# taz.de -- Kraftwerk-Studie: "Eine grandiose Täuschung"
       
       > Epidemiologe Eberhard Greiser erhebt schwere Vorwürfe gegen die Leiterin
       > der Studie zum Thema Leukämie im Umkreis von AKWs: Sie soll die
       > Ergebnisse bei der Veröffentlichung verharmlost haben.
       
 (IMG) Bild: AKW Krümel an der Elbe: Im 5-Kilometer-Kreis um die deutschen AKWs ist das Krebsrisiko bei Kindern um 60 bis 75 Prozent höher, stellt die Studie fest
       
       taz: Herr Greiser, haben Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken
       aufwachsen, ein erhöhtes Krebsrisiko? 
       
       Eberhard Greiser: Das ist eindeutig so. Die neue Studie hat die Daten von
       22 deutschen Kernkraftwerken an 16 Standorten ausgewertet.
       
       Aber ein erhöhtes Krebsrisiko besteht nur im 5-Kilometer-Umkreis, sagt die
       Leiterin der Studie, Prof. Maria Blettner. 
       
       Die Aussage ist falsch. Die Auswertungen in ihrem eigenen Abschlussbericht
       zeigen, dass das Risiko bis zu einer Entfernung von 50 Kilometern höher ist
       als weiter entfernt und dass das Erkrankungsrisiko mit zunehmender
       Entfernung von Atomkraftwerken kontinuierlich abnimmt.
       
       Sie behaupten, dass Frau Prof. Blettner die Studie ihres Institutes falsch
       darstellt? 
       
       In der Studie sind die Daten korrekt ausgewertet. Aber das, was Frau Prof.
       Blettner als Ergebnis in die Öffentlichkeit kommuniziert, ist schlicht
       falsch. Das kann man auch nicht als Streit unter Experten abtun. Das ist
       eine so grandiose Täuschung der Öffentlichkeit, dass man sich fragen muss,
       ob hier nicht die Grenze zwischen Täuschung und Fälschung überschritten
       wird.
       
       Außerhalb des 5-Kilometer-Kreises ist die Erhöhung des Risikos aber sehr
       gering. 
       
       Das stimmt so nicht: Im 5-Kilometer-Kreis ist das Risiko um 60 bis 75
       Prozent höher, in 5 bis 10 Kilometern Entfernung um 20 bis 40 Prozent
       erhöht, weiter entfernt sinkt das Risiko bis auf sehr kleine Werte. Wenn
       Sie die Zahl der Bewohner nehmen, gibt es in der 50-Kilometer-Zone
       allerdings deutlich mehr betroffene Kinder.
       
       In der ersten Pressemitteilung des Mainzer Institutes für Epidemologie
       (Imbei) am vergangenen Montag stand aber: "Außerhalb der 5-Kilometer-Zone
       fanden sich keine erhöhten Erkrankungsrisiken." 
       
       Der Satz stand zunächst auf der Internetseite des Mainzer Instituts, ist
       nun aber gestrichen. Frau Prof. Blettner hat erklärt, dass nur 29 Fälle von
       Krebserkrankung bei Kindern innerhalb von 24 Jahren der Nähe zu den
       Kernkraftwerken zuzuschreiben sind. Wenn man korrekt rechnet und das Risiko
       außerhalb des 5-Kilometer-Radius einbezieht, findet man je nach
       Rechnungsmethode zwischen 121 und 275 Fälle. Beide Berechnungen finden sich
       in der Studie ihres Hauses. Prof. Blettner hat sich in ihrer Darstellung
       gegenüber der Öffentlichkeit also um einen Faktor fünf bis zehn verschätzt.
       Von allen Krebserkrankungen bei Kindern unter 5 Jahren, die im
       50-Kilometer-Umkreis von Kernkraftwerken leben, sind 8 bis 18 Prozent auf
       das Wohnen in der Nähe des Atomkraftwerkes zurückzuführen. Die Studie gibt
       deutliche Hinweise, dass Kernkraftwerke im Normalbetrieb gesundheitlich
       nicht unbedenklich sind.
       
       Wie deuten Sie das Vorgehen von Prof. Blettner? 
       
       Ich halte das bei einer Wissenschaftlerin für enorm kritisch, wenn sie die
       offenkundigen Ergebnisse ihrer eigenen Forschung in einer Weise
       manipuliert, dass ein Effekt fast bis zur Unkenntlichkeit verharmlost wird.
       Man fragt sich natürlich, warum eigentlich.
       
       In der Öffentlichkeit spricht Frau Prof. Blettner von der Möglichkeit, dass
       es bisher noch unbekannte Faktoren gibt oder dass es sich doch um Zufall
       handelt. 
       
       Diese Erklärungsversuche sind abwegig. Ich vermute, dass Frau Prof.
       Blettner selbst von den Ergebnissen überrascht worden ist und deshalb nun
       davon abrückt. Diese Studie ist weltweit die größte Studie zu dem Thema.
       Das Expertengremium, das sie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz
       begleitet hat und dem ich angehöre, hat keinen Zweifel daran, dass hier
       korrekt gearbeitet worden ist.
       
       Die FAZ spricht von "rätselhaften Zusammenhängen". 
       
