# taz.de -- Unterwegs in Sachsens NPD-Hochburg: Von Wegguckern und Kümmerern
> Die Hoffnung war groß, dass diesmal weniger Bürger NPD wählen würden.
> Aber wieder hat jeder Vierte rechts gewählt. Wie aus Desinteressierten
> Stammwähler werden.
(IMG) Bild: Werben mit Schiss: NPD in Sachsen.
REINHARDTSDORF-SCHÖNA taz Wenige Tage nach der Kommunalwahl vom letzten
Wochenende sind aus Reinhardtsdorf-Schöna sämtliche Wahlplakate
verschwunden. Die der NPD, die die Sachsen aufforderten, "heimattreu" zu
wählen. Auch die blauen der Bürgerinitiative "Demokratie anstiften", die
erst eineinhalb Wochen vor der Wahl überraschend auftauchten und einfach
nur "Demokratisch wählen!" empfahlen. Im Straßenbild deutet nichts darauf
hin, dass die 1.600-Seelen-Gemeinde hartnäckig den bundesweit höchsten
Anteil an NPD-Wählern verzeichnet.
Im Gegenteil, Gäste von außerhalb, Touristen werden von den Gastwirten und
zahlreichen Zimmervermietern freudig erwartet. Durchweg gepflegte Häuser
säumen die Straßen, häufig mit Fachwerk verziert, gemütliche Kneipen und
Pensionen, Waldbad und Stadion, alles perfekt ausgeschildert. Der Aufstieg
aus dem Elbtal durch den Hirschgrund Richtung Kaiserkrone und Zirkelstein
bei Schöna ist eine klassische Route unter Bergfreunden. Die Einwohner sind
freundlich, es gibt keine offensichtliche Jungnazi-Szene in der Gemeinde,
keine gewalttätigen Übergriffe, keine Aufmärsche. Selbst in diesen Tagen
der Fußball-EM findet sich nur ein einziges schüchternes
Deutschland-Steckfähnchen in einem Vorgarten.
Dennoch fragt man sich beim Anblick entgegenkommender Passanten, ob diese
netten Gesichter wohl NPD-Wählern gehören. 25,2 Prozent, jeder vierte hat
die Kreistagskandidaten der Rechtsextremen gewählt - was schlummert da in
den Biedermännern von Reinhardtsdorf?
Darauf angesprochen, werden die Einwohner wortkarg. "Die NPD wird schon
ihre Gründe haben, wenn sie im Wahlkampf so argumentiert hat", sagt jemand.
"Hier ist ja nichts", meint eine Bürgerin, jedenfalls fast nichts, was
Arbeit und Einkommen brächte. Außer dem Tourismus natürlich. Das will eine
junge Mutter mit ihrem Kinderwagen nicht gelten lassen. So schlimm sei das
mit der Abwanderung doch gar nicht. Sie zum Beispiel wolle hier bleiben -
trotz NPD. "Gegen die kann man halt nichts machen", die seien nicht
besonders gut, aber auch nicht besonders schlimm. Und die rechten
Jugendlichen seien eh nur Mitläufer, die zu einer Gruppe gehören wollten.
Die NPD ist eine zugelassene Partei, sie gilt hier nicht als rechtsextrem.
Auch Bürgermeister Olaf Ehrlich muss diese Erfahrung immer wieder machen.
Dem 39-Jährigen gehört der Gasthof "Zum Zirkelstein", er ist ein Schönaer
Urgestein, ein bodenständiger, wortwitziger Typ. Unruhig schaut er während
des Gesprächs auf die Uhr, die winzigen Räume der Gemeindeverwaltung
scheinen ihm geistig und körperlich zu eng. Fassungslos hat ihn das
Wahlergebnis vom Sonntag gemacht. Selbst einer wie er kommt schwer an seine
Bürger heran. Es gebe, erzählt er, mehrere Vereine am Ort, aber über die
anstehende Probleme rede er immer nur "mit den üblichen Verdächtigen". Die
Bereitschaft, sich lokalpolitisch zu engagieren, sei gering. "Wenn ich die
Leute nicht anspreche - mich spricht keiner an", sagt der umtriebige Mann.
Stattdessen äußern die Leute ihren Frust lieber auf dem Stimmzettel - da
bleibt es anonym. Dabei, davon ist Bürgermeister Ehrlich überzeugt, sind
die Leute weniger wütend über kommunale Missstände als über die
Bundespolitik im Allgemeinen - da bilde Reinhardtsdorf-Schöna keine
Ausnahme.
Der gesamte Landkreis Sächsische Schweiz zeigt sich seit den
Neunzigerjahren anfällig für rechte Strömungen. Wäre durch die Kreisreform
jetzt nicht ein gemeinsamer Kreistag mit dem ehemaligen Weißeritzkreis
gewählt worden - das NPD-Ergebnis wäre statt 7,5 Prozent zweistellig
ausgefallen. Auf 10 bis 12 Prozent schätzt Bürgermeister Ehrlich das
NPD-Stammwählerpotenzial. Dass es die gibt, quer durch alle Altersklassen,
bestreitet niemand mehr.
Wirtschaftliche Probleme reichen als Erklärung nicht aus. Man kann die
Sächsische Schweiz durchaus mit Oberbayern vergleichen, wo aufgeklärtes
Denken gegen Treu und Redlichkeit wenig Chancen hat.
