# taz.de -- Rohstoffgewinnung in der Arktis: USA zensieren Forscher
> Am Mittwoch versteigert die Bush-Administration umstrittene Schürfrechte
> in der Arktis. Eine Studie über Umwelt-Auswirkungen bleibt unter
> Verschluss.
(IMG) Bild: Riesige Rohstoffvorrate verbegen sich unterm arktischen Meer. Da sollten sie auch bleiben.
STOCKHOLM taz Drei Jahre lang haben WissenschaftlerInnen eines
internationalen Netzwerks zur Arktisforschung daran gearbeitet doch nun
bleiben ihre Empfehlungen im Zusammenhang mit den Gefahren der Öl- und
Gasgewinnung in der Nordpolarzone unter Verschluss. Erst einmal. Denn ihre
Warnungen passen offenbar der Öllobby nicht ins Konzept, die dabei ist,
umfassende Pläne zur Ausbeutung der dortigen Lager auf den Weg zu bringen.
Der Zensor sind die USA: Washington hat als Mitglied des "Arktischen Rats"
dem neben den skandinavischen Staaten auch noch Kanada und Russland
angehören eine Veröffentlichung der sechzig Warnungen und Empfehlungen
blockiert: Zunächst einmal sollten "alle relevanten Fachbehörden" in den
USA Einblick erhalten und dann über Art und Umfang einer Veröffentlichung
entscheiden. "Das ist ein einmaliger Vorgang", sagt John Calder,
wissenschaftlicher Leiter des "Arctic Monitoring and Accessment Programme"
(AMAP). Und Mikaela Engell, im dänischen Aussenministerium zuständig für
die Arktisregion fürchtet für die weitere Zusammenarbeit angesichts solcher
Versuche, den Arktischen Rat zu einer Art geschlossenem "Politbüro" zu
machen.
Die Arktis ist ein heisses Thema. Die dort vermuteten Öl- und Gasvorkommen
erst recht: Es gibt Schätzungen, wonach ein Viertel aller weltweit bislang
unentdeckten derartigen Vorkommen sich hier unter dem Eis und Permafrost
verstecken. Gleichzeitig ist deren Ausbeute dort besonders kompliziert und
mit umfassenden Gefahren für die empfindliche arktische Natur verbunden.
Mit grossen Interesse waren deshalb in der vergangenen Woche 500 Fachleute
zu der "Arctic Frontiers"-Konferenz über die ökonomischen, ökologischen und
sozialen Effekte der Öl- und Gasaktivitäten ins nordnorwegische Tromsö
gekommen. Doch ohne die Möglichkeit, die unter Verschluss gehaltenen
politischen Konsequenzen ihrer Studien zu präsentieren, konnten die
AMAP-WissenschaftlerInnen nur eine recht pauschale Bestandsaufnahme der
Forschungsergebnisse vorlegen.
Danach werden bereits jetzt ein Zehntel allen Erdöls und ein Viertel allen
Erdgases in der Arktis gefördert. Wofür mit 80 Prozent beim Arktis-Öl und
99 Prozent beim Arktis-Gas vor allem die russischen Aktivitäten stehen. Die
Folgen dieser bisherigen Ausbeutung waren lokal umfassend, teilweise
katastrophal: Die ForscherInnen erinnern an den Austritt von 100.000 Tonnen
Öl in der russischen Republik Komi im Jahre 1994 durch eine defekte
Ölleitung. Und an einen Gasausbruch im sibirischen Pechora-Delta der 1987
erst nach sechseinhalb Jahren unter Kontrolle gebracht werden konnte.
Einzelne Beiträge von AMAP-ForscherInnen in Tromsö machten deutlich, dass
nach deren Meinung Öl- und Gasgewinnungsprojekte in Angriff genommen wurden
und werden, obwohl es bislang überhaupt noch an grundlegender Forschung
über deren Auswirkungen fehlt. So gebe es kaum belastbare Dokumentationen
über die Folgen der bisherigen Aktivitäten und man habe auch viel zu wenig
Wissen über die möglichen kumulativen Konsequenzen aller neuen Projekte auf
das arktische Ökosystem. Unerforscht seien die Folgen eines Ölaustritts in
eisbedeckten Gewässern und die Möglichkeiten, wie eine mögliche Ölpest dort
bekämpft werden sollte. Und Gedanken solle man sich auch machen, wie der
Profit aus der Ausbeute der Bodenschätze den Menschen in der Arktis selbst
wenigstens teilweise zugute kommen könne.
Die WissenschaftlerInnen möchten also gerne bremsen, bevor von der Öl- und
Gasindustrie einfach weitere Fakten geschaffen werden. Klar, dass solche
Empfehlungen gewissen Kreisen ein Dorn im Auge sind. Am 6. Februar will die
Bush-Administration umfassende Ölprospektierungsrechte in der
Tschuktschensee zwischen Alaska und Russland versteigern.
5 Feb 2008
## AUTOREN
(DIR) Reinhard Wolff
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