       Die Zusammenhänge sind für die Mitglieder des Expertengremiums des
       Bundesamtes für Strahlenschutz nicht rätselhaft, sondern sehr plausibel.
       Welcher Zufall sollte für einen so eindeutigen Abfall der
       Erkrankungshäufigkeit bei zunehmender Entfernung verantwortlich sein?
       
       Was ist normalerweise das Verfahren bei der Veröffentlichung solcher
       Studien? 
       
       Das übliche Verfahren bei einer komplexen oder absehbar sensiblen Studie
       ist, dass zur Sicherung der Qualität ein Beirat eingerichtet wird. Der
       steht den Wissenschaftlern beiseite, die die Studie durchführen, macht am
       Ende seinen Bericht, der den Wissenschaftlern bescheinigt, dass die Studie
       ordentlich durchgeführt worden ist. Dann wird das Ganze den Auftraggebern
       vorgelegt, und schließlich wird das Ergebnis gemeinsam verkündet und
       öffentlich interpretiert. Frau Prof. Blettner hat sich im Laufe des
       vergangenen Jahres jedoch gegen eine externe Qualitätsprüfung durch
       Mitglieder des Expertengremiums gewehrt. Was hier passiert ist, habe ich in
       meinem ganzen beruflichen Leben noch nicht erlebt.
       
       Hat der wissenschaftliche Beirat Frau Prof. Blettner erklärt, wieso er die
       Ergebnisse anders interpretiert? 
       
       Es geht hier überhaupt nicht um eine Interpretation von Ergebnissen,
       sondern vor allem darum, dass Ergebnisse, die sich eindeutig im
       Abschlussbericht der Studie finden, der Öffentlichkeit unterschlagen
       werden. Frau Prof. Blettner hat sich auch einer Diskussion nicht gestellt.
       Sie ist am 10. Dezember, als der Termin mit dem Expertengremium war, nicht
       erschienen.
       
       Soll man Eltern kleiner Kinder, die im Umkreis von 50 Kilometern von
       Atomkraftwerke leben, raten, wegzuziehen? 
       
       Man kann ja nicht die Gegenden um alle deutschen Kernkraftwerke
       menschenleer machen. Gott sei Dank erkranken ja auch nur sehr wenige Kinder
       unter 5 Jahren an Leukämie oder an anderen Krebsarten. In ganz Deutschland
       bekamen im Untersuchungszeitraum von 24 Jahren mehr als 13.000 Kinder
       dieser Altersgruppe Krebs. Im Bereich unter 50 Kilometer um die 16
       Standorte deutscher Kernkraftwerke erkrankten insgesamt 1.523 Kinder. Bei
       121 bis 275 von ihnen ist der Krebs auf das Wohnen in der Nähe des
       Kernkraftwerkes zurückzuführen - das sind vermutlich zwischen 5 und 12 pro
       Jahr.
       
       Umziehen oder nicht umziehen? 
       
       Ich würde mir einen Umzug genau überlegen. Die Emissionen der
       Kernkraftwerke sind ja nur ein Faktor von vielen, die zu Krebs im
       Kindesalter führen können. Und viele Faktoren können die Eltern auch ohne
       Umzug beeinflussen. Rauchen während der Schwangerschaft oder in der
       Umgebung von Kleinkindern ist deswegen gefährlicher, weil noch viel zu
       viele Mütter rauchen. Insektizide im Haushalt sind in Deutschland praktisch
       überall überflüssig, stellen aber für Leukämien und Lymphdrüsenkrebs einen
       starken Risikofaktor dar. Vergleichbares gilt für Holzschutzmittel. Einige
       Gruppen von sehr feinen Stäuben sind auch krebserregend, und
       elektromagnetische Felder, die von vielen Haushaltsgeräten ausgehen, sind
       ebenfalls Risikofaktoren.
       
       Können die geringen Mengen an Isotopen aus einem AKW im Routinebetrieb
       Krebs erzeugen? 
       
       Der Grenzwert, von dem Frau Prof. Blettner ausgeht, leitet sich ab von
       Untersuchungen von Erwachsenen aus Hiroschima und Nagasaki. Da diese
       Langzeituntersuchungen erst in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts
       angefangen wurden, können wir daraus überhaupt nichts ableiten für das
       Krebsrisiko von Kleinkindern. Die waren nämlich damals bereits gestorben,
       wenn sie durch die Strahlung einen Krebs davongetragen hatten.
       
       Wir wissen aber, dass der wachsende Organismus und noch viel mehr der nicht
       geborene sehr viel sensibler ist gegenüber Strahlungen als der erwachsene
       Körper. Die vom Bundesamt für Strahlenschutz eingesetzte Expertengruppe,
       die die Studie begleitet hat, ist daher zu dem Ergebnis gekommen, dass man
       keineswegs ausschließen kann, dass die statistisch signifikanten Effekte
       durch AKWs verursacht worden sind.
       
       Wie sollen Eltern damit umgehen? 
       
       Eltern, deren Kinder Krebs bekommen haben, sollten überlegen, ob sie nicht
       die Betreiber haftbar machen. Die haben jahrzehntelang behauptet, es könne
       nichts passieren.
       
       INTERVIEW: KLAUS WOLSCHNER
       
       18 Dec 2007
       
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