# taz.de -- Che Guevara: Der Marlboro-Mann der Linken
> Vor 40 Jahren wurde Ernesto Rafael Guevara de la Serna in Bolivien
> ermordet. Der Mythos des Rebellen "Che" lebt weiter, als Mensch war er
> eitel, launisch und autoritär.
(IMG) Bild: "Der Rauch ist der größte Gefährte des einsamen Soldaten"
Dieser traurige Blick in die Ferne. Das wehende Haar, der schüttere Bart.
Die schwarze Baskenmütze mit dem roten Stern. Jeder kennt das Porträt. Der
Fotograf Alberto Korda hat es am 5. März 1960 auf dem Platz der Revolution
in Havanna aufgenommen. Der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli
hat es Korda abgeluchst und weltweit vermarktet. Das Bild wurde
abermillionen Mal gedruckt und multiplizierte den Mythos des Porträtierten.
Das war schon nach dessen Tod.
Dieser Mythos bedeckt noch immer warm und wohlig das wahre Leben des
Ernesto Rafael Guevara de la Serna, den die Kubaner und nach ihnen alle den
Che nannten. Was weiß man schon von ihm? Dass er Argentinier war und
asthmatisch, Arzt und Revolutionär; dass er als junger Mann mit dem
Motorrad durch Lateinamerika reiste und mit Fidel Castro als Guerillero in
die Sierra Maestra zog, um Kuba vom Joch des Diktators Fulgencio Batista zu
befreien; dass er Zentralbankpräsident von Kuba war, obwohl er Geld hasste;
und dass er später in Bolivien noch einmal eine Revolution anzetteln wollte
und dabei gefangen genommen und erschossen wurde. Aber wer weiß schon, dass
Guevara eine Rolex am Handgelenk trug, als er vor 40 Jahren, am 9. Oktober
1967 in La Higuera starb? Er war 39 Jahre alt.
Wenn Menschen zu Mythen werden, ist es besser, man weiß nicht zu viel über
sie. Sie werden sonst entzaubert und wieder zu Menschen. Über Che Guevara
wurden viele Biografien geschrieben. Die meisten gleichen
Heiligen-Legenden. Wenn Fidel Castro seinen einstigen Mitstreiter in Reden
erwähnte, nannte er ihn gerne den "wahrscheinlich komplettesten und
transparentesten Menschen, den es je gegeben hat". Und Kubas Kinder werden
noch immer angehalten, im Chor zu rufen, sie wollten "sein wie der Che".
Besser nicht. Ernesto Guevara war kein angenehmer Mensch. Er war - neben
allen Verdiensten als Guerillero - eitel, launisch und autoritär. Ein
ungepflegter Macho, der sich nur sehr selten wusch. Er konnte ungerecht
sein und brutal und hatte bisweilen rassistische Ausfälle. Das steht nicht
in den Heiligen-Legenden. Man muss mit alten Männern reden, die mit ihm in
der Sierra Maestra waren oder im Industrieministerium. Nach ein paar
Gläsern Rum fangen sie an zu erzählen - unter der Bedingung, dass ihre
Namen nicht erwähnt werden. Und man muss seine Briefwechsel studieren und
seine Tagebücher. Man liest und hört da manches, das gar nicht zum Mythos
des guten Che passen will.
Das fängt schon in der Jugend an. Da ist nichts zu finden von frühem
politischem Handeln. In einem Interview gab er selbst zu: "Ich hatte in
meinen Jugendjahren keinerlei soziales Engagement." Sein Medizinstudium war
ihm eher lästige Pflicht. Als er Ende 1951 beschloss, zusammen mit einem
Freund mit dem Motorrad durch Südamerika zu fahren, schrieb er: "Ich hatte
die Schnauze voll von der Medizinischen Fakultät, den Krankenhäusern und
den Arztpraxen."