Wie stark gerade NPD-Wahlergebnisse von Persönlichkeiten beeinflusst
werden, zeigt das nur wenige Kilometer entfernte Königstein. Nach dem
Unfalltod des populären Fahrlehrers und NPD-Landtagsabgeordneten Uwe
Leichsenring vor zwei Jahren brachen die Rechten in der Kleinstadt auf
"nur" 10,8 Prozent ein.
In Reinhardtsdorf-Schöna zieht die Stimmen ein Klempnermeister namens
Michael Jacobi. "Das ist ein einziger Mann, der hier gewählt wird", winkt
die Verkäuferin im Schönaer Tante-Emma-Laden ab, wo es vom Törtchen bis zum
Sauerkraut alles gibt. Den 54-jährigen Jacobi aus dem Ortsteil
Kleingießhübel kennt hier jeder, zumindest jeder, der eine Heizung und ein
Klo im Hause hat. Handwerksmeister genossen schon in der DDR hohes Ansehen.
Die Bürger wählten ihn noch 1999 mit einem Spitzenergebnis für die freie
"Wählervereinigung 94" in den Gemeinderat. Dass er ein Waffennarr war und
Militaria sammelte, nahmen sie in Kauf.
Doch dann kam im Juni 2000 jene Hausdurchsuchung im Zusammenhang mit dem
Verbot der "Skinheads Sächsische Schweiz" SSS. Mindestens einer seiner
beiden Söhne war Mitglied in der paramilitärischen Schlägertruppe, der 2002
geschlossene Jugendklub in Schöna einer ihrer Anlaufpunkte. Gefunden wurden
neben "Waffenschrott", so der Dresdner Oberstaatsanwalt Jürgen Schär, aber
auch zwei Kilo TNT-Sprengstoff. Das Ermittlungsverfahren wurde zwar wegen
Geringfügigkeit eingestellt. Jacobi aber trat daraufhin plötzlich für die
NPD an - er nahm eine Menge Wähler mit. 23,1 Prozent holte die Partei 2004
im Ort, der fortan bundesweit für dieses Ergebnis bekannt wurde.
Das schockierende Wahlergebnis 2004 hat aber auch eine Menge bewegt in
Reinhardtsdorf-Schöna. Wenig später gründete sich die Bürgerinitiative
"Demokratie anstiften", erzählt deren Sprecher Michael Wacker. Zivilcourage
zeigen und aufklären wollen sie, das Programm der NPD bedeutet für den bei
der Bundeswehr angestellten Regierungsdirektor im Klartext "Bürgerkrieg
nach innen und Aggression nach außen". Er meint, eigentlich sei es "ein
Erfolg, dass die NPD nicht noch mehr Stimmen bekommen hat". Schließlich
seien jene Jugendlichen, die vor Jahren von Jacobis Wehrmachts-Leidenschaft
angezogen wurden, heute Wähler.
Tatsächlich ist es gelungen, den NPD-Einfluss im Ort zurückzudrängen. Im
Heimatverein zum Beispiel ist der Rechte Mario Viehrig nicht mehr Mitglied.
Viehrig, neben Jacobi der zweite NPD-Frontmann, flog raus, weil er ein
Fußballturnier organisiert hatte, auf dem Trikots mit der Aufschrift "Fit
fürs Reich" getragen wurden.
Ebenfalls über den Heimatverein hat Michael Wacker der NPD noch ein anderes
Projekt weggeschnappt: das Denkmal für die mehr als sechzig gefallenen
Reinhardtsdorfer. Heute steht am Aufstieg zur Kaiserkrone ein neutral
gehaltenes Mahnmal, die Rechten hatten dort einen Aufmarschort geplant.
Auch bei einem anderen Thema konnte die Zivilgesellschaft punkten. Der von
der NPD 2006 initiierte Bürgerentscheid gegen die Eingemeindung ins nahe
Touristenstädtchen Bad Schandau sollte eigentlich den Sieg der Rechten bei
den Bürgermeisterwahlen vorbereiten. Ins Amt aber kam mit 67,3 Prozent der
Wählervereinigungs-Kandidat Olaf Ehrlich. Der guckte nicht mehr weg wie
sein Vorgänger.
Eines seiner ersten Projekte war der Jugendklub im alten Heizhaus -
"Boilers End" haben ihn die jungen Reinhardtsdorfer getauft. Ein Anfang.
Der kleine Raum ist gut besucht, die 19-jährige Liesa König und eine
Handvoll Aktive möchten hier "etwas bewegen" - parteipolitisch neutral,
einfach positive Jugendkultur. Man spürt den Einfluss der Berater vom
Kulturbüro Sachsen und dem Mobilen Beratungsteam Pirna, nicht nur bei der
Hausordnung.
Es läuft also nicht schlecht für die Demokraten von Reinhardtsdorf-Schöna.
Warum also, fragt sich Bürgermeister Ehrlich, hat sich seine Arbeit der
letzten beiden Jahre nicht im Wahlergebnis niedergeschlagen? "Die NPD
stellt sich hier immer als der große Kümmerer dar - als ob ich nicht
ansprechbar wäre", grollt er. "Ich will wegen denen nicht nach der
Gemeinderatswahl im nächsten Jahr wieder fünfzig Reporter abfertigen
müssen!"
13 Jun 2008
## AUTOREN
(DIR) Michael Bartsch
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