# taz.de -- Georgier erwarten russische Besetzung: Rette sich, wer kann
> Zerstörte Häuser, Tote, Tausende auf der Flucht. Im georgischen Gori geht
> die Angst vor einer russischen Invasion um.
(IMG) Bild: Eine Frau in Gori vor ihrem zerstörten Haus.
GORI taz Zuerst ist es ein einzelner Mann mit einer Kuh, dann eine Familie,
die eine kleine Herde vor sich hertreibt. Als schließlich ein mit Hausrat
beladener Traktor entgegenkommt, wird klar: Diese Menschen fliehen.
Die Straße zwischen der georgischen Stadt Gori und der südossetischen
Hauptstadt Zchinwali führt durch Dörfer, vorbei an Feldern und
Fruchtplantagen. Der Krieg zwischen Georgien und Russland hat die Idylle
zerstört. Je mehr man sich der Front nähert, desto menschenleerer werden
die Dörfer. Ergneti, zwei Kilometer von Zchinwali entfernt, ist fast ganz
verlassen.
Einzig Tariel Bagradze hält noch die Stellung, ein müder alter Mann, der
nirgends mehr hin will. Alle Nachbarn hätten sich aus dem Staub gemacht,
sagt Bagradze. Die Angst vor marodierenden Banden ist groß. Die "Kosaken",
womit er russische Freiwillige meint, würden auf alles schießen, was sich
bewegt. "Und sie stehen nur wenige hundert Meter vor Ergneti."
Georgische Soldaten sind keine mehr zu sehen. Noch am Samstag haben sich
hier georgische und russische Truppen heftige Kämpfe geliefert. Entlang der
Straße nach Zchinwali stand ein Dutzend georgischer Artilleriekanonen, die
im Minutentakt feuerten. Unter Bäumen waren Militärlaster, Panzer und
hunderte Soldaten versteckt. Der Rückzug erfolgte wohl in der Nacht.
Bewohner eines Dorfes erzählen, sie hätten mehrere georgische
Armeeeinheiten gesehen, die in Richtung Gori rollten.
Offenbar ist Tiflis vom massiven Eingreifen der Russen überrascht worden.
Laut Angaben aus georgischen Sicherheitskreisen hat Moskau mindestens 6.000
Mann, 90 Panzer und 250 Artilleriekanonen in die Schlacht geworfen.
Von den russischen Angriffen besonders betroffen war die georgische
Frontstadt Gori, rund 30 Kilometer südlich von Zchinwali. Hier schlugen am
Wochenende russische Geschosse in mehrere Wohnblocks ein. Die Gebäude
brannten auch zwei Stunden nach der Attacke noch lichterloh, Sirenen
heulten, schwarzer Rauch verdeckte die Sicht. In der Stadt brach zum Teil
Panik aus. Dutzende Menschen sollen bei dem Angriff ums Leben gekommen
sein.
Am Montag melden die Agenturen neue Luftangriffe auf Gori, russische Panzer
seien auf dem Vormarsch. Tausende Einwohner verlassen die Stadt, fliehen in
Richtung Tiflis, nachdem das georgische Innenministerium eine Warnung
herausgegeben hat, dass die Stadt nicht mehr sicher sei. Eine Invasion der
Russen stehe möglicherweise bevor, heißt es in der Erklärung.
Am Tag zuvor hatte die georgische Regierung noch Journalisten in einem
provisorischen Informationszentrum im Gebäude des lokalen Fernsehsenders in
Gori empfangen. Es gibt Mineralwasser, getrocknete Äpfel und Wurstscheiben.
Irakli Portschchidse, ein junger Mann in Jeans und hellblauem Hemd, ist so
etwas wie der Chefkommunikator vor Ort. Er ist erst gerade von seinem
Studienort New York in die Heimat zurückgekehrt - direkt in den Krieg. "Die
russischen Flugzeuge sind in der Luft, sie können jeden Moment zuschlagen",
sagt er und zeigt für alle Fälle, wo der Luftschutzkeller ist.
