# taz.de -- Kommentar: Ungarische Gespenster
> In vielen postkommunistischen Staaten fällt Rechtsextremismus auf
> fruchtbaren Boden. Wie gefährlich das ist, zeigt die Gründung der
> paramiiitärischen "Ungarische Garde".
(IMG) Bild: Wollen in der Tradition des Ungarn-Aufstands 1956 stehen - erinnern aber eher an die faschistischen Pfeilkreuzler.
Der Untergang der kommunistischen Regime hat in vielen Ländern Mittel- und
Südosteuropas ein ideologisches Vakuum hinterlassen. Bereits 1990
entstanden deshalb vielerorts Gruppierungen,
die sich auf das Erbe nationalistischer Bewegungen aus der Zeit zwischen
den beiden Weltkriegen beriefen. Gerade diese Organisationen haben es
verstanden, die schlummernden nationalistischen Instinkte der Bevölkerung
zu wecken, alte ethnische Ressentiments zu erneuern und traditionelle
Feindbilder zu instrumentalisieren.
In vielen Staaten entstand so ein brodelnder Ideologiemix, der sich aus
antisemitischen und rassistischen Stereotypen, nationalistischen
Vorurteilen sowie Versatzstücken eines militanten Antikommunismus,
nationalistischen Vorurteilen, revisionistischen Ambitionen und einem
rachsüchtigen Fundamentalismus speiste. Diese diffusen Vorstellungen fanden
Eingang in den öffentlichen Diskurs, wobei sich auch gemäßigte Parteien
gerne aus der Mottenkiste des Nationalismus bedienen, um die Wählerschaft
zu ködern.
Die pogromähnlichen Übergriffe auf Roma in den frühen Neunzigerjahren in
Rumänien wie auch der eskalierende Nationalismus im ehemaligen Jugoslawien,
der im Bürgerkrieg gipfelte, lassen sich beide als Ausdruck des gleichen
postkommunistischen Zeitgeists deuten. Stets ging es darum, die tiefe
politische Identitätskrise mit Mitteln der Gewalt zu überwinden.
Die Gründung der "Ungarischen Garde", einer paramilitärischen Organisation
der Bewegung für ein rechtes und besseres Ungarn (Jobbik), sollte all jenen
ein Alarmsignal sein, die immer noch glauben, die Gefahr des
Rechtsextremismus entspränge bloß der Einbildung sensibler Publizisten,
linker Politiker und kritischer Intellektueller. Ungarn hatte im Westen
schon vor 1990 ein gutes Image, was auch an einer geschickten Lobbyarbeit
lag. Deshalb wurden die nationalistischen Entgleisungen der
Fidesz-Regierung unter Viktor Orbán vom westlichen Publikum ebenso
geflissentlich übersehen wie die gefährliche Verbreitung von Rassismus und
Antisemitismus in Ungarn.
Es ist kein Zufall, dass der Gründer der neofaschistischen "Garde", Gábor
Vona, und Expremier Orbán ursprünglich derselben Bürgerbewegung angehörten.
Dass sich die von Orbán geführte Fidesz als einzige Partei des
demokratischen Spektrums bislang weigerte, sich von der Ungarischen Garde
zu distanzieren, ist beängstigend. Denn der Rechtsextremismus in Osteuropa
ist längst mehr als ein hohlwangiges Gespenst, das an unsere Haustür
klopft. WILLIAM TOTOK
27 Aug 2007
## AUTOREN
(DIR) William Totok
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