# taz.de -- Mahnmal Möltenort: Ein Adler und zehntausende Tote
       
       > Seit 1930 erinnert in Möltenort bei Kiel ein Mahnmal an die deutschen
       > U-Boot-Matrosen. Nicht alle Besucher der denkmalgeschützten Anlage
       > trauern längst vergangener militärischer Größe nach
       
 (IMG) Bild: Durch Gutachten bestätigt: Das ist kein Nazi-Adler. Sondern einer, der sich gerade in die See stürzt
       
       Als Rüdiger Liebetrau wieder zu Hause ist, war der Postbote
       zwischenzeitlich da. Im Kasten liegt ein Brief mit einem Anliegen, das ihm
       seit Jahren vertraut ist: Ein älterer Herr will wissen, wann und wo sein
       langjähriger Schulfreund damals im Krieg genau ums Leben kam. Er selbst
       kommt aus einem Dorf südlich von Bremen, war neulich hier in der Gegend,
       auf einer Bustour, gemeinsam mit anderen Senioren, mit Halt hier in
       Möltenort am U-Boot-Denkmal, auf halben Weg zwischen Kiel und Laboe, wo die
       Förde breiter und breiter wird und in die Ostsee übergeht.
       
       Rüdiger Liebetrau wird ihm Auskunft geben und Todesdatum und die Position
       des untergegangenen U-Bootes im Golf von Mexiko nennen können: Als
       Vorsitzender der "Stiftung U-Boot-Ehrenmal" verwaltet er die Listen der
       insgesamt mehr als 35.000 U-Bootfahrer, die im Laufe des Ersten und des
       Zweiten Weltkrieges nachweislich ums Leben kamen oder seitdem verschollen
       sind. "Auch wenn das alles nun so lange her ist", sagt Liebetrau, "es
       kommen immer noch solche Briefe." Manchmal liegt ein Geldschein bei.
       Neulich waren es kanadische Dollars.
       
       Doch bevor er diesen Brief gewissenhaft beantworten wird, steht er wieder
       einmal auf dem Vorplatz zum Denkmal, neben ihm ein 15 Meter hoher
       Sandsteinturm, auf dessen Sockel ein Adler mit geöffneten Schwingen prangt.
       Ja, der Adler, da würden viele an den Nazi-Adler denken, sagt
       Liebetrau,doch das sei so nicht richtig: Es sei ein Seeadler, der sich eben
       in die See stürze. Die Stiftung hat eigens ein Gutachten in Auftrag
       gegeben, das belegen soll, dass man sich hier nicht leichtfertig eines
       womöglich kriegsverherrlichenden Symbols bediene.
       
       Das war 2001, als Adler samt Turm baufällig wurden und dringend restauriert
       werden mussten. Das Ganze wurde nicht billig: Über 800.000 D-Mark sind
       seinerzeit in die Sanierung des Adlerhorstes geflossen, der Adler selbst
       wurde in Berlin neu gegossen und vor Ort aus drei Teilen wieder zusammen
       geschweißt: "Der hätte nicht in einem Stück unter den Autobahnbrücken
       hindurch gepasst." So blieb der Turm samt Vogel, der bei aller
       bescheinigten Harmlosigkeit durch und durch martialisch wirkt, Blickfang
       für all die Besucher, die hier nach den Namen ihrer Angehörigen suchen.
       
       "Uns ist es wichtig, dass das hier ein Mahnmal ist", sagt Liebetrau, "eine
       Gedenkstätte, die zeigt, wie schrecklich Krieg ist und was er anrichtet."
       Seit 1990 steht die Anlage unter Denkmalschutz, wird mit unterhalten vom
       Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und getragen von privaten Spenden:
       "Und die werden allmählich weniger."
       
       Eigentlich ist das 1930 eingeweihte und 1938 neu gestaltete Denkmal am Ende
       noch vergleichsweise klein ausgefallen: Gab es doch einst ganz andere
       Pläne, um auf die im Ersten Weltkrieg umgekommenen U-Boot-Fahrer
       hinzuweisen - mehr aber noch, um die Flotte selbst zu verklären: Erst an
       der Unterelbe hinter Hamburg, dann bei Cuxhaven sollte ein riesiges U-Boot
       aus Beton errichtet werden, der Bug elbabwärts gerichtet. Dafür wurde in
       republikfeindlichen Marinekreisen fleißig gesammelt, doch dank
       Weltwirtschaftskrise und Inflation wurde aus dem Großprojekt nichts - und
       die verbliebenen Mittel reichten am Ende für einen Bau hier in Möltenort,
       errichtet auf dem Grund einer alten Schanze.
       
       Rüdiger Liebetrau geht voran, betritt eine der so genannten Ehrenhallen,
       eine kühle, steinerne Kammer. Zeigt auf die Blumen, die Angehörige
       hingestellt haben; weist auf die Kränze, manche älteren Datums und in
       durchsichtiges Plastik gehüllt; etwa von der rechtslastigen
       "Traditionsgemeinschaft Eisernes Kreuz". Es geht ins Freie, der Weg führt
       in einem Halbbogen entlang, links und rechts von über hundert Bronzetafeln
       flankiert, die Namen über Namen füllen: U-Boot-Nummer, Name des
       Kommandanten, Versenkungsort, die Namen und Dienstgrade der Mannschaften,
       streng alphabetisch geordnet. Plus Geburts- und Sterbedatum. Die Nummern
       der Boote werden immer höher.
       
