# taz.de -- Debatte Muslimische Demokratie in der Türke: Mit Gott und Menschenrechten
> Wie lassen sich Demokratie und Islam vereinbaren? Die AKP in der Türkei
> versucht es. Das Vorbild europäischer Christdemokraten zeigt: Es braucht
> eine politische Philosophie.
Das türkische Verfassungsgericht hat die Aufhebung des Kopftuchverbots für
unzulässig erklärt; wahrscheinlich wird auch die Regierungspartei AKP im
Namen des Laizismus demnächst verboten. Dabei war die AKP ein
Hoffnungsträger für das Wachsen einer "muslimischen Demokratie" nach dem
Vorbild der europäischen Christdemokratie: einer Partei, die Legitimität
aus religiösen Quellen schöpft und doch die Regeln der Demokratie und den
Charakter des modernen, gegenüber jeder Glaubensrichtung neutralen Staates
anerkennt. Aber nicht erst jetzt werden kritische Stimmen laut, dass die
Christdemokratie einen einzigartigen europäischen Entwicklungspfad hinter
sich habe - und daher gerade nicht als Modell für andere Regionen und vor
allem andere Religionen dienen könne.
Doch was ist oder war Christdemokratie eigentlich? Die verwaschenen
Parteiprogramme von CDU/CSU oder der Rest-Democrazia-Cristiana in Italien
geben darauf keine Antwort. Vergessen ist, dass Christdemokratie nicht
zuletzt auf einer Liberalisierung katholischen politischen Denkens basierte
- weswegen ein "liberalisierter Islam" notwendige, wenn auch nicht
ausreichende Vorbedingung für eine muslimische Demokratie ist.
Diese Liberalisierung muss nicht von oben kommen, im Fall des Katholizismus
wurde sie maßgeblich von Philosophen außerhalb der Kirche angestoßen.
Ideenpolitisch bewegte sich vor allem viel in der Zeit zwischen den beiden
Weltkriegen, welche gleichzeitig eine Ära von aufeinanderfolgenden
Katastrophen für katholisch orientierte Parteien war: Sowohl die
protochristdemokratische "Volkspartei" in Italien als auch das deutsche
Zentrum konnten den Aufstieg der Faschismen nicht verhindern. Neue
politisch-theologische Wege wurden jedoch vor allem von dem französischen
Philosophen Jaques Maritain beschritten. Ursprünglich war dieser ein
Republikaner; später verschrieb er sich den Lehren Thomas von Aquins und
stand der protofaschistischen Action Française nahe. Diese wurde 1926 vom
Vatikan geächtet und Maritain beugte sich dem Urteil des Papsts.
In den dreißiger Jahren zog er sich den Zorn konservativer Katholiken zu,
weil er den Krieg des spanischen Generals und Diktators Franco nicht als
legitimen christlichen Kreuzzug anerkennen wollte. Auch begann er vor dem
Hintergrund seiner aristotelisch-naturrechtlichen Philosophie eine neue
Konzeption von Menschenrechten zu entwickeln. Im Jahr 1940 blieb er nach
einer Vortragsreise in den USA und schrieb leidenschaftlich gegen das
Vichy-Regime an.
Der entscheidende Durchbruch zur Christdemokratie erfolgte in seinen im
Exil verfassten Schriften: Die Demokratie, so Maritain, sei zwar nicht
schon immer der einzig mögliche politische Ausdruck des Christentums; im
zwanzigsten Jahrhundert sei jedoch einzig Demokratie mit christlichem
Glauben vereinbar.
Seine Menschenrechtskonzeption schöpfte aus dem in den dreißiger Jahren
entstandenen kommunitaristischen "Personalismus" - einer eher vagen
christlich kolorierten Philosophie, die sich von den beiden Extremen
liberaler Individualismus und Kommunismus absetzen wollte und auf dem
"Primat der Person" insistierte. Diese verwirkliche sich immer in
Gemeinschaft mit anderen und habe eine spirituelle Dimension. Maritain
wirkte denn auch entscheidend an der Erklärung der Menschenrechte der
Vereinten Nationen mit; zudem beeinflusste seine Philosophie eine Reihe von
christdemokratischen Parteipolitikern im Westeuropa der Nachkriegszeit.
