# taz.de -- Ferienjobs für Berliner Theater: "Die Einnahmen sind im Ausland deutlich höher"
       
       > In den Theaterferien gehen große Häuser auf Gastspielreisen. Aber nicht
       > nur wegen des Geldes, sagt Tobias Veit von der Schaubühne.
       
 (IMG) Bild: Etwas besseres als die Pleite finden wir überall: Die Berliner Stadtschauspieler zieht es im Sommer in die weite Welt
       
       taz: Herr Veit, in Athen hat der Schaubühnen-Regisseur Thomas Ostermeier
       seine neue "Hamlet"-Inszenierung herausgebracht, die jetzt auf dem Festival
       in Avignon läuft. Wie kommt es dazu? 
       
       Tobias Veit: Yorgos Loukos als neuer Leiter das Hellenic Festival in Athen
       nahm 2006 Kontakt zu uns auf, lud "Nora" ein, und sein Festival produzierte
       den "Sommernachtstraum" in der Regie von Thomas Ostermeier und Constanza
       Macras mit. Loukos hat damals sofort gesagt, dass er diese Arbeitsbeziehung
       fortsetzen möchte.
       
       In Avignon sind Sasha Waltz und Thomas Ostermeier schon sehr oft gewesen. 
       
       Mit dem Festival in Avignon sind wir seit 1999 verbunden. Dass der Leiter
       Vincent Baudriller sich entschieden hat, den "Hamlet" zu präsentieren, ist
       Folge dieser langfristigen Beziehung.
       
       Ist "Hamlet" eine Koproduktion mit beiden Festivals? 
       
       Ja. Das bedeutet, dass sie zur Finanzierung der Produktion beitragen und
       man für die Vorstellungen dort auch ein Honorar bekommt. Das entlastet den
       Produktionsetat der Schaubühne.
       
       Was heißt das in Zahlen? 
       
       Es gibt bei Koproduktionen unterschiedliche Modelle. So kann man einerseits
       die gesamten Herstellungskosten im Verhältnis zu der Anzahl der
       Vorstellungen, die jeder Partner zeigt, anteilig aufteilen. Bei so einer
       Vereinbarung wird man auch Regelungen zu Weiterverwertungen treffen wie
       Gastspiele und Fernsehaufzeichnungen, deren Einnahmen dann ebenso
       aufgeteilt werden. Es gibt aber auch Vereinbarungen, wo ein einmaliger,
       dementsprechend geringerer Koproduktionsbeitrag geleistet wird und der
       Koproduktionspartner nicht an der Weiterverwertung beteiligt wird. Das ist
       bei "Hamlet" in Athen und Avignon der Fall.
       
       Auch "Der Stein" von Marius von Mayenburg kommt auf einem Festival heraus
       und hat im Herbst Premiere in Berlin. 
       
       "Der Stein" wird jetzt gerade geprobt mit dem Regisseur Ingo Berk. Dieses
       Stück kommt bei den Salzburger Festspielen im Rahmen des young directors
       project heraus.
       
       Wie viele Gastspiele gab es in der letzten Spielzeit? 
       
       Wir haben 83 Gastspielvorstellungen in 28 Städten und 15 Ländern gehabt -
       und ungefähr 60.000 Zuschauer damit erreicht, außerhalb Berlins. In der
       nächsten Spielzeit sieht es sicher ähnlich aus, weil wir einige
       Gastspielverpflichtungen und Kooperationsvereinbarungen in größerem Maß
       eingegangen sind. Allein in Paris, in zwei Theaterhäusern, werden wir fast
       vier Wochen spielen, zwei Wochen "Hamlet", zwei Wochen "John Gabriel
       Borkmann", das Thomas Ostermeier im Winter inszenieren wird.
       
       Laufen die Stücke dort mit französischen Übertiteln? 
       
       Ja, wir können das nicht wie die Holländer und Belgier, die ihre Stücke
       noch mal auf Deutsch, Französisch oder Englisch einstudieren. Allerdings
       verwenden wir große Energie auf eine sehr genaue Übertitelung. Das hat
       einen großen Einfluss darauf, wie das Stück ankommt. Die Titel müssen auch
       gut platziert sein, nah am Geschehen, möglichst ins Bühnenbild integriert,
       damit man Bild und Text gleichzeitig sehen und lesen kann. Wichtig ist
       zudem der Rhythmus, in dem die Texte gefahren werden, da haben wir zwei
       Übertitler für Englisch und Französisch. Mit denen arbeiten wir auch hier
       in Berlin zusammen für das hiesige englisch- und französischsprachige
       Publikum.
       
       Als 2004/2005 die Subventionen gesenkt wurden, war die Sorge groß am Haus,
       zu wenig Geld für Produktionen zu haben. Machen Sie darum die vielen
       Auswärtsspiele? 
       
