# taz.de -- die wahrheit: Flash - die Eilmeldung
       
       > Heute vor zehn Jahren starb Mutter Teresa - und in der taz war die Hölle
       > los.
       
 (IMG) Bild: Mit gelassener Professionalität gelangt Mutter Teresa doch noch auf die Samstag-Seite: Teresa und Diana 1992
       
       Schnitter Tod ist ein gefürchteter Gast in jeder Zeitungsredaktion. Immer
       kommt er unangemeldet, stets zum falschen Zeitpunkt. Offenbar haben
       Sterbende, die zu Lebzeiten ein gewisses Interesse der Öffentlichkeit
       genossen haben, die saudumme Angewohnheit, erst ab 17 Uhr, kurz vor
       Redaktionsschluss, zu verscheiden. So ist es überliefert, dass der damalige
       Kulturchef der Tageszeitung Die Welt angesichts der Nachricht, Heinrich
       Böll sei just am späten Nachmittag gestorben, mit hochrotem Kopf auf den
       Redaktionsflur stürmte und brüllte: "Jetzt stirbt das Schwein zur Unzeit!"
       
       In der taz ist das anders. Derart geschimpft wird hier nicht. Im Gegenteil:
       Hingebungsvoll und mit großem Respekt versucht man, dem Verstorbenen
       gerecht zu werden. Zur Not auch eine ganze Woche lang. So geschehen vor
       zehn Jahren mit der toten Lady Di. Zwischen Eintreten des Todes und
       Beisetzung vergingen fünf Tage und vier Ausgaben mit sage und schreibe 17
       Artikeln über den Vorgang. Jede Menge Recherche also, die volle
       Information. Noch nie wurde eine Leiche bis dato von der taz derart
       umfangreich gecovert, was dann auch prompt zum Problem wurde.
       
       Wir schreiben Freitag, den 5. September 1997. Eine vollkommen ermattete
       Redaktion muss sich mit dem Hype-Ereignis "Begräbnis der Di" befassen. Der
       Chef vom Dienst sagt: "Wichtig, wichtig!". Der Seite-eins-Redakteur
       fordert: "Ideen, Ideen!" Die Redaktion bittet um Gnade: "Uns fällt nix mehr
       ein." - "Die ist doch schon lange tot." - "Lasst uns lieber was über die
       Gruppe 47 machen." Kurz bevor CvD und Seite-eins-Redakteur resigniert ins
       Koma fallen, zeigt sich ein Licht am Ende des Tunnels: Elton John hat
       "Candle in the Wind" umgedichtet. Wunderbar, die taz wird die Noten und den
       Text groß auf Seite eins drucken - zum Mitsingen am Fernseher. "Schön",
       sagt die Chefredaktion, "ein taz-typischer Zugang."
       
       Alsbald wird eine fähige Kraft losgeschickt, um ein Elton-John-Songbook zu
       erstehen. Die Grafik muss die Noten bearbeiten, den Text "Goodbye Englands
       Rose" liefern die Agenturen. Schön, so schön. Der Seite-eins-Redakteur muss
       heulen, der CvD trägt sich auf der Kondolenzseite des Buckinghham Palace
       ([1][www.royal.gov.uk]) ein. Alles geht seinen gewohnten redaktionellen
       Gang
       
