# taz.de -- Kommunales Kino: Filmreife Ausbeutermethoden
       
       > Das Babylon Mitte hat bei Cineasten einen guten Ruf - bei seinen
       > Mitarbeitern weniger. So häufen sich die Beschwerden über die offenbar
       > miesen Arbeitsbedingungen. Und einem Kollegen, der daran etwas ändern
       > will, wird überraschend gekündigt.
       
 (IMG) Bild: Mit diesem Plakat wollte sich der jüdische Babylon-Geschäftsführer im Oktober gegen die Boykottaufrufe seiner Mitarbeiter wehren
       
       Anfang Mai begann im Kino Babylon in Mitte eine Filmreihe zu 1968. Ein
       umgekipptes Auto mit einer roten Fahne warb vor dem Kino in der
       Rosa-Luxemburg-Straße für den ersten Film. "Ein authentischer Hauch voller
       Kraft und Anarchie wird uns entgegenwehen", versprach das Programm. Ein
       Hauch von Anarchie - das trifft, glaubt man den Aussagen von
       MitarbeiterInnen, auch auf die Arbeitsbedingungen im Babylon Mitte zu.
       
       Nun ist schlechte Bezahlung keine Besonderheit in der Film- und
       Kinobranche. Aber die Jobs derer, die im Babylon Mitte an Bar, Kasse und
       Einlass arbeiten, sind darüber hinaus höchst prekär. Wer dem Management
       nicht passt, fliegt raus - das erzählen mehrere KollegInnen und solche, die
       es waren. Und das, obwohl das Babylon Mitte als kommunales Kino gefördert
       wird und jährlich 320.000 Euro vom Senat erhält.
       
       Als Jason Kirkpatrick die Werbung zu den Filmtagen über 1968 sah, wusste er
       nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Wenige Tage zuvor war ihm vom
       Babylon gekündigt worden. Mündlich, fristlos. Warum, darüber kann er nur
       spekulieren. Vielleicht, weil er eine Mail an die anderen Mitarbeiter
       geschrieben hatte, in der er vorschlug, manche Abläufe im Kino anders zu
       organisieren. Vielleicht, weil Angestellte nach sechs Monaten mehr Rechte
       bekommen. Der Erste, dem es so ging, war er nicht.
       
       Kirkpatrick hat im Dezember 2007 angefangen, im Kino zu arbeiten. Als einer
       von rund 15 MitarbeiterInnen auf 400-Euro-Basis: StudentInnen,
       PraktikantInnen und andere, die sich mit zwei oder drei solcher Minijobs
       über Wasser halten. Die meisten sind noch nicht lange dabei, die Stimmung
       ist freundlich, alle duzen sich. 5,50 Euro die Stunde gibt es für den
       Einlass, 6 Euro für Kartenvorverkauf und Bar.
       
       Als Kirkpatrick gut eine Woche im Babylon arbeitet, werden drei KollegInnen
       entlassen. Einer von ihnen, der Student Christian Horn, erhält zwei Tage
       vor Weihnachten einen Brief, dass sein Arbeitsvertrag Ende Dezember
       auslaufe. "Ich hatte zu Beginn einen Vertrag unterschrieben, der auf ein
       halbes Jahr befristet war", sagt Horn. "Aber ich dachte, das wäre eine
       Formalität und ich müsste nur einen neuen Vertrag unterschreiben." Doch
       sein Vertrag wird nicht verlängert. Er sei nicht engagiert genug gewesen,
       habe ihm Geschäftsführer Timothy Grossman gesagt. Und dass er einmal fünf
       Minuten zu spät gekommen sei. "Für mich kam das vollkommen überraschend",
       so Horn.
       
       Die verbliebenen MitarbeiterInnen des Babylon Mitte wissen nichts Genaues
       über die Entlassungen ihrer KollegInnen, aber dass diese unerwartet kamen,
       ist ihnen nicht entgangen. "Ich habe von da an immer versucht, Feedback von
       der Kinoleitung zu bekommen", sagt Kirkpatrick. "Immer hieß es, ich würde
       meine Arbeit gut machen." Wie viele KollegInnen engagiert er sich im
       Babylon auch über seine Arbeitszeit hinaus. Er lädt für Grossman den
       Regisseur Wes Anderson ein, telefoniert auf eigene Kosten in die USA. In
       seiner Freizeit organisiert er ein japanisches Filmfestival.
       
       Anfang April fragt Kirkpatrick per Mail, ob die Dienstbesprechungen nicht
       auch zur Arbeitszeit zählen und bezahlt werden könnten. Am 30. April
       schlägt er schriftlich vor, ein regelmäßiges Feedbacksystem im Kino
       einzurichten. Neue Mitarbeiter sollen nach drei und sechs Monaten eine
       Rückmeldung erhalten. Ein solches System habe es auch in einem Kino in
       Kalifornien gegeben, in dem er gearbeitet habe, er habe es in guter
       Erinnerung.
       
