# taz.de -- Debatte Buchhandel im Wandel: Lesen, Hören, Schauen
       
       > Der Buchhandel befindet sich im radikalen Umbruch. Die Buchhandlungen
       > müssen darauf reagieren, indem sie sich zur Qualitätsadresse für
       > Kunstwerke aller Art wandeln.
       
 (IMG) Bild: Wer liefert, und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Buchladen, Schwerin, 2019
       
       Der Buchhandel in Deutschland wandelt sich so rasch, dass man kaum noch
       mitkommt. War vor wenigen Jahren noch in jeder größeren Stadt mindestens
       ein sehr dunkler, mit Büchern bis oben hin vollgepackter Buchladen zu
       finden, in denen grummelige ältere Damen und Herren das Reich der Bücher
       gegen das unterhaltungssüchtige Publikum verteidigten, so dominieren nun
       weitläufige Großflächenbuchhandlungen mit reduzierter Titelanzahl das Bild.
       In diesen sind längst nicht nur Bücher zu finden - auch edle Papiere,
       Kuscheltiere, Hörbücher, DVDs und allerlei Kram gehören heute zum
       Sortiment.
       
       Auf der anderen Seite gibt es in großen Städten heute ganze Stadtteile, in
       denen sich keine einzige Buchhandlung mehr findet. Das Buch ist kein
       unbedingtes Lebensmittel mehr. Wer es dennoch nötig hat, fährt in die
       Innenstadt, wagt sich in die Shoppingmalls am Stadtrand oder bedient sich
       im Internet.
       
       Bald wird sich der Buchhandel noch radikaler wandeln. Die diesjährige
       Frankfurter Buchmesse wird ganz klar von Electronica geprägt werden. Dort
       werden Maschinen vorgestellt, mit deren Hilfe man sich die Bücher, die man
       kaufen will, die aber nicht vorrätig sind, im Internet durchblättern kann,
       bevor man sie bestellt. Eine andere Maschine wird ebenfalls Furore machen:
       Sie ist einigermaßen kompakt, und druckt gesuchte Bücher auf Bestellung
       direkt im Buchladen aus.
       
       Nicht wenige dieser Maschinen wird man demnächst dort finden, wo mehr
       verkauft wird als Bestseller: in Universitätsbuchhandlungen etwa. Sony
       schließlich - und vielleicht auch der Internetbuchhändler Amazon - stellen
       ihre elektronischen Lesegeräte vor, die, da sie den Augen nicht schaden und
       nicht flimmern, den E-Buch-Markt auch hierzulande revolutionieren werden.
       So, wie sie es in den USA jetzt schon tun. Daneben präsentieren sich dann
       wieder Internetportale wie tubuk.com, die gezielt Weniges anbieten, um so
       einen überforderten Publikum per redaktioneller Vorauswahl den Einkauf
       erleichtern.
       
       Da ist es nur konsequent, dass sich die Verlage ebenfalls umstellen.
       Suhrkamp etwa ist einer der ersten namhaften Verlage, die nun einige Bücher
       als Print-on-Demand-Version anbieten. Für Wissenschaftstitel könnte das die
       Zukunft sein. Zugleich startet der gleiche Verlag seine "filmedition
       suhrkamp". Hier ist die DVD das Hauptwerk - das bedruckte Papier ist eine
       Dreingabe, ein Booklet, kein Buch.
       
       Mit der Eröffnung einer solchen Edition ist Suhrkamp der Vorreiter unter
       den Verlagen. Doch Filme auf DVD haben es schon längst in die
       Buchhandlungen geschafft - man denke nur an die Editionen von Süddeutsche
       und Focus. Auch andere Verlage interessieren sich zunehmend für diesen
       Datenträger. Bald wird überall, neben dem Buch zum Film, auch der Film zum
       Buch angeboten. Firmen wie Edel oder JPC etwa bauen bereits
       Multimediaregale in Buchhandlungen auf. Klar, dass die Verlage da mitziehen
       - auf diese Weise können sie auch das oft gleichfalls existierende
       filmische Werk ihrer Autorinnen und Autoren gleich mit vertreten.
       
