# taz.de -- Ungarische Rechtsextreme: "Verschwinde, Drecksjude!"
> Fast täglich marschieren die ungarischen Rechtsextremen irgendwo im Land
> auf. Einen beträchtlichen Teil ihrer Mitglieder rekrutieren sie aus der
> Mittelklasse.
(IMG) Bild: Sie marschieren wieder: die "Ungarische Garde" auf dem Budapester Heldenplatz.
BUDAPEST taz Schwarze Uniformen, rot-weiß gestreifte Halstücher,
eisig-starre Gesichter und Stahlgewitter-Blick. So marschieren sie im
Gleichschritt die schlecht beleuchtete Straße entlang, vorn schreit der
Kommandant den Takt: "Eins! Zwei! Eins, zwei, eins!"
Ein Januarabend im 8. Budapester Bezirk. Eine Hundertschaft der
"Ungarischen Garde" zieht durch das großenteils von Roma bewohnte Viertel.
Anlass: mehrere Fälle von Kinder- und Jugendkriminalität. So hatte am 10.
Januar ein 12-jähriger Roma-Junge aus Rumänien am nahe gelegenen
Blaha-Lujza-Platz auf einen 15-Jährigen eingestochen und ihm seinen
MP3-Player entrissen - ein Fall, der in Ungarn für großen Aufruhr in der
Öffentlichkeit sorgte.
Halt in der Vas-Straße. Auf Befehl hin zünden die Uniformierten Fackeln an,
stehen dann stramm. Einer ihrer Führer hält eine bald anklagende, bald
flammende Rede. Er malt die "Zigeunerkriminalität" in riesenhaften
Dimensionen aus, verdammt Regierung und Behörden für ihr Nichtstun, schreit
nach Recht, Ordnung und Strafe.
Da erkennen einige Leute in Zivil plötzlich einen "Verräter". Es ist ein
bekannter Publizist, Péter Kende. Sie fordern ihn auf zu verschwinden, das
sei eine "Veranstaltung für Ungarn". Kende bleibt stehen. "Verschwinde,
Drecksjude!", schreien sie, "stinkender Zigeuner!" Irgendwo hinten brüllt
ein Mann: "Steckt ihn in den Zug, ab in die Kammer!", spielt er auf die
Deportation der Juden nach Auschwitz an. Als die Leute beginnen, Kende zu
schubsen, greifen wartende Polizisten ein und geleiten ihn aus der wütenden
Menge heraus, hin zu einem Einsatzwagen.
Ungarns Rechtsextreme machen mobil. Derzeit vergeht fast kein Tag, an dem
sie nicht irgendwo im Land aufmarschieren, gekleidet in Fantasieuniformen
mit tausendjährigen ungarischen Symbolen darauf. Die paramilitärischen
Trupps heißen "Ungarische Garde", "Nationale Wächterschar" oder "Ungarische
Selbstverteidigung". Wenn sie nicht marschieren, weihen sie Denkmäler ein,
legen Kränze nieder oder halten Brandreden, vor allem gegen die so genannte
"Zigeunerkriminalität", aber auch gegen die EU und die Globalisierung, für
eine "lebenswerte Heimat" und für ein Groß-Ungarn.
Doch die Rechtsextremen machen nicht nur mit furchteinflößenden
pseudomilitärischen Spektakeln von sich reden. In den vergangenen Monaten
erlebte Ungarn eine Welle bisher nicht aufgeklärter, mutmaßlich
rechtsextremer Gewalttaten: Anschläge mit Molotow-Cocktails und
Schusswaffen auf Büros von Parteien und Wohnhäuser von Politikern,
Überfälle auf Journalisten und prominente Linksliberale.
Als "schwerwiegend und besorgniserregend" bezeichnet der Budapester
Philosoph und Publizist Gáspár Miklós Tamás, 59, die Situation. Ein
beträchtlicher Teil der Mittelklasse hege inzwischen rassistisches oder
chauvinistisches Gedankengut, unter Jugendlichen hingegen, vor allem an
Fachschulen und Universitäten, gebe es eine sehr ausgeprägte,
weitverbreitete rechtsextreme Subkultur. Tamás sieht darin "Reaktionen auf
die neoliberale Globalisierung, die Panik der Mittelklasse vor dem
Niedergang."
