# taz.de -- Nach dem Erdbeben in Sichuan: Ungewohnte Solidarität
> 150.000 Soldaten sind im Einsatz, um nach Überlebenden zu suchen. Und
> weil selbst die besten Krankenhäuser kostenlose Hilfe anbieten, sind die
> Chinesen ihrer Regierung plötzlich dankbar.
(IMG) Bild: Bergungstrupps in Sichuan: Das Militär als Freund und Helfer
CHENGDU taz Vor dem Westchina-Krankenhaus in Chengdu steht Ma Jianfang,
eine zierliche 36-jährige Bäuerin in brauner Jacke, in der Hand eine rote
Nelke. Verloren schaut sie auf den Wirbel um sie herum: Acht Krankenwagen
sind mit Sirenengeheul gleichzeitig vorgefahren. Dutzende Helfer laufen mit
Tragen herbei, transportieren die Verletzten in die Notaufnahme.
"Mein Junge ist hier", sagt Ma. Sie weist mit einer vagen Geste auf das
Gebäude. Ihr 14-jähriger Sohn gehört zu den Kindern, die Glück im Unglück
hatten, nachdem das große Erdbeben letzten Montag die Provinz Sichuan
erschütterte. Als auch seine Schule in der Stadt Deyang zusammenbrach,
überlebte er, während über 7.000 Schüler und Kindergartenkinder begraben
wurden.
Nun liegt Mas Junge mit einer Kopfverletzung und gebrochenem Arm in der
Provinzhauptstadt, im größten Krankenhaus Chinas - mit der Aussicht auf die
bestmögliche Versorgung, die man sich denken kann.
Das Westchina-Krankenhaus ist mit insgesamt 4.300 Betten berühmt für seine
Chirurgen, die hier unter anderem Lebern transplantieren. Erst vor kurzem
ist eine Gruppe Mediziner aus dem deutschen Heidenheim zurückgekehrt, wo
sie an einem internationalen Seminar über Wundversorgung teilnahmen. In
gewöhnlichen Zeiten sind solche Top-Kliniken für arme Bauern wie Ma
unerschwinglich.
Aber die Zeiten sind nicht normal: Nach der Katastrophe haben die Behörden
entschieden, dass alle Geretteten sofort und ohne Ansehen der Person
medizinisch versorgt werden. "Wir nehmen keinen Cent", sagt Liao Zhilin von
der Presseabteilung des Hospitals. "Wir garantieren, dass jeder so lange
wie nötig behandelt wird. Wir übernehmen die Kosten für das Essen und geben
den Patienten einen Satz neuer Kleider, wenn sie entlassen werden." Das
klingt wie ein Wunder in einem Land, dessen Bewohner nichts so sehr
fürchten, wie krank zu werden, weil sie sich die Arztkosten nicht leisten
können.
Die kostenlose Hilfe ist einer der Gründe, warum so viele Chinesen in
diesen ersten Tagen nach dem Beben ein ungewohntes Gefühl der Solidarität
spüren und ihrer Regierung dankbar sind. "Ihr seid zu Hause angekommen",
heißt es auf einem Transparent über dem Klinikeingang. Ein Stück weiter,
politisch ebenso korrekt wie unvermeidlich, hängt dann ein zweites: "Unter
der Führung von Partei und Zentralregierung", werde die Katastrophe
"entschieden bekämpft".
Rund 1.000 der Erdbebenopfer sind im Westchina-Krankenhaus eingeliefert
worden. Draußen drängen sich Angehörige und Freunde vor den Listen mit
Namen und Orten, aus denen die Verletzten geborgen wurden, und hoffen, ihre
Lieben zu finden. Manche Patienten kamen direkt aus den zerstörten Gebieten
hierher, andere aus kleineren Kliniken der Umgebung, die für schwere
Verletzungen nicht ausgerüstet sind.
