# taz.de -- Regisseur Wedel über Steuerskandal: "Auch mir riet man, Geld zu verlagern"
> Regisseur Dieter Wedel hat in vielen TV-Serien unser Steuersystem
> vorgeführt. Eigentlich dürfte ihn nichts mehr erschüttern - der aktuelle
> Steuerskandal hat es geschafft.
(IMG) Bild: "Die Gier dominiert": Regisseur Dieter Wedel
taz: Herr Wedel, in Ihrem TV-Mehrteiler "Die Affäre Semmeling" haben Sie
durchgespielt, wie das Finanzamt mit immer höheren Steuerforderungen eine
ganze Familie zerstört. Haben Sie Verständnis für einen Steuerhinterzieher
wie Klaus Zumwinkel?
Dieter Wedel: Nein, für diese Art der Abzockerei habe ich nicht das
geringste Verständnis. Offenbar gilt in unserer Gesellschaft die Devise
"Genug ist zu wenig". Die Gier dominiert. Aber leider nicht nur bei den
Reichen. Manchmal geht der Staat doch unverantwortlich mit seinen
Steuereinnahmen um. Wenn er beispielsweise Milliarden bei von ihm
kontrollierten Banken zuschießt und den gescheiterten Bankmanagern den
Ruhestand mit 35.000 Euro monatlich versüßt. Mich erschreckt, wenn jetzt
pauschal die gierigen Besserverdienenden diffamiert werden und gegen sie
regelrecht ein Feldzug geführt wird.
Wie erklären Sie sich den?
Menschen lassen sich zu den verlustreichsten Investitionen verleiten,
beispielsweise beim Kauf von Ostimmobilien, bloß weil ihnen Steuerberater
erklären, die Kosten seien absetzbar. Wohlgemerkt, dabei geht es nicht um
Steuerhinterziehung, sondern um Steuervermeidung. Dauernd wird den Leuten
eingeredet, wer nicht auf solche Empfehlungen hört, zahlt zu viel Steuern.
Obwohl ich seinerzeit sehr gründlich für "Die Affäre Semmeling" im
Finanzamt recherchiert habe, durchschaue ich die zahllosen Verordnungen und
Bestimmungen auch nicht. Zumal sie in einem unverständlichen Deutsch
formuliert sind. Selbst Finanzbeamte verlieren in diesem Wust den
Überblick. So glauben viele, sie müssten was unternehmen, sonst würden sie
draufzahlen.
Und? Haben Sie schon etwas unternommen?
Zumindest passiert es auch mir öfter, dass Fachleute auf mich zukommen und
mir raten, Geld "verlagern".
Das heißt, die Polizei steht demnächst auch vor Ihrer Tür?
Nein, da seien Sie mal beruhigt: Ich bin nicht dabei. Geld ist natürlich
wichtig, weil ich angenehm leben will, aber es hat für mich nicht diese
erotische Komponente wie für manche andere.
Könnte die eine Motivation für einen Manager wie Klaus Zumwinkel gewesen
sein? Sehr luxuriös hat er ja nach allem, was man lesen konnte, gar nicht
gelebt
Vielleicht gehört er zu denen, auf die die Höhe des Vermögens eine
erotisierende Wirkung zu haben scheint. Diese Gier oder die Angst, dem
Finanzamt etwas zu geben, bleibt aber gerade deshalb so unverständlich,
weil Leute wie Zumwinkel ja so viel Vermögen besitzen. Warum riskieren sie
solch einen schrecklichen Absturz, wie er ihn gerade erlebt?
Was meinen Sie?
Ich glaube, es gibt einen Punkt, an dem sich Erfolgreiche wie Siegfried für
unverwundbar halten. Das hat man doch auch bei der VW-Affäre schon gesehen
In meinem neuen Film "Mit Glanz und Gloria", der sich ja auch mit Gier
beschäftigt, heißt es einmal: "Reichtum ist wie Meerwasser, je mehr man
davon trinkt, desto durstiger wird man." Was in erschreckender Weise aber
auch für den deutschen Staat gilt, wie der aktuelle Skandal zeigt.
