerke eine Schülerin an der Kunsthochschule, wo mein Vater lehrte. Das hat
mir aber damals nichts genützt. Zum Glück war das Fernsehen in den
Sechzigern noch nicht so wichtig, zudem entwickelte sich die Straße gerade
zu einem neuen politischen Medium.
Erst im nächsten Jahrtausend, 2001 um genau zu sein, habe ich es noch mal
versucht: bei "Vera am Mittag". Da habe ich schon für Die Zeit gearbeitet -
und Auf Zeit. Diesmal kam ich rein, wenn auch nur mit einer nervösen
Produktionsassistentin an meiner Seite. Vera erwies sich auch körperlich
als das genau Gegenteil von Uschi, die ich wie gesagt nur vom Bildschirm
her kannte. Die Sat.1-Talkshow war eine amerikanische Lizenz zum Töten,
also nichts auf deutschem Boden quasi Selbstausgedachtes. Sie wurde
demzufolge in den Babelsberger Studios auch nur nachgestellt. Und dafür war
bei den Dreharbeiten ständig eine amerikanische Aufseherin anwesend, die
auch so aussah. Aber da sie natürlich in dieser deutschen
Unterschicht-Talkshow kein einziges Wort verstand, ich nebenbei bemerkt
inzwischen auch kaum noch, hatte sie immer eine Dolmetscherin dabei.
Ich spazierte da also hinter der Bühne mit meiner Aufseherin von der
Produktionsleitung auf und ab und kuckte den Kabellegern bei der Arbeit zu,
als plötzlich die Aufseherin der amerikanischen Lizenzgeberfirma auf mich
zutrat und fast ärgerlich auf die Bühne zeigte. Ich winkte lächelnd ab. Es
ging da, glaube ich, gerade um zwei Pärchen aus Ost- und Westdeutschland,
von denen das eine Mädchen mit dem Freund des anderen rumgemacht hatte.
Weswegen sich nun die beiden "Betrogenen" zusammengetan hatten, um es ihr
in diesem Vera-Talk mal so richtig zu geben. Entscheidend war dabei jedoch
der Vierte im Bunde, der Junge aus Ostdeutschland, in dessen Zelt das
BRD-Mädchen nachmittags spontan, wie sie sagte, gekrochen war.
Das Ganze hatte sich auf einem Dauercamperareal in Spanien abgespielt. Ich
hatte die Geste der US-Aufseherin jedoch missverstanden, wie mir ihre
Dolmetscherin sogleich übersetzte: Sie wollte nur eine neue Position für
die zweite Kamera anordnen. Die Produktionsassistentin ging mit ihr
daraufhin zur Regie, die sich am Rand der Bühne befand. Mich ließ sie
zurück - bei der Dolmetscherin. Und diese erwies sich dann als die einzig
Interessante und Intelligente am ganzen Sat.1-Set. Sie hatte Amerikanistik
und Medienwissenschaft studiert und trug ständig eine schwarze Lederjacke.
Ihren Arbeitsplatz hatte sie halb draußen - an der großen offenen
Studiotür, wo es kalt war. Nur ab und zu musste sie für die Aufseherin der
US-Lizenzgeberfirma persönlich dolmetschen, die meiste Zeit kommunizierte
sie mit der auf Distanz - über Kopfhörer. Ich habe keine Ahnung, über was
die beiden dabei redeten. Viel kann es nicht gewesen sein, denn die
Dolmetscherin unterhielt sich mit mir die ganze Zeit. Sie hatte ein sehr
distanziertes Verhältnis zu der peinlichen Show, wie sie sagte. Darüber
redeten wir aber kaum. Ihretwegen besuchte ich die Nachmittagstalkshow auch
noch an den darauf folgenden Tagen - bis die Staffel abgedreht war.
Danach habe ich die Dolmetscherin dann leider aus den Augen verloren.
Stattdessen saß ich zu Hause in Berlin und arbeitete an einem Artikel über
"Vera am Mittag". Vielleicht sollte ich hier und jetzt die Gelegenheit
nutzen - und meine Telefonnummer oder wenigstens meine E-Mail-Adresse
anfügen? Nein, das wäre zu blöd, außerdem ist dieses Talkshow-Erlebnis auch
schon wieder fast zehn Jahre her.
Mein vorläufig letztes liegt erst ein gutes Jahr oder so zurück. Da lag ich
abends in einem Hotelzimmer in Hannover auf dem Bett und zappte durch die
TV-Programme, wobei ich den Ehrgeiz hatte, bei allen gerade auf
irgendwelchen Kanälen laufenden US-Spielfilmen, es waren, glaube ich,
sechs, den Handlungsfaden nicht zu verlieren - eine Art Gedächtnistraining
kurz vorm Einschlafen. Da tauchte auf einem Musikkanal Sarah Kuttner auf.
Sie redete die ganze Zeit - wie aufgedreht. Ich kannte sie, als sie noch
zur Schule ging und bei ihrem Vater wohnte, bei dem wir uns regelmäßig
nachts trafen, um über Theorie und Praxis des bewaffneten Kampfes zu
diskutieren. Wenn Sarah dann nach Hause kam, sagte sie nur kurz "Tach" -
gab ihrem Vater einen Kuss und verschwand schweigend in ihrem Zimmer.
Die Eingangsfrage stellte Giovanni di Lorenzo- allerdings nicht Helmut Höge
in der taz, sondern Helmut Schmidt in der Zeit.
13 Jul 2007
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