# taz.de -- WM-Sieg der Frauen: Die Stille nach dem Schuss
> Böller? Jubel? Zu hören war wenig, als die Frauen
> Fussball-Weltmeisterinnen wurden. Warum die Nation lieber ihre Männer
> feiert.
(IMG) Bild: Von der Jubelstimmung der Spielerinnen ließ Deutschland sich nicht anstecken.
Wir sind Frauenweltmeister. Oder sogar WeltmeisterINNEN. Kaum ein Nachhall
stellt sich ein. Kein inneres Jubelgefühl, das einen zu "Wahnsinn,
irre"-Gestammel hinreißen würde. Wenn man dieses freundliche, aber
keineswegs euphorische Gefühl von: Oh, da haben die Frauen tatsächlich
einen sportlichen Sieg hingelegt, vergleicht mit dem "Sommermärchen" der
Männer-WM 2006, dann kommt man schon ins Grübeln. Es ist doch irgendwie
ungerecht, dass die Leute sich nicht genauso freuen. Oder sogar mehr,
schließlich wurde der Frauenfußball lange genug als Bemühung einiger
verirrter Mannweiber lächerlich gemacht.
So funktionieren Gefühle offenbar nicht. Schon gar nicht kollektive.
Natürlich, die Frauen sind als Fußballspielerinnen gerade erst im
allgemeinen Bewußtsein angekommen. Aber warum wird die Euphorie, die den
Männerfußball begleitet, nicht einfach auf die Frauen erweitert?
Stattdessen berührt es einen eher peinlich, wenn eifrige Fernsehmoderatoren
die Frauenfußball-WM zum "Herbstmärchen" hochfabulieren. Um danach sang-
und klangloszur Radsportberichterstattung überzugehen. Radsport der Männer,
wohlgemerkt. Auch daran, wie die meisten Zeitungen zwar ein Bild der
Siegerinnen auf die Titelseite druckten, die Berichterstattung aber dann
ganz hinten im Sportteil versenkten, ist dieses Unbehagen ablesbar. "Haben
Sie - abgesehen von strategischen Überlegungen - als Zuschauer Spaß beim
Frauenfußball?" fragte die SZ gestern ungläubig den DFB-Vize Theo
Zwanziger. Die Journalistin konnte sich das offenbar kaum vorstellen.
"Wir" würden uns ja gerne freuen, aber das Gefühl dazu ist nicht da. Dieses
Gefühl, dass da eine Mannschaft für "uns" trainiert, gekämpft, gelitten,
böse Fouls eingefangen hat, sich die Seele aus dem Leib gerannt und
geschrien hat. Die Frauen spielen für sich. Vielleicht noch für "die
Frauen". Aber für das kollektive "wir" spielen sie irgendwie nicht. "Die"
haben das gut gemacht, sagen nun alle Kommentatoren. Anerkennung für "die
Frauen". Die Frauen sind nicht "wir". Sie sind "die". Die Anderen.
Frauen und Fußball, das paßt eben einfach schlecht, meinen viele. Aber
warum? Warum finden wir uns klaglos mit Kugelstoßerinnen, Handballerinnen
und Eishockey-Damen ab, aber nicht mit Fußballerinnen? Weil Fußball eben
kein Sport wie jeder andere ist. Fußball ist unser Nationalsport. Die
Frauen passen im Kollektivgefühl mit Fußball nicht zusammen, weil sie nicht
mit dem Bild der Kämpfer für die Nation zusammenpassen. (In den USA, wo
nationale Männlichkeit mit anderen Sportarten verknüpft ist, gilt Fußball
dagegen geradezu als sanfter Frauensport.)
Es ist das Erbe der alten Fantasie, in der Nation, Militär und Männlichkeit
zu einer symbolischen Einheit verschmolzen sind. In der männliche Heroen
den weiblich imaginierten Volkskörper beschützen und verteidigen. Weshalb
das archaische kollektive "man" sich Frauen beim Militär ähnlich schlecht
vorstellen kann wie als Staatslenkerin - oder eben beim Fußball. Nimmt man
Fußball gemäß einer gängigen kulturhistorischen These als zivilisierten
Platzhalter des Krieges, dann wäre das Fußballspiel symbolisch gesehen das
männliche Selbstopfer zugunsten des weiblichen Volkes. Diese ganze
Konstruktion droht zusammenzubrechen, wenn die Frauen sich hinstellen und
sagen: Danke, liebe Männer, für die Jahrtausende lange Mühe, in Zukunft
kämpfen wir lieber selber. Was ist dann noch übrig vom männlichen
Selbstbild? Und im Übrigen ist damit auch das archaische unbewußte
Selbstbild der Frauen bedroht: Eva Herman hat es übernommen, das
auszusprechen.
Liegt es an solchen unbewußten Mythen, dass uns immer wieder aus berufenem
Munde klargemacht wird, dass man Frauenfußball auf gar keinen Fall mit
Männerfußball vergleichen kann? Das eine ist irgendwie falscher, das andere
richtiger Fußball. Lange konnte man das im Brustton der Überzeugung damit
begründen, dass die Frauen um Klassen schlechter spielten - jedenfalls aus
Männerfußball-Perspektive. Doch dummerweise konnte man beim diesjährigen
WM-Endspiel über große Strecken tadellos attraktiven Fußball sehen. Was
nun?
Zum Glück für unser archaisches kollektives Unbewußtes sind die Frauen nur
im falschen Fußball Weltmeisterinnen geworden. Nicht ganz ernstzunehmen.
Nicht so, wie Angela Merkel, die - auf die Politik übertragen - in der
Männerliga gewonnen hat. Seitdem reißt ja die Geschlechterdebatte im Lande
nicht mehr ab. Aber irgendwie fühlt sich das arme kollektive Unbewußte ganz
schön in die Enge getrieben. Der Widerstreit mit dem kollektiven bewußten
"Ich", das sich ja bemüht, seinem heren Gleichheitsideal der Geschlechter
zu folgen, ist unüberhörbar. Eben in diesem falschen Ton, den man im
pflichtschuldigen Jubel über unsere Fußballfrauen vernimmt.
Aber das Nationalheiligtum Männerfußball wird wohl noch eine Weile sicheres
Refugium dieses Unbewußten bleiben. Gerade weil der Fußball eine der
letzten Bastionen männlich-nationalen Heroentums ist, werden "wir"
Fußballerinnen sicher noch lange irgendwie komisch finden. Sie bleiben
"Frauenweltmeisterinnen" - und damit fürs erste ungefährlich. Noch.
1 Oct 2007
## AUTOREN
(DIR) Heide Oestreich
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