Portschchidse kann nicht nur perfekt Englisch, er beherrscht es auch, die
offizielle georgische Sicht des Konfliktes darzulegen. "Es ist ein Krieg
der Werte", sagt er. Das autokratische Russland greife Georgien an, weil
dieses den Weg zu Freiheit und Demokratie eingeschlagen habe. "Das gefällt
Moskau nicht, denn wir könnten ein Beispiel für andere Länder auf dem
Gebiet der ehemaligen Sowjetunion werden", sagt er.
Später werden die Journalisten in ein örtliches Spital geführt. Auf
schäbigen Pritschen liegen dort furchtbar zugerichtete Menschen. Zwei
blutverschmierte Männer erzählen, sie seien durch ihr Dorf spaziert, als
neben ihnen eine russische Bombe explodierte. "Sobald der Zustand der
Patienten stabil ist, schicken wir sie nach Tiflis", sagt der Chefarzt.
Dann macht er den Pressevertretern ein gruseliges Angebot: "Wenn Sie
wollen, kann ich Ihnen auch noch die Leichen zeigen." Die Journalisten
lehnen ab.
Im Spitalkorridor steht ein Herr mittleren Alters, der sich als "einfacher
georgischer Bürger" vorstellt, allerdings auffällig geschliffen
argumentiert. "Wenn man den Russen heute erlaubt, Georgien zu okkupieren,
welches Land ist dann morgen dran?", fragt er rhetorisch. "Es ist Zeit,
dass der Westen erwacht."
Es scheint, als ob Georgien wenigstens als moralischer Sieger vom
Schlachtfeld abtreten will.
Die russische Öffentlichkeit lebt in einer ganz anderen Realität. Die
staatlichen Fernsehkanäle zeigen erschütternde Reportagen über
südossetische Flüchtlinge. Premierminister Wladimir Putin reiste am
Wochenende eigens in die Krisenregion und warf den Georgiern vor,
"Völkermord" an den Osseten begangen zu haben.
Davon erfährt in Georgien niemand: Russische Fernsehkanäle kann man seit
Samstag nicht mehr empfangen, auch der Zugriff auf russische Websites ist
gesperrt. Bei einer Demonstration in der Innenstadt von Tiflis versammeln
sich hunderte georgische Patrioten, die Flaggen schwenken. Auf einem
Bildschirm werden Bilder gezeigt von der Revolution in Budapest 1956, Prag
1968 - und Georgien 2008. Vom Krieg ist hier in der Innenstadt kaum etwas
zu spüren, die Militärpräsenz ist nicht übermäßig hoch, lediglich das
Aufkommen der Polizei hat sich erhöht. Dennoch geht auch hier die Furcht
um, genährt von Gerüchten, ein gravierender russischer Bombenangriff stehe
bevor.
In Tkviavi, einem kleinen Flecken an der Straße von Gori nach Zchinwali,
steht derweil Bauer Georgi Giguaschwili in seinem Garten und dankt Gott.
Eine russische Bombe hat einen hässlichen Krater in die Erde gerissen. Auf
dem Grundstück der Nachbarn schlug ebenfalls ein Geschoss ein. Das Wohnhaus
und ein daneben liegender Schuppen wurden schwer beschädigt. Fünf Minuten
vor der Attacke habe er noch Gras gemäht, sei dann aber kurz weggegangen,
sagt Georgi Giguaschwili und schaut in den Himmel. "Ich könnte jetzt tot
sein, aber ich wurde gerettet."
Scheinbar wie aus dem Nichts ist der Krieg über Giguaschwili und seine
Nachbarn gekommen. "Wir sind einfache Bauern, warum greifen sie uns an?",
sagt er.
Hakt man nach, findet er es aber doch richtig, dass die georgische Armee
vergangene Woche in Südossetien einmarschiert ist und so den Krieg erst
lostrat. Die "Separatisten" hätten Georgien mit ständigen Angriffen
provoziert, sagt er.
Dass Zchinwali von der georgischen Armee in Schutt und Asche gelegt wurde,
bucht der Bauer Giguaschwili als Kollateralschaden ab. "Wenn gekämpft wird,
gibt es halt Opfer."
12 Aug 2008
## AUTOREN
(DIR) David Nauer
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