Tatsächlich ist Ungarn längst nicht mehr das mittelosteuropäische
Musterland, das es nach der Wende 1989 lange war. Der Investitionsboom ist
abgeflaut, das Haushaltsdefizit eines der höchsten in EU-Ländern,
Arbeitsplatzverlagerung ebenso an der Tagesordnung wie in Westeuropa.
Nachdem die seit 2002 regierende Koalition aus Sozialisten und Liberalen
den Reformbedarf jahrelang ignoriert hat, finden im Land nun einschneidende
soziale Veränderungen statt: Die Regierung verkleinert den aufgeblähten
Verwaltungsapparat drastisch und krempelt das Gesundheits- und
Bildungswesen um. Die Bevölkerung bekommt das vor allem in Form immer neuer
Gebühren und Kosten zu spüren.
Auch Gábor Vona ist die Angst vor dem Absturz anzumerken. Der 29-Jährige
ist Vorsitzender der rechtsextremen Partei "Bewegung für ein besseres und
rechteres Ungarn", kurz Jobbik - die Partei, die vor gut einem halben Jahr
die "Ungarische Garde" gründete, ebenfalls mit Vona als Chef. "Die
Globalisierung saugt immer mehr Kapital aus der Arbeit der Ungarn", sagt
Vona. "Wenn wir als Nation bestehen bleiben wollen, wenn wir unsere Sprache
erhalten wollen, brauchen wir einen neuen Systemwechsel."
Vona kommt aus einer ostungarischen Kleinbauernfamilie, er hat Geschichte
studiert, arbeitet aber nicht in seinem Beruf als Lehrer, sondern
sinnigerweise als Produktmanager für Sicherheitstechnik und macht einen
geradezu biederen Eindruck. "Die Zigeuner werden immer krimineller, bei
ihnen ist es kein Verbrechen, Ungarn zu bestehlen und zu misshandeln",
erklärt Vona in ruhigem Ton. "Dort, wo die Menschen ihr Sicherheitsgefühl
verloren haben, weil die Polizei nicht gegen Zigeunerkriminalität
einschreitet, tritt die Ungarische Garde auf und zeigt Stärke. Wir sind die
Gemeinschaft derjenigen, die noch Kraft haben und daran glauben, dass man
die kranke Gesellschaft verändern kann."
Ein Gespräch mit Vona führt unweigerlich in eine semantische Sackgasse.
Natürlich sei die "Ungarische Garde" kein paramilitärischer Verein, sagt
Vona nonchalant, die Uniformen verkörperten nur einen "gewissen Geist der
Ordnung" und dienten der Kultur- und Traditionspflege, "wie bei den
Husaren". Die wahren Extremisten und Diktatoren säßen in der Regierung, im
Parlament und in den linksliberalen Mehrheitsmedien, denn sie handelten
gegen ungarische Interessen und duldeten keine anderen Meinungen.
Sándor Csintalan hat gegen ungarische Interessen verstoßen. So steht es -
zitierfähig zusammengefasst - seit langem in Dutzenden
Internet-Hetzartikeln ungarischer Rechtsextremer. Der 53-Jährige ist ein
prominenter ehemaliger Politiker der Sozialistischen Partei, inzwischen
moderiert er eine Talkshow im Budapester Nachrichten-Fernsehsender HírTV.
Am frühen Abend des 11. Dezember 2007 überfielen ihn Unbekannte in der
Tiefgarage seines Wohnblocks und schlugen ihn krankenhausreif. "Sie
schrien, ich sei ein 'schwanzlutschender Judenknecht', ich solle mich
besser vorsehen", erzählt Csintalan. "Schande oder nicht, ich fing an, um
mein Leben zu flehen."
Eine ominöse rechtsextreme Organisation namens "Pfeile der Ungarn -
Nationale Befreiungsarmee" bekannte sich zu der Tat. Csintalan lag fast
eine Woche im Krankenhaus. Er steht inzwischen rund um die Uhr unter
Polizeischutz, zwei Leibwächter lassen ihn keine Sekunde aus den Augen.
Während des Gesprächs raucht Csintalan nervös eine Zigarette nach der
nächsten, über seine Stirn zieht sich eine große Narbe. "Vielleicht war es,
weil ich erklärter Humanist bin, vielleicht weil ich Jude bin", rätselt er
über den Grund des Überfalls, "dabei bin ich ja nicht mal bekennender
Jude."