       Mehrere MitarbeiterInnen antworten, sie fänden die Idee super. Die Antwort
       des Kinomanagements kommt wenige Tage später: Kirkpatrick wird fristlos
       gekündigt. Schon zwei Wochen zuvor hat er keine Schichten mehr zugeteilt
       bekommen. In der Belegschaft heißt es, das sei ein übliches Verfahren,
       bevor jemand rausfliegt.
       
       Zusammen mit anderen MitarbeiterInnen schreibt Kirkpatrick einen offenen
       Brief an das Management. "Wir sind der Meinung, dass die gesamte
       Arbeitsatmosphäre von einer menschlicheren Behandlung der Mitarbeiter (und
       das schließt eine gewisse Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen bei
       Personalfragen ein!) profitieren würde", heißt es darin. Von Grossman
       erhält er erneut eine fristlose Kündigung, dieses Mal schriftlich. Im
       Gespräch habe ihm der Geschäftsführer erklärt, ein anderer Manager habe
       beobachtet, dass er die Karten am Einlass nicht korrekt kontrolliert habe.
       Und dass er zweimal zu spät gekommen sei.
       
       ## Unheimlich freundlich
       
       "Ich glaube, dass Jason gehen musste, weil er Stress gemacht hat", sagt
       Christoph Arndt. Er arbeitet noch im Babylon, und deshalb soll sein
       richtiger Name auf keinen Fall in der Zeitung stehen. Laut Arndt ist die
       Stimmung seit Jasons Kündigung sehr angespannt. Man erzähle, das Management
       wolle bald mehr Leute entlassen. Viele hätten Angst, manche suchten nach
       einen neuen Job.
       
       Das Problem sei, dass auf den ersten Blick alles so unheimlich freundlich
       wirke, sagt Arndt. Das Gehalt sei zwar dürftig, aber viele würden das in
       Kauf nehmen, weil sie gern im Kino arbeiten. "Das wirklich Belastende ist
       die Unsicherheit, die Willkür, diese prekäre Situation." Man wisse nie, ob
       man seinen Job am nächsten Tag noch habe. Spätestens seit Jasons Kündigung
       sei das allen klar.
       
       Doch Kirkpatrick gibt nicht klein bei, hat seinen ehemaligen Arbeitgeber
       verklagt. Am heutigen Dienstag findet die Verhandlung vor dem
       Arbeitsgericht statt. Rechtsanwalt Martin Bechert kann über die
       Arbeitsbedingungen im Babylon nur den Kopf schütteln. Sein Mandant habe
       nicht einmal einen schriftlichen Vertrag gehabt. Und selbst wenn, so
       Bechert, wäre der unwirksam. Alle Arbeitnehmer hätten ein Recht auf
       bezahlten Urlaub - den aber gibt es für die "Aushilfen" im Babylon nicht.
       Auch das im Babylon übliche System, Mitarbeitern mal mehr, mal weniger
       Schichten zuzuteilen oder auch gar keine mehr, wenn sie nicht mehr
       erwünscht seien - "das geht so rechtlich nicht". Solche Arbeitsbedingungen
       seien in der Gastronomie weit verbreitet, sagt der Anwalt. Aber von einem
       kommunalen Kino erwarte man so etwas eher nicht.
       
       Geschäftsführer Grossman möchte sich zu alldem nicht äußern. "Wenn
       Mitarbeiter Probleme haben, können sie sich an uns wenden", sagt er. Er
       halte nichts davon, interne Probleme über Dritte oder die Presse
       auszutragen. Er wisse auch nur vom Fall Kirkpatrick. "Sonstige Probleme mit
       Mitarbeitern sind mir nicht bekannt."
       
       Zumindest Letzteres trifft offensichtlich nicht zu: Erst vor wenigen Wochen
       wurde einem weiteren Mitarbeiter gekündigt. In einer Form, die, wie er
       sagt, nur im Babylon Mitte möglich ist: nicht mündlich, nicht schriftlich,
       sondern einfach, indem ihm keine Schichten mehr zugeteilt wurden. "Nach
       einem Erholungsurlaub zu fragen oder nach dem Dienstplan, um seine Zeit
       planen zu können, kommt im Babylon einem Verbrechen gleich", sagt der
       ausgebootete und enttäuschte Kollege. Auch er überlegt nun, gegen das
       Babylon vor Gericht zu ziehen.
       
       14 Jul 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Juliane Schumacher
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Streik
 (DIR) Tarifstreit
       
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