Eine bewusste christdemokratische Ideenpolitik spielte somit eine wichtige
Rolle: Überlieferte Ideen Thomas von Aquins und aristotelische
Vorstellungen wurden auf eine moderne pluralistische Gesellschaft hin
ausgerichtet: Naturrecht diente als Grundlage der Menschenrechte;
politische Gleichheit wurde aus dem Christentum begründet; Demokratie wurde
als Gemeinschaft von Gemeinschaften definiert, welche ihre Pluralität
anerkennen und politische Entscheidungen so weit wie möglich dezentral
treffen.
Gleichzeitig war es wohl gerade die philosophische Verschwommenheit des
Personalismus, die es einer ganzen Reihe von katholischen Denkern erlaubte,
sich von der extremen Rechten abzusetzen, ohne sich gleich als
liberal-individualistisch-materialistischer Konvertit wahrnehmen zu müssen.
Zu einem sehr abstrakt gehaltenen "Primat der Person" konnte man durchaus
auf vielen Wegen gelangen, und der Personalismus ließe sich durchaus als
eine Art Übergangs- oder Brückenideologie beschreiben.
Sicher: Ideenpolitik alleine reichte nicht aus. Der Vatikan unterstützte
lange die Regimes von Franco in Spanien und Salazar in Portugal. Es
bedurfte nicht zuletzt des Drucks von außen durch die USA, um ein
eindeutiges Umschwenken zu bewirken, welches in "Pacem in Terris" gipfelte,
der als "Friedens-Enzyklika" bekannt gewordenen Schrift von Johannes XXIII.
aus dem Jahr 1963. In ihr betonte der Papst den Wert von Frieden und
Menschenrechten.
Auch ist nicht zu bestreiten, dass hartes politisches Kalkül und
spezifische historische Kontexte wie der Kalte Krieg (und im Falle
Italiens: Korruption) den Triumph der christdemokratischen Parteien
ermöglichten. Ihre Form des Antikommunismus, die nicht mit der
traditionellen, nach dem Zweiten Weltkrieg diskreditierten Rechten
identifiziert wurde, war wohl ihr größtes Erfolgsgeheimnis, das ihre Stärke
begründete. Diese spezifische historische Konstellation lässt sich
offensichtlich nicht wiederholen.
Doch die Diskussion um muslimische Demokratie kann nicht einfach mit
Verweis auf Probleme aller historischen Analogiebildungen oder auf die
offensichtlichen strukturellen Unterschiede zwischen Islam und katholischer
Kirche - es gibt keinen muslimischen Papst - ad acta gelegt werden. Sicher,
die Unterstützung von Leo XIII. für die Renaissance von Thomas von Aquin im
neunzehnten Jahrhundert machte Gedankengut wie Maritains erst möglich und
für die Kirche prinzipiell legitim. Aber Maritain entwickelte seine
Konzeption "christlich inspirierter Demokratie" außerhalb vorhandener
politisch-theologischer Hierarchien. Das machte sie umso glaubwürdiger für
Christen, die einen legitimen, aber eben keinen direkt christlichen Staat
wollten, ebenso wie für Nichtgläubige, die nach einem
liberal-demokratischen Konsens suchten, welcher auch die Gläubigen
einschließen konnte.
Es ist naiv zu meinen, reformorientierte muslimische Intellektuelle könnten
im Alleingang eine Art Liberalisierung islamisch geprägter Länder bewirken.
Aber ob sie einen Ideenvorrat anhäufen können, der eine
moderat-demokratische Form islamisch inspirierten politischen Handelns auch
in den Augen eher säkular denkender Menschen rechtfertigt, wird von
entscheidender Bedeutung sein.
JAN-WERNER MÜLLER
30 Jun 2008
## AUTOREN
(DIR) Jan-Werner Müller
## TAGS
(DIR) Papst
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