Der Anschlag war nur der bisher schlimmste mit mutmaßlich rechtsextremem
Hintergrund, nicht der einzige. Ebenfalls im Dezember wurde auf das Haus
eines Ministers geschossen, auf das eines anderen Ministers wurden
Molotow-Cocktails geworfen. Hakenkreuzschmierereien und Sachbeschädigungen
in Büros linker Parteien sind inzwischen fast alltäglich.
Grundstein für Terror?
Die Behörden ermitteln mit Hochdruck. Nur in einem Fall wurden bisher Täter
gefunden: zwei junge Männer aus der rechtsextremen Szene, die vor einigen
Wochen einen Brandanschlag auf ein sozialistisches Parteibüro in Budapest
verübt hatten. "Wir wissen nicht, ob in Ungarn vielleicht gerade der
Grundstein für eine rechtsextreme Terrororganisation gelegt wird", sagt
Zoltán Mayer, der beim Nationalen Ermittlungsamt (NNI), einer Art
ungarischem BKA, die Abteilung Terrorismus und Extremismus leitet. "Wir
wollen es herausfinden, und wir nehmen die Gewalttaten sehr ernst."
Nach den Anschlägen der vergangenen Monate, nach den vielen rechtsextremen
Aufmärschen hat die Budapester Staatsanwaltschaft ein Verbotsverfahren
gegen die "Ungarische Garde" eingeleitet. Auch besteht mittlerweile eine
Art Minimalkonsens unter den Parlamentsparteien, der lautet, dass
Organisationen wie die Garde die Demokratie im Land bedrohen. Das war nicht
von Anfang an so. Noch im Herbst vergangenen Jahres weigerten sich
Spitzenpolitiker des national-konservativen "Bundes Junger Demokraten"
(Fidesz), der größten Oppositionspartei, eindeutig gegen Rechtsextremismus
Stellung zu beziehen. Und auch jetzt - bei Fragen nach Ursachen und
Verantwortlichkeit - zeigen die beiden dominierenden politischen Lager der
Sozialisten und National-Konservativen mit dem Finger aufeinander.
"Doppelspiel"
"Der Fidesz-Vorsitzende Viktor Orbán betreibt nach wie vor ein
zweifelhaftes Doppelspiel", sagt Attila Mesterházy, 35, der
stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Sozialisten, "er mag nicht
eindeutig Stellung beziehen, weil es um die Wählerstimmen von ganz rechts
geht." Der Fidesz-Politiker Zoltán Balog, 49, kontert: "Die Regierung
schürt die Angst vor dem Faschismus, um von den wirklichen Problemen
abzulenken."
In den Positionen der beiden Politiker offenbart sich die Spaltung der
ungarischen Politik und Gesellschaft in links und rechts, die seit Jahren
immer tiefer wird. Mesterházy und Balog zählen freilich nicht zu den
jeweiligen Hardlinern ihres Lagers, und so geben beide selbstkritisch zu,
dass ihre Parteien einen "Stilwechsel und mehr Empathie" (Mesterházy) und
einen "offeneren Dialog mit der Gesellschaft" (Balog) bräuchten.
Unterdessen entzweit der erstarkte Rechtsextremismus auch einen großen Teil
der liberalen intellektuellen Elite, die in Ungarn den Ton der Debatten
angibt. "Köpfe aus dem Sand", forderte kürzlich der Publizist József
Debreczeni, es gebe tatsächlich ein Roma-Problem in Ungarn, mit dem man
sich "vorurteilslos" auseinandersetzen müsse. Sozialhilfe ohne
Gegenleistung, zum Beispiel das Kindergeld, für viele Roma die einzige
Einkommensquelle, solle auf ein Minimum reduziert werden, sagt
beispielsweise der Historiker Krisztián Ungváry, 38: "Es müsste in großem
Umfang eine neue Art von Sozialhilfe geben, die zu gemeinnütziger Arbeit
verpflichtet."
Solche Aussagen seien Symptom eines generellen Rechtsrucks in Ungarn, meint
ein anderer Teil der Intellektuellen. Zu ihnen gehört auch der Philosoph
Gáspar Miklós Tamás. "In den meisten westlichen Ländern wird der offene
Rassismus vom Establishment nicht geduldet", warnt Tamás. "In Ungarn
hingegen, ebenso wie auch in anderen osteuropäischen Ländern, bildet sich
gerade ein ganz anderer Konsens heraus, wie man am Beispiel des
Antiziganismus sieht. Die Grenzen des Rechtsextremismus sind bis weit in
die Gesellschaft hinein verschoben."
31 Jan 2008
## AUTOREN
(DIR) Keno Verseck
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