Sie sprechen von dem 5-Millionen-Euro-Deal mit dem Informanten?
In der Schweiz oder in Liechtenstein würde er sofort festgenommen und zu
einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. In Deutschland gibt der Staat so
jemandem 5 Millionen Euro Steuergelder - und erntet auch noch einhellig
Zustimmung dafür. Für mich ist das höchst fragwürdig!
Sogar der BND war involviert
Wie es scheint, ist plötzlich alles erlaubt. Ganz ähnlich wie bei dem
Hamburger Anlagebetrüger Jürgen Harksen, dessen Erlebnisse bei "Mit Glanz
und Gloria" eingeflossen sind. Um von ihm Steuergelder zurückzuholen, als
er sich in Südafrika aufhielt, haben Finanzamt, Staatsanwaltschaft und
Entwicklungshilfeministerium Hand in Hand gearbeitet. Die Gewaltenteilung,
auf der ja unser demokratisches System beruht, war plötzlich außer Kraft
gesetzt.
Da muss man ja schon beinahe froh sein, dass im Fall von Liechtenstein nur
das Finanzministerium verwickelt ist
Ich frage mich nur, wie der Finanzminister künftig mit dem Anspruch
antreten will, dass Werte wieder eine Rolle spielen müssen in dieser
Gesellschaft, wenn er gleichzeitig nach der Logik operiert: "Mit 5
Millionen Investition kriege ich 30 Millionen raus." Darin ist er doch
eigentlich nicht weit entfernt von der Denke Zumwinkels: Der Profit
rechtfertigt alles. Der Zweck heiligt die Mittel. Ich halte das für eine
Form von wirklichem Wolfskapitalismus.
Wie kommt man gegen den an?
Vielleicht muss man den Leuten mal wieder deutlich machen, dass man in
jedem Staat Steuern zahlen muss. Ich will sie auch zahlen, weil mir ein
sicheres Land am Herzen liegt, ordentliche Schulen, gute Straßen und eine
funktionierende Polizei. Aber das alles nicht zu dem Preis, dass der Staat
zum Polizeistaat mutiert. Er muss immer ein bisschen weniger dürfen als
Kriminelle. Das ist der Preis der Freiheit. Der deutsche Staat darf nicht
zum Schnüffelstaat verkommen, nur um jedem Steuersünder auf die Schliche zu
kommen. Leider sind wir auf dem besten Weg dahin. Wenn ich alleine daran
denke, dass jeder Finanzbeamte beliebig Einsicht nehmen kann auf das Konto
jedes Bürgers!
Erhöht diese gesetzliche Erlaubnis wiederum das Gefühl, so viel wie möglich
am Finanzamt und dem Staat vorbei zu schleusen?
Mal ehrlich, die Steuer haben wir alle doch irgendwann mal "behumpst". Man
darf nun nicht ein ganzes Volk kriminalisieren. Vermutlich hat jeder von
uns schon mal einen Bewirtungsbeleg oder eine Taxirechnung abgesetzt,
obwohl sie nicht beruflich bedingt waren.
Fängt das strukturelle Problem aber nicht genau bei solchen Kleinigkeiten
schon an?
Die Frage ist doch: Sind solche Kleinigkeiten noch als Mundraub zu werten
oder als Betrug? Der Ausweg wäre: die zahlreichen Möglichkeiten des
Absetzens und die vielen Subventionen abzuschaffen, dann könnte der
Steuersatz gesenkt werden. Was Paul Kirchhof ja mal vorhatte, bevor er in
einer für mich erschreckend populistischen Weise diffamiert wurde. Dabei
wird diese völlig überregulierte Steuergesetzgebung ja selbst von den
Finanzbeamten beklagt. Vielleicht brauchen wir in dem Bereich mal einen
Gorbatschow - aber dem ist seine Perestroika ja auch nicht gut bekommen.
INTERVIEW: SUSANNE LANG
19 Feb 2008
## ARTIKEL ZUM THEMA