Auch Frau Ma steht draußen, leise, bescheiden, verloren. Immer wieder
erzählt sie, wie der Boden bebte und wie der Sohn ausgegraben wurde. "Ich
habe seit Tagen nicht geschlafen und nichts gegessen", sagt sie.
Wie Ma geht es Millionen Opfern. Viele von ihnen besitzen nur noch die
Kleider, die sie auf dem Leibe tragen. Etwa 4,8 Millionen Menschen haben
nach bisherigen Schätzungen kein Dach mehr über dem Kopf. 15 Millionen
Häuser wurden beschädigt.
Der Zug der Flüchtlinge reißt so nicht ab. Die Behörden stehen vor einer
schier unlösbaren Aufgabe: die Menschen unterzubringen, die bisher in
Stadien, Zelten oder unter Plastikplanen Unterschlupf gefunden haben.
Opfer des Erdbebens, die alles verloren haben, sollen in den nächsten drei
Monaten täglich eine Lebensmittelration und 10 Yuan (etwa 1 Euro) erhalten,
hat die Regierung versprochen. Container-Unterkünfte, so wie sie auf vielen
Baustellen Chinas für die Arbeiter stehen, sollen schon bald für die
Obdachlosen bereitgestellt werden, ebenso Toiletten, provisorische Kliniken
und Klassenzimmer.
Chinesische Waisenhäuser und Familien aus dem ganzen Land haben angeboten,
Waisenkinder aus den Erdbebengebieten aufzunehmen beziehungsweise zu
adoptieren - eines von vielen Zeichen der Großzügigkeit, die China in den
letzten Tagen erlebte. Doch die Not ist überwältigend. Ganze Dörfer müssen
wohl umgesiedelt werden, ganze Städte neu aufgebaut.
Nachbeben - zuletzt mit einer Stärke von 6 am Samstag und 5,7 am frühen
Sonntagmorgen - ließen wieder Hänge abrutschen, begruben erneut Straßen.
Die Erdlawinen haben an mehreren Orten künstliche Seen geschaffen, in denen
das Wasser schnell steigt und die ohnehin schon zerstörte Ortschaften zu
überschwemmen drohen.
Herzzerreißende Szenen spielten sich am Samstag in der völlig zerstörten
Stadt Beichuan ab, als alle Rettungsarbeiten aus Furcht vor einer Flutwelle
abgebrochen wurden und verzweifelte Bewohner sich weigerten, ihre
verschütteten Angehörigen zu verlassen: Erschöpfte Helfer packten
schließlich Mütter, die sich wehrten und schrien, und trugen sie fort. Zu
groß war das Risiko, dass der Damm aus Erde und Geröll, der den Jianjiang-
Fluss nach dem Abrutschen eines Hangs gestaut hatte, brechen könnte.
Obwohl die Hoffnung, Überlebende zu bergen, mit jeder Minute sinkt, gibt es
immer wieder erstaunliche Berichte von Geretteten: So soll gestern in
Beichuan ein Mann nach 139 Stunden aus den Ruinen des örtlichen
Krankenhauses geborgen worden sein - mit nur "leichten Prellungen", wie es
heißt. 150.000 Soldaten sind in der Region - bei der größten Hilfsaktion
aller Zeiten. An ihrer Seite suchen mehr als 200 Retter aus Japan,
Russland, Singapur, Taiwan und Südkorea nach Verschütteten.
Als die Dunkelheit in Chengdu einbricht, steht Ma Jianfang immer noch vor
der Tür des Westchina-Krankenhauses. "Ich weiß nicht, wohin, ich weiß
nicht, was ich machen soll", sagt sie.
19 May 2008
## AUTOREN
(DIR) Jutta Lietsch
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) KP nach dem Erdbeben in China: Not gilt nicht mehr als Schwäche
Die KP lässt offene Berichterstattung zu und kann damit punkten. Sobald die
Frage nach den Schuldigen kommt, könnte sich das ändern.