       Nein, aber die Schwierigkeiten, die durch die Absenkung der Zuwendungen
       damals aufgetreten sind, haben sicher dazu geführt, dass unsere
       Koproduktion- und Gastspielverabredungen für uns existenziell wurden. Man
       muss jedoch auch sehen, dass wir seit 1999, als ich mit Ostermeier von der
       Baracke des Deutschen Theaters an die Schaubühne kam, kontinuierlich
       zwischen 60 und 100 Vorstellungen außerhalb Berlins gespielt haben.
       
       Nicht schlecht. 
       
       Aber das Problem ist: Gastspieleinladungen sind nicht planbar. Denn der
       Grund, warum man plötzlich nicht mehr eingeladen wird, kann schlicht darin
       liegen, dass ein Festival von Abwechslung lebt und irgendwann eine
       Übersättigung erreicht ist, die nichts mit Qualität zu tun hat. Insofern
       ist es riskant, wenn die politische Seite fordert, die oftmals hohen
       Einnahmen aus Gastspielen und Koproduktionen als integraler Bestandteil
       unseres Wirtschaftsplans zu verankern.
       
       Wie hoch ist denn der Anteil der Einnahmen am Etat? 
       
       Das Budget beträgt grob 15,7 Millionen Euro, wir bekommen seit diesem Jahr
       insgesamt 12,188 Millionen an Zuwendungen, die Lücke muss durch Einnahmen
       geschlossen werden. Das sind 20 Prozent, die man einspielen muss, durch
       Kartenverkauf hier in Berlin natürlich und eben durch Gastspiele. Die
       Einnahmen pro Vorstellung sind dabei im Ausland deutlich höher.
       
       Auch das Deutsche Theater, die Schaubühne, das Maxim Gorki, die Volksbühne
       machen Gastspiele. Warum ist Theater aus Berlin so gefragt? 
       
       Ein Grund für das große Interesse am deutschsprachigen Theater im
       internationalen Kontext liegt in der großen Unterschiedlichkeit und den
       ausgeprägten Ausformulierungen der Theaterästhetik. Das finden viele
       Festivalleiter spannend. Das ist natürlich dem Theatersystem hier
       geschuldet und dem im internationalen Vergleich hohen Anteil an
       Subventionen, die dieses System letztendlich ermöglichen. Aber auch die
       Festivals selbst haben sich verändert, wie sie herumreisen und einkaufen.
       
       Inwiefern? 
       
       Das Avignon-Festival hatte auch schon früher deutschsprachige Produktionen,
       aber nicht so viele wie in den letzten zehn Jahren. In dem Zusammenhang ist
       interessant, dass 2004, als Thomas Ostermeier dort artiste associé war,
       seine Inszenierung des "Woyzeck" dort in dem Cour dhonneur, dem wichtigsten
       Spielort, gezeigt wurde. Das war die erste fremdsprachige Produktion an
       diesem Ort überhaupt, noch dazu eine deutschsprachige - ein Politikum, denn
       das Festival, das 1947 gegründet wurde, war eine Reaktion auf den Krieg
       gewesen. Es gibt die Geschichte, dass die erste Bühne im Cour dhonneur aus
       den Eisenbahnbohlen gebaut wurde von der Strecke, die nach Auschwitz
       führte. Folgerichtig hat die jüdische Gemeinde damals das Gespräch mit
       Ostermeier gesucht, was zu einem sehr interessanten Dialog führte.
       
       Verändern Gastspiele die Art, wie man Theater macht? 
       
       Das ist ein wichtiges Motiv. Seit den Anfängen unserer Theaterarbeit an der
       Baracke haben Ostermeier und der Dramaturg Jens Hillje sich immer als
       Theatermacher im internationalen Kontext verstanden. Was an der Baracke
       gespielt wurde, nahm ja viele Einflüsse aus England, Amerika, Russland auf.
       Insofern war internationale Vernetzung ein großes Anliegen. Sehr früh
       wurde, was in Berlin entstanden ist, auch wieder nach außen getragen. Die
       Erfahrungen, die man dabei macht, sind so was von reichhaltig. Ein
       Beispiel: Wir spielen "Hedda Gabler" in New York, und es wird als schwarze
       Komödie gelesen, weil der Sinn der Amerikaner groß dafür ist, über subtile
       Gemeinheiten zwischen den Figuren zu lachen. Einen Monat später zeigen wir
       die Vorstellung in Paris, und dort reagiert das Publikum mit großer
       Betroffenheit.
       
       Gehen Sie mit einen Katalog Ihrer Stücke bei Festivaldirektoren
       akquirieren? 
       
       Ja, durchaus, das habe ich im bescheidenen Rahmen vor einem Jahr
       eingeführt. Als Informationsmaterial, auch um Leute mit Stücken und
       Regisseuren bekannt zu machen, die sie nicht kennen. So kam es, dass "Unter
       Eis" von Falk Richter, das hier 2004 rauskam, 2006/07 erste Gastspiele
       hatte und jetzt plötzlich nur noch unterwegs ist.
       
       16 Jul 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Bettina Müller
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Sommerferien
       
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