       Rüdiger Liebetrau tritt einen Schritt vor und zeigt wortlos auf die eine
       oder andere Jahreszahl hinter den Namen der hier Aufgeführten; rechnet dann
       vor, das viele gerade einmal Anfang, mal Mitte Zwanzig wurden: "Mit jedem
       neuen Boot wurden die Fahrer jünger. Die wurden bald nicht mehr
       ausgebildet, die wurden einfach rausgeschickt." Eingesetzt auf hastig
       zusammen geschraubten und genieteten Booten, nicht mehr überprüft, nicht
       mehr getestet.
       
       Zuletzt waren das Kleinst-U-Boote, kaum mehr als schwimmende Särge, wie die
       Serie "Seehund", von der eines mit seiner zweiköpfigen Besatzung ganz in
       der Nähe lange auf dem Grund der Förde lag. Der
       Axel-Springer-Verlagsmanager und Sammler maritimer Artefakte Peter Tamm hat
       es schließlich 2001 heben und bei Howaldts wieder in Stand setzen lassen.
       Nun steht es aufgebockt vor seinem Museum in der Hamburger Hafencity - als
       irgendwie neckisches Überbleibsel aus einer irgendwie dunklen Zeit.
       
       Gab es eigentlich U-Boot-Besatzungen, die sich abgesetzt haben? Schließlich
       gelangten einzelne Boote während des Krieges bis in den Indischen Ozean
       oder dicht vor die amerikanische Küste. Der Gedanke ist Rüdiger Liebetrau
       auch schon gekommen und es sollen sich welche ergeben haben, das habe er
       mal gehört: "Es gab damals hier jemanden namens Oskar Kusch, ein
       U-Boot-Kommandant, den haben sie noch kurz vor Kriegsende drüben bei
       Holtenau erschossen, weil er wohl nicht wollte, das da ein Hitlerbild in
       der Offiziersmesse hängt." Aber Genaueres weiß er darüber nicht.
       
       Rüdiger Liebetrau senkt plötzlich die Stimme, als könne jemand zu hören.
       "Es gab ja später unter den U-Bootfahrern auch Kritik an Großadmiral
       Dönitz, ihrem Befehlshaber", flüstert er fast: "Dass er die U-Boote bis
       zuletzt raus in einen aussichtslosen Kampf geschickt hat, wo doch der Krieg
       nicht mehr zu gewinnen war." Und er, der Sohn eines U-Bootfahrers, der
       davon kam, richtet sich wieder auf, atmet tief durch und spricht nicht mehr
       von Dönitz, den der Deutsche Marinebund nach seinem Tod zu Weihnachten 1980
       in einer Todesanzeige ohne Zögern als "große soldatische
       Führerpersönlichkeit" ehrte.
       
       Diese Anzeige findet sich abgedruckt in einem Buch über die Geschichte des
       Denkmals, dessen Mit-Herausgeber Liebetrau ist. Und auch wenn er sofort
       beteuert, man wolle in dem Band keinerlei Wertung der Ereignisse vornehmen,
       findet sich dort Ungewohntes: Denn es wird in der Chronik nicht
       verschwiegen, dass damals im Bremer U-Boot-Bunker "Valentin" und im nahen
       Kieler U-Boot-Bunker "Kilian" Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und
       KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten und dabei
       vielfach gleich dort - oder in den umliegenden Lagern - zu Tode kamen.
       
       Für einen heutigen Landgänger, einen aufgeklärten Zivilisten mögen solche
       Hintergrundinformationen eine Selbstverständlichkeit sein. Für manche der
       Angehörigen, erst recht für viele Mitglieder der noch verbliebenen
       U-Boot-Kameradschaften sind sie neu, ungewohnt und sie werden oft nur
       unwillig zur Kenntnis genommen.
       
       Davon kann der Besucher in dem Buch erfahren, das am Ausgang der zweiten
       Halle ausliegt, bevor es wieder ins Helle geht. Mancher Eintrag lautet
       schlicht so: "In Gedenken an meinen Vater, der heute 90 Jahre alt geworden
       wäre." Plus dem Zusatz: "Nie wieder Krieg." Doch es finden sich noch immer
       Sätze wie: "Diese Männer sind für uns gestorben, das sollte man nie
       vergessen" - "nie" ist dabei unterstrichen. Letzterer Eintrag ist nicht
       unkommentiert geblieben: "Nicht für uns, für eine sinnlose Sache sind sie
       gestorben." Und der unbekannte Besucher hat noch hinzugesetzt: "Und sterben
       wollten sie bestimmt nicht."
       
       Annerose und Jörg-Rüdiger Sieck: Die U-Bootfahrer und das Ehrenmal in
       Möltenort; Wachholtz Verlag, Neumünster; 288 Seiten, 19,90 Euro
       
       30 Oct 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frank Keil
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Matrosenaufstand
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ausstellung „Die Stunde der Matrosen“: Ikone Matrose
       
       Das Kieler Schifffahrtsmuseum erzählt vom Aufstand der Kieler Matrosen vor
       hundert Jahren. Es ist die erste Ausstellung zu diesem Thema in der
       Landeshauptstadt.