       Es stellt sich allerdings die Frage, inwieweit diese Entwicklung nicht eine
       Bankrotterklärung der Buchhändlerinnen und Buchhändler darstellt. Wollten
       sie nicht Bücher, mithin Literatur verkaufen? Wollten sie nicht Wissen
       horten und vermitteln? Seit Jahren wird das Profil der Buchhandlungen
       aufgeweicht. Warum nicht auch kitschige Plastikfiguren mit den
       "Diddl"-Büchern verkaufen? Warum nicht Wein, wo doch Wein den Geist
       beflügelt? Die Buchhandlungen haben sich gewandelt, bevor sie es gemerkt
       haben. Ist es jetzt zu spät? Vielleicht. Die Frage muss allerdings lauten:
       Zu spät wofür?
       
       CDs haben schon längst in jeder noch so klassischen Buchhandlung Eingang
       gefunden, zumindest die sogenannten Hörbücher. Und Hörbücher sind
       tatsächlich eine angemessene, oft auch konservative Umsetzung von Texten in
       ein anderes Medium, sie sind der Literatur sehr nahe. Außerdem können
       Hörbücher jene erreichen, die aufgrund eines Handicaps nicht lesen können
       und trotzdem auf Musil, Bachmann oder Bukowski nicht verzichten mögen. Der
       Film dagegen ist ein sehr eigenes Medium, das volle Aufmerksamkeit benötigt
       und alle Sinne. Und, so meinen einige Kritiker, auch nicht selten alle
       Sinne betäubt. Ist der Siegeszug der DVD denn wirklich mehr als nur eine
       Expansion des Fernsehprogramms in die Buchregale? Tatsächlich ist zu
       überlegen, inwieweit es wirklich sinnvoll ist, kostbare und heißumkämpfte
       Regalmeter für DVDs freizumachen, auf denen drittklassige Making-ofs
       drittklassiger Daily Soaps gespeichert sind.
       
       Diese Bedenken sind wichtig. Dennoch sollte man das "Hörundsehbuch", sollte
       man die aufwendig verpackte DVD, die anspruchsvolle Dokumentar-, Trick-,
       Kurz- und nicht zuletzt Spielfilme birgt, keinesfalls aus den
       Buchhandlungen fernhalten wollen. Im Gegenteil. Zum einen lehrt uns der
       Altmeister Jean-Luc Godard, dass man über Film vor allem im Film sprechen
       kann. Heißt: Der Film selbst ist eine sinnvolle Ergänzung zum gedruckten,
       erklärenden Filmbuch. Ohnehin ist es dringend nötig, sich um die
       Autorenfilme zu kümmern, die mehr sind als ein bebildertes Drehbuch. Diese
       aber werden in herkömmlichen Videotheken nur selten präsentiert. Zum
       Dritten wird der Buchhandel auf diese Weise zum Refugium für anspruchsvolle
       Kunstwerke - zum Lesen, Hören und Schauen. Eine Kulturtankstelle für das
       intellektuell Anspruchsvolle, wie die Marketingabteilung sagen würde.
       
       Eine Qualitätsadresse für alle möglichen Kunstwerke im Zeitalter ihrer
       technischen Reproduzierbarkeit zu werden - das ist nicht die schlechteste
       Zukunftsaussicht für den Buchhandel. Eine andere als diese Zukunft hat sie
       ohnehin - gerade im ländlichen Raum - nicht.
       
       Nur in Ballungsgebieten kann sich vereinzelt eine - nennen wir sie einmal
       so - belletristische Fachbuchhandlung halten, deren überschaubare
       Kundschaft am Verkaufstresen Belesenheit und Gespräche erwartet. Der Rest
       muss sich wandeln, so wie die Kunden sich gewandelt haben. Es reicht für
       Buchhändlerinnen und Buchhändler nicht, darüber zu lamentieren, dass die
       Post die Pakete des größten Internetbuchhändlers im Laden abgibt, und diese
       später von verschämten Nachbarn abgeholt werden. Ja, man hat die gleichen
       Bücher für denselben Preis im Laden oder kann sogar früher liefern, wenn
       man bestellt. Aber abends und nachts ist die Buchhandlung für den Käufer
       halt zu.
       
       Das muss man akzeptieren. Und sich dagegen rüsten: mit guten Filmen, guten
       CDs, vielleicht auch gutem Wein. Denn Buchhandlungen als Kulturkaufhäuser
       haben immer noch den Vorteil, dass man in ihnen beraten wird und dass man
       anfassen kann, was einen interessiert. Das Internet mit seiner
       Angebotsbreite ist dazu kaum eine Konkurrenz. Denn auch in dreißig Jahren
       werden Computerprogramme nicht die guten Bücher, Filme oder CDs von den
       schlechten unterscheiden können.
       
       13 Oct 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jörg Sundermeier
       
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 (DIR) Buchhandel
       
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