# taz.de -- Kommentar Kempowski: Eine Sprache für sich
       
       > Walter Kempowski hat dem deutschen Bürgertum stets aufs Maul geschaut.
       > Das machte ihn bei den Linken verdächtig, die in ihm einen
       > Volksschriftsteller sahen.
       
 (IMG) Bild: Walter Kempowski beim Festakt anlässlich seines 75. Geburtstags vor drei Jahren. Die Öffentlichkeit erfuhr erst 2006 von seinem Darmkrebsleiden.
       
       Einen "Volksschriftsteller" hat man ihn nicht nennen dürfen, das habe etwas
       "Nazistisches", sagte Walter Kempowski einmal. Und doch war der 1929 in
       Rostock geborene Reedersohn wie kaum ein anderer Schriftsteller des 20.
       Jahrhunderts dem Volk nahe. Denn er saugte dessen Sprache buchstäblich auf
       und verarbeitete sie in seinen großen bürgerlichen Romanen "Tadellöser &
       Wolff", "Uns gehts ja noch gold" und "Ein Kapitel für sich", die in den
       Siebzigerjahren durch die kongenialen Verfilmungen Eberhard Fechners weit
       in ebendieses Volk hineinwirkten: durch Kempowskis sehr eigene Sprache,
       seinen norddeutschen, am Swing geschulten Sound.
       
       Jeder seiner Leser kann die komischen Glanzstücke herunterbeten: "Klare
       Sache, und damit hopp" oder "Ansage mir frisch!" oder "Wie isses nur
       möglich?", dieser eigentümliche Tonfall eines Bildungsbürgertums, das
       seinen Untergang melancholisch und zugleich rasend komisch kommentiert.
       Kempowski war der exakte Erzähler des deutschen Bürgertums, weil er genau
       hinhörte. Allein das aber produzierte ein enormes Misstrauen gegen ihn
       aufseiten der Linken. Sie sahen in ihm einen Volksschriftsteller, der sich
       einem Bürgertum anbiederte, das Hitler und die Nationalsozialisten erst
       ermöglicht hatte und nun nach dem Krieg so tat, als ob nichts gewesen wäre.
       Sie sahen einen Kommunistenhasser, der acht Jahre wegen angeblicher
       Spionage für die USA in einem ostdeutschen Gefängnis saß. Doch sie
       übersahen, was Kempowski leistete, als er, der die bürgerliche Tragik
       persönlich durchlebt hatte, ein genauer Chronist deutscher Verhältnisse
       wurde. Seine Chroniken wie auch sein Mammut-Tagebuchwerk "Echolot"
       ermöglichten es späteren Generationen erst, vieles von dem zu verstehen,
       was in die Katastrophe von Auschwitz geführt hatte.
       
       Volksschriftsteller sind per se verdächtig, denn den Deutschen ist zu
       misstrauen - so die sehr simple Logik mancher Linker. Damit steht Walter
       Kempowski in einer guten Ahnenreihe mit Autoren wie Karl May oder Johannes
       Mario Simmel, die durch den verfemten Begriff eher geadelt werden: Denn
       Volkes Sprache ist viel zu wertvoll, um sie denen zu überlassen, die sie
       todsicher gegen das Volk wenden.
       
       6 Oct 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Ringel
       
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