# taz.de -- Pro und Contra totale Meinungsfreiheit: Status of Liberty
       
       > Geert Wilders hetzt mit seinem Film Fitna nicht nur gegen den Islam. Er
       > wirft auch die Frage nach totaler Meinungsfreiheit auf: Soll denn
       > wirklich alles erlaubt sein?
       
 (IMG) Bild: In den Niederlanden wird gegen Wilders Islam-Hetze protestiert.
       
       PRO Er sei gegen die Einführung der Eisenbahn, soll der große Flaubert
       einmal gesagt haben, denn sie werde es noch mehr Leuten gestatten,
       zusammenzukommen und zusammen dumm zu sein. Diese Weisheit aus dem 19.
       Jahrhundert enthält bereits alles Wesentliche, was es zum Internet im
       Allgemeinen und zum "Web 2.0" im Besonderen zu sagen gibt. Diese Dinge sind
       dazu da, dass jeder Depp Texte schreiben oder Videos drehen kann und, ohne
       weder das eine noch das andere zu beherrschen, veröffentlichen darf.
       
       Irgendein holländischer Dingsbums hat also ein Video zusammengeschnitten.
       Die Fernsehsender haben, vielleicht aus den falschen Gründen, die richtige
       Entscheidung getroffen und diesen Trash nicht gesendet. Und so blieben dem
       Mann nur die Weiten des Internets.
       
       Ist das ein Grund, eine Einschränkung der Meinungsfreiheit zu fordern?
       Natürlich nicht, denn all der wunderbare Schnickschnack der Moderne, der
       dem Romantiker Flaubert missfiel, hat das Urteilsvermögen des Publikums
       geschärft. Es kann einigermaßen zwischen Kunst und Müll, zwischen Kritik
       und Dünnschiss unterscheiden.
       
       Dass diese Aufklärung einem nicht unwesentlichen Teil der islamischen Welt
       entgangen ist, ist der Grund dafür, warum Muslime in aller Welt so oft ihr
       Beleidigtsein inszenieren und sich dabei nur zu den Hanswürsten des 21.
       Jahrhunderts machen. Das ist lächerlich, vor allem tragisch, aber weiß Gott
       kein Grund, es ihnen nachzutun. Und noch eins zeigt der aktuelle Fall: Wer
       Ressentiments gegen Muslime bekämpfen möchte, fordert besser keine Verbote
       der Meinungsfreiheit. Denn solange sein Homevideo unveröffentlicht blieb,
       konnte sich der Macher zum verfolgten Freiheitskämpfer aufspielen. So
       gesehen ist es ein Glück, dass sein Werk nun zu sehen ist. Es ist so
       lausig, dass sich bislang kaum ein Muslim fand, der dagegen protestieren
       wollte.
       
       Aber was ist, wenn jemand eine harte, aber ästhetisch und intellektuell
       niveauvollere Kritik am Islam abliefert? Auch dann kann man darauf
       verweisen, wie diese Dinge in den Niederlanden oder den USA geregelt
       werden: Jede Form der hate speech und selbst die Leugnung des Holocaust
       sind dort erlaubt, aber ein gesellschaftlicher Konsens sorgt dafür, dass
       dieses Zeug kein größeres Publikum bekommt. Man kann aber auch daran
       erinnern, dass die "Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik" ist
       (Marx) und auf dem Unterschied zwischen Religionskritik und Rassismus
       bestehen (und auf dem zwischen der Kritik an einem Glauben und der Leugnung
       von historischen Fakten).
       
       Um eine aufklärerisch-humanistische Kritik an Religion geht es in diesem
       sicher Fall nicht. Aber das wissen wir, weil wir uns selbst davon
       überzeugen durften. Wenn wir es denn wollten.
       
       DENIZ YÜCEL 
       
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       CONTRA Der Koran ist faschistisch und jeder Muslim ein Terrorist - diese
       rechtspopulistischen Meinungen kann man haben, aber muss man sie auch
       unbedingt äußern dürfen? Lieber nicht. Meinungsfreiheit ist kein absolutes
       Gut, sondern ein Grundrecht. Es gilt nur, solange nicht andere Grundrechte
       berührt werden - wie etwa die Menschenwürde oder das Verbot von
       Diskriminierung.
       
       Geert Wilders Film "Fitna" ist ein Akt der Volksverhetzung, indem er die
       Angst vor einer angeblichen islamischen Überfremdung schürt und pauschal
       alle Muslime zu Gewalttätern degradiert. Die implizite Kränkung ist
       einkalkuliert: "Wenn Muslime (durch den Film) beleidigt werden, dann ist
       das so. Dann werden sie durch die Wahrheit beleidigt", sagte Wilders am
       Freitag in einem Interview mit der Zeitung Volkskrant. Damit wendet er den
       beliebtesten Trick aller Populisten an: Die eigene Sicht wird totalitär zur
       Wahrheit verklärt.
       
       In den Niederlanden muss Wilders eine Strafverfolgung dennoch nicht
       fürchten: Dort wird die Meinungsfreiheit sehr großzügig ausgelegt. Bisher
       wurde Wilders auch nicht dafür belangt, dass er im Sommer den Koran mit
       Hitlers "Mein Kampf" verglichen hat. In Deutschland sind die Vorschriften
       zwar strenger - trotzdem ist unter hiesigen Juristen umstritten, ob nicht
       auch in der Bundesrepublik ein Film wie "Fitna" straffrei bleiben würde.
       Daraus kann nur folgen: Die Meinungsfreiheit muss europaweit enger
       ausgelegt werden.
       
       Natürlich ist "Fitna" gähnend langweilig und kein Publikumsknüller. Zum
       Glück. Aber leider ist Wilders ja nicht der einzige Rechtspopulist in
       Europa. Und auf eine aufgeklärte Bevölkerung, die die Hetzer demaskiert,
       sollte man nicht setzen: Die Mehrheit der Niederländer gibt in Umfragen an,
       dass es der größte Fehler seit dem Zweiten Weltkrieg gewesen sei, die
       Einwanderung von Muslimen zuzulassen. Da ist es nur konsequent, dass
       Wilders zu den beliebtesten Politikern des Landes gehört.
       
       Aber wie effektiv wäre es überhaupt, Hassfilme zu verbieten? Werden damit
       nicht die Rechtspopulisten zu Märtyrern stilisiert? Das ist nicht
       auszuschließen, muss aber riskiert werden. Denn sonst produziert man
       "Märtyrer" der anderen Art: Wenn westliche Politiker alle Muslime pauschal
       als gewaltbereite Islamisten verteufeln, dann wird sich diese Prophezeiung
       bei einigen von selbst erfüllen. Ausgrenzung produziert Hass.
       
       Aber das sind pragmatische Erwägungen. Wichtiger ist das moralische
       Argument, dass Minderheiten einen besonderen Schutz genießen sollten, weil
       sie sich kaum wehren können: Ihnen fehlt fast immer der Zugang zu den
       Medien, zur Politik, zur wirtschaftlichen Elite. Ungebremste
       Meinungsfreiheit wird schnell zu einer Freiheit der Mehrheit und der
       Mächtigen.
       
       ULRIKE HERRMANN
       
       29 Mar 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Deniz Yücel
 (DIR) Ulrike Herrmann
       
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