       Doch plötzlich kommen erste Zweifel auf: Reicht das, um den kritischen
       Anforderungen der taz-Leserschaft gerecht zu werden? Es reicht nicht. Der
       Seite-eins-Redakteur muss weiterwirbeln. "Ideen, Ideen!" Niemand hört auf
       ihn. Da stört die Fotoredakteurin. Statt sich an der Ideensuche zu
       beteiligen, war sie beim Mittagessen. Unten im Rudi-Dutschke-Haus. Beim
       Italiener: das berühmt-berüchtigte "Sale & Tabacchi", in dem auch ein
       Helmut Kohl einmal in der Woche seine geliebten Spaghetti Carbonara
       verspeiste. "Unten im 'Sale & Tabacchi' sitzt der Baselitz!", berichtet die
       Fotoredakteurin mit hochroten Wangen dem Seite-eins-Redakteur. Sie dehnt
       das "a", wohl um die Bedeutung des Künstlers auszudrücken: "Baaaaselitz".
       "Hossa!", spricht der Seite-eins-Redakteur nur wenig beeindruckt, kam es
       doch immer wieder vor, dass bedeutende Menschen sich die zweitteuersten
       Nudeln der Stadt gönnten. "Warum erzählst du mir das?" - "Na", antwortet
       die für die Bildgestaltung der Seite verantwortliche Kollegin, "der könnte
       doch ein Porträt der Di erstellen, oder?" Der Seite-eins-Redakteur
       kombiniert blitzschnell: Alle Fotos der am meisten fotografierten Frau der
       Welt sind gedruckt, der Maler kann malen - Superidee! "Und? Hast du ihn
       gefragt?"
       
       Sie hat nicht. Prominenten-Hemmung wahrscheinlich. Der Seite-eins-Redakteur
       fackelt nicht lange, betritt das Lokal und tatsächlich, da sitzt er, der
       Malerfürst. Vor einem Teller Nudeln und eingerahmt von zwei Damen. "Großer
       Meister, ich bin von der taz und habe eine ungewöhnliche Frage: Könnten Sie
       uns wohl ein Porträt der Lady Di, die ja morgen beigesetzt wird, malen, auf
       dass wir eine schöne Seite eins haben morgen?", so oder so ähnlich fragt
       der Seite-eins-Redakteur. "Nun", antwortet der Meister, "warum nicht, die
       taz hat mich ja immer gut behandelt " Er hat seine Worte noch nicht
       ausgesprochen, da verwandeln die Damen sich in englische Furien, denn sie
       sind seine Managerinnen und wollen nicht, dass er durch willkürlich auf den
       Markt geworfene Werke die Preise verdirbt.
       
       Aber es hilft ihnen nichts. Der Maler malt mannhaft ein Porträt, die Seite
       eins ist gerettet, der Seite-eins-Redakteur kann sich wieder seiner Arbeit
       widmen und gestaltet die schönste Seite eins seiner Karriere: Mit einem
       Liedchen zum Mitsingen, einem tollen Bildchen, ach, es ist eine einzige
       Freude.
       
       So stolz ist er, dass er die fast fertige Seite dem Kunstredakteur zeigt:
       "Sieh mal, ein echter Baselitz! Was sagst du dazu?" Der Kunstredakteur
       sieht den Seite-eins-Redakteur mit sorgenvoller Miene an: "Ähm, was ? Wie
       bitte ?", stottert er. Offensichtlich zweifelt der Kunstredakteur am
       Verstand des Kollegen. "Baselitz? Da steht doch eindeutig Immendorff,
       I-m-m-e-n-d-o-r-f-f". Der Kunstredakteur deutet auf die Signatur.
       
       Wir schreiben Freitag, den 5. September 1997, mittlerweile ist es 19.44
       Uhr. Kurz vor Redaktionsschluss kommt eine Eilmeldung der
       Nachrichtenagentur dpa herein: "CNN: Mutter Teresa gestorben." Wie zur
       Hölle soll der Seite-eins-Redakteur denn jetzt noch auf der fertigen Seite
       eins die gute Mutter Teresa unterbringen? Es wäre nur zu verständlich, wenn
       der Seite-eins-Redakteur verzweifelt aufstöhnte, dass Profis morgens, nur
       Amateure aber immer am frühen Abend sterben. Doch mit gelassener
       Professionalität gelangt Mutter Teresa doch noch auf die Samstag-Seite.
       Oben links in die Brüll-Ecke, wenn auch falsch geschrieben - mit dem
       seither in der taz geflügelten Wort: "Flash! Mutter Theresa tot. Montag
       mehr."
       
       5 Sep 2007
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.royal.gov.uk/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Eyerich
       
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 (DIR) Mutter Teresa
       
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 (DIR) Die Wahrheit: Flash – die Eilmeldung
       
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