Er war Sohn einer ins wirtschaftliche Abseits driftenden, ehemals reichen
Familie, hatte eine Freundin aus der Oligarchie, mit Hacienda, Polofeldern
und arabischen Hengsten. Und er hatte einen Spleen, der damals unter den
Sprösslingen der Bessergestellten Argentiniens verbreitet war: Er hing der
Theorie des "Raidismo" an. Der Begriff kommt vom umgangssprachlichen "pedir
raid" (trampen) und meint ein zielloses Herumschweifen. Seine erste Reise
durch Lateinamerika setzte diese Theorie in die Praxis um. Sicher,
unterwegs hat er ab und zu in Krankenhäusern gearbeitet - aus Geldmangel.
Viel besser gefiel ihm ein Job, den er in Leticia im Süden Kolumbiens
angenommen hatte: Trainer und Torwart einer Fußball-Mannschaft. Akribisch
notierte er die Ergebnisse aller Spiele in sein Tagebuch - unter besonderer
Berücksichtigung seiner eigenen Leistungen. Am Ende dieses Reise-Tagebuchs
wurde er unvermittelt radikal: "Ich werde für das Volk kämpfen und weiß, ()
dass ich () die Barrikaden und Schützengräben mit dem Geheul eines
Besessenen stürmen, meine Waffen in Blut tauchen und rasend vor Wut jedem
Besiegten den Hals durchschneiden werde."
Es dauerte noch eine Weile, bis aus den schwülstigen Worten Taten wurden.
Doch der Satz war prophetisch. Fünf Jahre später kämpfte Che Guevara an der
Seite Fidel Castros wie ein Besessener. Es gibt haufenweise Zeugnisse
seines fast selbstmörderischen Muts. Am liebsten scharte er die jüngsten
der Truppe um sich - heute würde man sagen: Kindersoldaten. "Er sagte, sie
wären verrückter als ältere, würden mehr aufs Spiel setzen und nicht lange
nachdenken", erzählt einer, der mit ihm in den Bergen war.
Seine 18-jährige Freundin aber durfte nicht kämpfen, obwohl sie das wollte.
Comandante Guevara ordnete an, dass sie im Lager bleiben müsse, um dort
sein Maultier Armando zu pflegen. Er hat sie ein paar Monate später
verlassen, so wie er alle Frauen verlassen hat. Seine erste Frau Hilda
Gadea drängte er in die Ehe, zeugte ein Kind und hatte sie dann über:
"Unsere geistige Unvereinbarkeit ist zu groß und ich lebe in diesem
anarchischen Geist, der mich Horizonte erträumen lässt." Das war noch vor
dem Kuba-Abenteuer. Auch die zweite Frau, die Kubanerin Aleida March,
musste stets mit den Kindern zurückbleiben, wenn der Gatte neue Horizonte
suchte.
Die Wut und Brutalität, die sich der junge Guevara am Ende seines
Reisetagebuchs angedichtet hatte, war später bei seinen Untergebenen
gefürchtet. Er schurigelte sie, stellte sie an den Pranger. "Um den
Abschaum aus der Kolonne zu entfernen, habe ich die Entlassung aller
befohlen, die es wollten", schrieb er während des Guerillakriegs an Fidel
Castro. Später, als er im Kongo kämpfte, bezichtigte er seine schwarzen
Genossen der "Ignoranz" und einer "kleinlichen Mentalität". Verstanden hat
er sie nie. Er sprach nur ein paar Brocken Suaheli. Trotzdem war er - in
einem Brief an Castro - davon überzeugt: "Wenn ich nicht wäre, hätte sich
dieser schöne Traum bereits vollständig in einer allgemeinen Katastrophe
aufgelöst." Später in Bolivien hörte der französische Sozialist Régis
Debray, wie er seine wenigen einheimischen Mitkämpfer "Scheißbolivianer"
schimpfte, von denen er "keinen mehr sehen" wolle.
