# taz.de -- Kommentar Kardinal Lehmann-Rücltritt: Ein Brückenbauer geht
       
       > Als der Leiter der Bischofskonferenz war Lehmann eine wichtige Stimme im
       > Zwischenfeld von Politik und Gesellschaft. Mit seinem Rücktritt ist die
       > alte Bundesrepublik wirklich vorbei.
       
 (IMG) Bild: Ist selbst fast schon zu einem Denkmal geworden: Karl Kardinal Lehmann
       
       Ein Kardinal gibt die Leitung der Deutschen Bischofskonferenz in andere,
       wohl jüngere und sicher konservativere Hände. Nach fast 21 Jahren. Der
       Gesundheit wegen. Ist dieser Schritt von Kardinal Lehmann nicht normal und
       kaum der Rede wert? Und warum soll das politisch wichtig sein?
       
       Zunächst, weil der Leiter der Bischofskonferenz schon von Amts wegen eine
       der wichtigsten Stimmen im Zwischenfeld von Politik und Gesellschaft
       darstellt. Zudem ist der Vorsteher der mit 26 Millionen Mitgliedern größten
       Glaubensgemeinschaft hierzulande immer dann, wenn es um verzwickte ethische
       Fragen ging, aufs große Ganze gegangen.
       
       Es ist kein Zufall, dass die streitbare (katholische) Kirche etwa bei der
       Auseinandersetzung über die Schwangerenberatung, beim Streit über die
       Stammzellen-Forschung oder im Armutsdiskurs stets gefragt wurde und
       Einfluss nehmen konnte. Und das zu Recht, auch wenn nicht allem zuzustimmen
       war. Wo, wenn nicht hier, hatte die Kirche etwas zu sagen, musste sie etwas
       sagen?
       
       Andererseits ist der Rücktritt Lehmanns politisch bedeutsam wegen der
       Person, die da geht: Der Mainzer war nicht nur kirchenpolitisch ein Mann
       des Ausgleichs. Er verkörperte darüber hinaus - selbst in seiner
       Physiognomie, könnte man sagen - die guten, wenn auch manchmal arg
       konservativen Seiten der alten Bundesrepublik. Schon der Zeitpunkt seiner
       Wahl, 1987 noch, sprach dafür. Lehmann umgab etwas Unaufgeregtes, Weiches
       und Kompromissbereites, also manches, an dem es der aufgeregten, harten und
       brutalstmöglichen Berliner Republik derzeit mangelt. Die kluge
       Bedachtsamkeit Lehmanns wird fehlen, es gibt nicht viele Frauen und Männer,
       die den politischen Diskurs ähnlich positiv prägen können.
       
       Nun ist die alte Bundesrepublik bald 20 Jahre tot. Es wäre daher so dumm
       wie geschichtsvergessen, ihr zu viele Tränen nachzuweinen. In einer
       Gesellschaft aber, die sich immer tiefer in Gewinner und Verlierer spaltet,
       wäre der Erhalt der altbundesrepublikanischen Tugenden des Kompromisses,
       des Ausgleichs und der gegenseitigen Verantwortung erwünscht - und ein
       Brückenbauer wie Lehmann bitter nötig.
       
       16 Jan 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Philipp Gessler
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Katholische Kirche
       
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