# taz.de -- Kolumne: Frau Unruh, wir müssen reden!
       
       > Die Vorsitzende der Grauen Panther hat endlich wieder ein Thema: Die
       > Absetzung von "Marianne & Michael" im ZDF.
       
 (IMG) Bild: Trude Unruh als Gründerin der Partei die Grauen Panther 1989
       
       Der Sinn gewisser Dinge scheint zum Glück einfach und klar. Manche
       existieren nur, um von dieser Frau gerettet zu werden. Die Firma Krupp zum
       Beispiel, in der sie 1941 als einfache Mitarbeiterin begonnen hatte, um
       sich dann zur Chefsekretärin hochzuarbeiten. Oder die Grünen, mit denen sie
       einen "Sprachrohr-Vertrag" abgeschlossen hatte, bevor die 1983 in den
       Bundestag eingezogen waren. Leider hielt der Vertrag nicht sehr lange, und
       Trude Unruh, heute 82 Jahre alt, gründete die Partei "Die Grauen Panther",
       um wiederum die Senioren zu retten.
       
       Dann war es still und stiller um sie geworden. Bis das ZDF vor einiger Zeit
       Fatales ankündigte: Die Sendung "Lustige Musikanten" mit Marianne & Michael
       soll abgeschafft werden. Ab 2008 kein M-&-M-Ehepaar mehr, das Vorzeigepaar
       unter den Volksstars, keine Krise nie - über eine Ewigkeit von Jahren. Ihr
       Ende empörte ein Grüppchen, genannt "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schlager
       und Volksmusik" so sehr, dass es ein Rechtsgutachten in Auftrag geben ließ,
       um das ZDF an seiner Achillesferse zu kriegen: Verstößt die Absetzung etwa
       gegen das Antidiskriminierungsgesetz? Werden die Älteren etwa
       diskriminiert? Trude Unruh schloss sich dem Protest sofort an. Weil damit
       alle beleidigt würden, "die Deutschland wieder aufgebaut haben". Welch ein
       Comeback!
       
       Ich wählte die Nummer ihrer Parteizentrale in Wuppertal. Nein, Frau Unruh
       sei leider nicht zu sprechen, ich könne aber gern meine Fragen per E-Mail
       schicken, sie würde sie dann beantworten und zurückschicken. Ich malte mir
       aus, wie Frau Unruh auf einem Notebook meine Fragen beantworten würde, in
       einem netten Internetcafé in Wuppertal, und mailte die Fragen unmittelbar
       nach dem freundlichen Telefonat. Nur einen Tag später klingelte mein
       Telefon. Magdeburger Nummer. Ein Herr Dieter Meyer begrüßte mich und klärte
       mich in astreiner sächsischer Funktionärssprache über seine Mission auf:
       Als erster stellvertretender Bundesvorsitzender der "Grauen Panther" werde
       er mir Unruhs Antworten nun telefonisch übermitteln.
       
       "Also", sagte er, "Ihre erste, also erstens: Wieso halten Sie das
       verbleibende Volksmusikprogramm im ZDF (Carmen Nebel etc.) nicht für
       ausreichend?" Er wiederholte meine Frage. "Also, ich sehe", fuhr er fort
       und stockte, "also sagt sie, Frau Unruh, ich gebe ja nur die Antworten
       durch, also ich sehe es so, dass der Versorgungsauftrag des
       öffentlich-rechtlichen Rundfunks sicher zu stellen ist gemäß des
       Bevölkerungsquerschnitts. Carmen Nebel ist nicht repräsentativ."
       
       "Keine Altersdiskriminierung also", fragte ich nach, etwas abgelenkt von
       einem Faxgerät, das im Hintergrund fleißig fiepte, "sondern Sie meinen,
       dass die Interessen der Älteren nicht paritätisch vertreten werden?"
       
       "So in dieser Richtung", konkretisierte er. Das Faxgerät fiepte munter
       weiter. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte, und
       versuchte es damit, meine letzte Frage vorzuziehen: "Welche Volksmusik hört
       denn Frau Unruh?" Er lachte. "Na, wissen Sie, also ZDF sieht sie nicht.
       Carmen Nebel, das ist nicht ihre Welt, aber Marianne und Michael, die sieht
       sie." - "Aber die sind doch auch im ZDF zu sehen?", meinte ich verwundert.
       "Ja, ja, aber Carmen Nebel mag sie nicht. Im Endergebnis: Klassische
       Volksmusik mag sie."
       
       Klassische Volksmusik? "Ja, wissen Sie, alles, was man jetzt in den
       Sendungen sieht, ist ja abgewandelt, volkstümlich. Klassische Volksmusik,
       das ist schwer zu definieren, die ist ja aus historischem Grund entstanden
       aus Lieder, die mal Kunstlieder waren und vom Volk abgewandelt und gesungen
       wurden - ähnlich wie Kirchenlieder." Er hielt kurz inne und schlug einen
       entschuldigenden Ton an. "Wissen Sie, ich habe ja seit dem Interview von
       Frau Unruh in der Bild am Sonntag nun jeden Tag anderen Journalisten eine
       Antwort zu geben." - "Das heißt, Sie haben jetzt ein neues Spezialgebiet?",
       fragte ich. "Ja", sagte er und lachte, etwas gequält. Ich dagegen hatte,
       fürchte ich, eine ganz neue Erkenntnis: Der Sinn mancher Dinge besteht
       einfach darin, Trude Unruh zu retten.
       
       23 Jul 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Lang
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Nachruf
       
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 (DIR) Nachruf auf Trude Unruh: Unruhe als Lebensprinzip
       
       Trude Unruh war Ehrenvorsitzende der früheren Partei der Grauen Panther.
       Wie nun bekannt wurde, ist sie bereits im Herbst gestorben. Ein Nachruf.