In der Sierra Maestra hatte er sich vorgedrängt, als es darum ging, den
ersten Verräter in den Reihen der Guerilla zu füsilieren. Eigentlich hatte
Castro einem anderen den Schießbefehl gegeben. Dieser erzählte später: "Ich
hatte mein Gewehr dabei. Aber dann zog plötzlich Che einen 22er Colt und
jagte ihm - bumm - eine Kugel in den Kopf." Guevara hat den Vorfall in
seinem Tagebuch nicht erwähnt, ganz stolz aber, dass er nach der Eroberung
der Stadt Santa Clara als Erstes zwölf Polizisten an die Wand stellen ließ.
Erschießungen, schrieb er, seien "eine Notwendigkeit für das kubanische
Volk". Später richtete er das erste Arbeitslager Kubas ein, für Menschen,
"die kleinere oder größere Vergehen gegen die revolutionäre Moral begangen
haben". Seinen Untergebenen im Industrieministerium drohte er, sie könnten
dort "Ferien verbringen", wenn sie nicht spurten.
Er glaubte, alles lasse sich mit Willenskraft und Gewalt durchsetzen,
selbst eine Weltrevolution. Parteien fand er überflüssig, die historischen
Umstände waren ihm schnurz. "Man muss nicht warten, bis die Bedingungen für
eine Revolution gegeben sind; der aufständische Fokus kann sie schaffen",
schrieb er in seinem Buch "Der Guerillakrieg". Eine kleine kämpfenden
Einheit hier, dann eine da und noch eine dort - so, glaubte er, könne er
der Geschichte eine kommunistische Wende geben. Er hat sich maßlos
überschätzt.
Als er 1965 in den Kongo ging, sollte dies eine Revolution in ganz Afrika
auslösen. Als er gescheitert war, notierte er trotzig: "Ich folge nur treu
meinem Konzept des Fokus." Auch in Bolivien hatte er Großes vor. Kurz nach
seiner Ankunft sagte er einem Kontaktmann: "Wir können uns nicht den Luxus
leisten, von einer Revolution nur in Bolivien zu träumen, ohne zumindest in
einem Küstenland oder vielmehr in ganz Lateinamerika eine Revolution zu
machen." Mehr als 46 Männer und Frauen, inklusive aller Besucher, hatte er
dafür nie unter seinem Kommando. Am Ende war es nur noch ein gutes Dutzend.
Vielleicht war es gut, dass Guevara einen frühen Tod fand. Er würde sich im
heutigen Kuba kaum mehr zurechtfinden. Spätestens als Fidel Castro 1993 den
US-Dollar als Zahlungsmittel einführte, hätte der Che den Staats- und
Parteichef am liebsten ins Arbeitslager geschickt. Und nun, da der Alte
sich langsam zurückzieht und die Herrschaft der Partei an seine Stelle
tritt, würde er vollends alles für verloren halten. Als Mythos des
Muster-Guerillero aber begeistert er wieder und wieder die Jugend.
Er hat diesen Mythos selbst geschaffen. Im "Guerillakrieg" beschreibt er
ihn bis ins Detail. "Rauchwaren", heißt es da etwa, seien fundamental im
Leben des Guerillero. "Der Rauch, den er in den Augenblicken der Ruhe
ausstoßen kann, ist der große Gefährte des einsamen Soldaten." Ernesto Che
Guevara, der Marlboro-Mann der Linken.
9 Oct 2007
## AUTOREN
(DIR) Toni Keppeler
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Che Guevara: Lateinamerikas Superstar
In Lateinamerika ist die heutige Bedeutung Che Guevaras heftig umstritten:
Ist der Revolutionär nun eher "rein wie ein Kind" oder doch mehr ein
"Beitrag zur allgemeinen Verblödung"?.
(DIR) Kolumne Geschöpfe: Der T-Shirt-Tycoon
Wie ich einmal vielleicht fast eventuell dem großen Revolutionär begegnet
wär.
(DIR) Che-Doku: Der falsche Freund
Die Doku "Schnappschuss mit Che" (Di, ARD, 22.45 Uhr) verfolgt die letzten
Tage Guevaras in Bolivien - und enttarnt eine Fälschung.