# taz.de -- Telefonat mit Bombay: "Mein Hals schnürt sich zu"
       
       > Natalie Tenberg hat Freunde und Verwandte in Bombay. Sie hat sie nch den
       > Terroranschlägen sofort angerufen. Fast alle hatten Glück.
       
 (IMG) Bild: "Ich sah nur die Polizei und die Feuerwehr, und das alles beruhigte mich gar nicht."
       
       Der Familie geht es gut. Das ist die Nachricht, die ich heute hören möchte.
       Mittwochnacht, als ich das Drama der Anschläge stumm vor Schreck im
       Fernsehen verfolgte, wurde eine Bekannte von mir als Augenzeugin
       interviewt. Ihr geht es gut, sagte sie, und schilderte die Lage, was sie
       sah, mit wem sie war. Ich sah nur die Polizei und die Feuerwehr, und das
       alles beruhigte mich gar nicht.
       
       "Uns geht es gut," sagt meine Tante, als ich sie morgens anrufe. Es gibt
       sehr viele Tanten in Bombay, der Begriff wird, wie Familienverhältnisse
       überhaupt, nicht zu eng gesehen, was dazu führt, dass man eben nicht nur
       die nächsten Verwandten anruft, sondern alle. Die Tante also fasst sofort
       die Nachrichten zusammen, wie sie über das indische Fernsehen laufen. "Aber
       dort unten", also keine zehn Kilometer entfernt, im Süden der Stadt, der
       auch eigenartigerweise das Zentrum ist, "muss es furchtbar sein. Eine
       Freundin der Freundin, bei der wir gestern waren, rief sofort an, als die
       ersten Schüsse fielen. Sie war dort", sagt meine Tante. Sie ist auf die Art
       und Weise geschockt, wie Menschen in Bombay es sind. Nicht in stummer
       Fassungslosigkeit, nein, wenn die Menschen von Bombay geschockt sind, reden
       sie noch mehr als sonst.
       
       Nächster Anruf, dieses Mal bei einer Tante aus Malabar Hill. "Uns geht es
       gut," sagt auch sie und fasst die Nachrichtenlage zusammen, wo welche
       Terroristen gefangen seien, wer wie vorginge, all das, was auch hier auf
       BBC läuft. Sie ist gelassen. Ihr Mann, sagt sie noch, aber nicht besonders
       aufgeregt, sei seit gestern Abend in South Bombay, stehe vor dem Trident
       Hotel mit einem Freund, dessen Frau und Baby dort im Zimmer sitzen. In dem
       Hotel, wo noch immer Terroristen Menschen gefangen halten. Gut also gehts.
       
       Ich lese, dass auch Israelis betroffen sein sollen. Dass sie in einer
       Privatwohnung festgehalten werden, und ich denke an einen Rabbi, den ich
       kenne. Er lebt mit seiner Frau und seinem Kind in der Nähe des Oberoi
       Hotels und betreibt dort einen Chabad. Eine Art Station für Juden in der
       Diaspora, erklärte er mir, als wir uns trafen. Wo sie sich ausruhen können,
       koscher essen und über Religion reden. Es saßen immer einige israelische
       Reisende in seinem Wohnzimmer. Sollte ich ihn anrufen? Mein Auftrag war,
       Informationen und Töne von Betroffenen zu sammeln, vielleicht konnte er mir
       helfen. Ich wähle seine Nummer. Ich werde weggedrückt. Kein gutes Zeichen.
       In der Keneseth Eliyahoo Synagoge geht niemand ans Telefon. Eine halbe
       Stunde später sehe ich auf der Website der israelischen Zeitung Haa- retz
       seinen Namen: Gabriel Holtzberg und seine Frau Rivka befinden sich in der
       Hand der Terroristen. Mein Hals schnürt sich zusammen. Ich kenne diesen
       Mann nicht gut, aber ich habe seine Stimme auf Band und sein Bild im PC.
       Ich weiß, was er mir gesagt hat, als ich ihn damals fragte, wie lange er
       plane in Indien zu bleiben: "Bis der Messias kommt."
       
       Über Skype sehe ich eine gute Freundin meiner Eltern. Sie lebt allein in
       einer großen Wohnung in der Straße hinter dem Taj. Wie ist es für sie,
       möchte ich wissen. Sie sagt nicht, dass es ihr gut gehe. Fast beruhigt mich
       das. "Ich habe mich im Haus verschanzt," schreibt sie. Wegen der
       Ausgangssperre könne sie sowieso nicht weg. "Die letzte Nacht habe ich in
       absoluter Angst verbracht. Dauernd hörte ich Explosionen, aus dem Taj, aus
       dem Rest von Colaba. Ich habe mich zusammengerissen, mir meine Ohrstöpsel
       eingesetzt und mich hingelegt. Aber die ganze Nacht lang wurde ich von der
       Angst in Krämpfen geschüttelt. Mehr kann ich dir gerade nicht sagen, ich
       habe den Fernseher ausgestellt, ich kann die Bilder nicht ertragen." Ich
       hingegen werde beim Tuten des Freizeichen nervös, bei der Ansage, dass ein
       Handy nicht erreichbar sei, auch wenn ich inzwischen alle engen Freunde und
       Verwandten zusammenhabe.
       
       Es ist einfach wahrscheinlich, dass die Menschen, die ich in Bombay kenne,
       zu diesem Zeitpunkt irgendwo sind, wo es knallt. Nitin, ein Bekannter, der
       hier früher als Koch arbeitete, versichert mir, dass alles in Ordnung sei.
       "All safe and fine," behauptet er, fasst die Nachrichtenlage zusammen und
       erwähnt, dass er gerade mit einem Angestellten des Hotels geredet hätte.
       Die Menschen dort haben noch immer Angst. Und ein ehemaliger Kollege von
       ihm sei erschossen worden. Alle sicher und geborgen? Nein, noch immer
       brennt das Taj, noch immer laufen Terroristen im Oberoi und anderswo herum.
       Aber je mehr man es dieser alten, dreckigen Stadt gibt, desto trotziger
       macht sie weiter. Gut so, also gehts gut.
       
       28 Nov 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Natalie Tenberg
       
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