# taz.de -- Schauspielerin Nina Hoss: "Ein spielendes Kind"
> Nina Hoss spielt in Christian Petzolds Film "Yella" die Hauptrolle. Ein
> Gespräch über die Figur der Yella, Wäsche aufhängen und die Suche nach
> der Inspiration
(IMG) Bild: Nina Hoss in "Yella".
taz: Frau Hoss, bei der Figur der Yella drückt sich allein durch die
Körperhaltung - etwa durch den geraden Rücken - und durch die Art und
Weise, wie sie sich bewegt, sehr viel über ihre Persönlichkeit aus. Wie
entstehen solche Charakteristika?
Nina Hoss: Das meiste ergibt sich in der Vorbereitung. Bei den Figuren, die
ich spiele, stellt sich automatisch irgendwann eine Körperlichkeit ein. In
Christian Petzolds Filmen wird ja nicht alles ausgesprochen, und je weniger
man redet und durch Worte erklärt, umso wichtiger wird es - und das ist
meine große Freude an diesen Figuren -, was Gesten aussagen.
Wie viel müssen Sie im Vorfeld der Dreharbeiten über eine Figur wissen?
Haben Sie sich beispielsweise eine Biografie für Yella ausgedacht?
Ja. Selbst wenn man das später gar nicht sieht, kann man auf diese Weise
ein anderes Verhältnis zu seiner Figur aufbauen. Viele Verhaltensweisen
resultieren nun einmal daraus, was für eine Kindheit ein Mensch gehabt hat,
wie er aufgewachsen ist. Es gibt immer eine Geschichte hinter einem
Charakter, und wenn man die kennt, macht das viele Dinge ganz einfach. Man
muss sich dann nicht mehr von Szene zu Szene hangeln, sondern hat ein
Hinterland, vor dessen Hintergrund sich die Geschichte abspielt.
Was bedeutet das konkret?
Nehmen wir die Szene ziemlich zu Beginn des Films, in der Yella Wäsche
aufhängt. Die sollte eigentlich nicht allzu kompliziert sein. Aber es
stecken ganz viele Feinheiten drin: Hat sie schon immer Wäsche aufgehängt
oder macht das eigentlich ihr Vater? Solche Details interessieren mich. Es
geht darum, die größtmögliche Selbstverständlichkeit in solchen Handlungen
zu erreichen. So etwas muss man ernst nehmen, ansonsten verrät man seine
Figur.
Wie sehr hat Christian Petzold Sie in den Entstehungsprozess Ihrer Figur
einbezogen?
Als Christian die Figur der Yella entwickelt hat, haben wir uns immer
wieder getroffen, sind im Park spazieren gegangen, und währenddessen hat er
mir die Geschichte erzählt. Ich habe ihm Fragen gestellt, und daraus haben
sich neue Fragen ergeben. Das hatte gar nichts Pragmatisches, eher etwas
Naives. Man fragt nach, ohne gleich zu denken: Wie soll ich das denn
spielen? Christian erzählte etwas, und plötzlich fiel ihm etwas Neues ein,
und so veränderte sich die Geschichte, noch während er sprach.
Haben Sie den Film "Carnival of Souls" von Herk Harvey aus dem Jahr 1962
gesehen? Darin geht es wie in "Yella" um eine Frau, die in einem Auto von
einer Brücke stürzt und sich plötzlich in einer Geisterwelt zwischen Leben
und Tod wiederfindet.
Nein. Christian hat viel von dem Film erzählt, aber ich habe ihn mir
tatsächlich nie angesehen.
Ist es wahr, dass Sie, wenn Sie sich auf eine Szene vorbereiten, erst
einmal für eine Weile in dem Raum hin- und hergehen, in dem die Szene
spielt?
Das stimmt. Schauspielen hat viel damit zu tun, sich als Figur in einem
Raum zu bewegen: Findet man eine Haltung oder ist man verloren? Deswegen
ist der Raum so wichtig, deshalb muss ich immer erst einmal den Raum
wahrnehmen dürfen. Christian weiß um diese Notwendigkeit und gibt einem die
Zeit dafür. Dadurch werden manche Situationen total klar, ohne dass lange
geprobt werden müsste.
Ansonsten würde man sich nur in einer Kulisse bewegen.
Genau. Man würde nur so tun als ob.
Sie haben sich im Vorfeld der Dreharbeiten zu "Yella" bestimmte Filme
angesehen, etwa "Stromboli" mit Ingrid Bergmann oder "Nachtblende" mit Romy
Schneider. Weshalb?
"Nachtblende" sehe ich mir eigentlich vor jedem Film an, den ich drehe. Bei
"Stromboli" war es ein ganz konkreter Anlass: Die von Ingrid Bergmann
gespielte Frau ist fremd auf einer Insel, so wie Yella fremd ist in dieser
westlichen Venture-Capital-Welt.
Wie nah oder fern fühlen Sie sich dieser Welt?
Diese Businesswelt hat in den letzten Jahren einen ganz anderen
gesellschaftlichen Stellenwert bekommen, und ich glaube, dass in der
Souveränität, mit der da Gelder hin- und hergeschoben werden, ein Spaß
liegen kann. Das sieht man ja an der Figur des Philipp, der andere Menschen
in der Hand hat und entscheiden kann, ob er sie fallen lässt oder nicht.
Ein Spiel, an dem auch Yella mit der Zeit ihre Freude findet.
Sie denkt, dass sie es verstanden hat. Hat sie aber nicht. Einige Menschen,
mit denen ich über den Film gesprochen habe, haben die Figur der Yella als
extrem grausam empfunden. Ich habe in ihr immer mehr ein spielendes Kind
gesehen, das sagt: "Ich lasse mir meinen Traum nicht kaputt machen."
Sie spielen auch viel Theater. Wie schafft man es, Figuren über längere
Zeiträume zu spielen und sie trotzdem nicht verflachen zu lassen?
Jede Figur ist mir so wichtig, dass ich sie jedes Mal wieder verteidigen
möchte und an jedem Abend etwas Neues an ihr entdecke. So lange das so ist,
kann auch nichts verflachen. Zumindest weiß ich, dass ich nicht routiniert
auf die Bühne gehe und denke: Ich hab das jetzt schon 40-mal gespielt, dann
wird das schon laufen.
Bereiten Sie sich eigentlich unterschiedlich auf Film- und Theaterrollen
vor?
Nein, es ist beides dasselbe. Bloß, dass man es im Theater oft mit
klassischen Stoffen zu tun hat und es aufgrund der Sekundärliteratur
wesentlich mehr zu lesen gibt. Bei "Medea" etwa habe ich mich totgelesen.
Aber ich sehe mir dann auch Filme oder Gemälde an, suche immer nach etwas,
das mich inspiriert, egal ob ein bestimmtes Bild jetzt tatsächlich etwas
mit Medea zu tun hat. Es geht um die Gefühle, die so etwas auslöst.
12 Sep 2007
## AUTOREN
(DIR) Andreas Resch
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