# taz.de -- Thierse über die Jammerossis: "Brutalisierung nicht zulassen"
> Laut einer Studie fühlen sich Ostdeutsche immer noch benachteiligt.
> Bundestagsvize Wolfgang Thierse findet, dass Ostdeutsche nicht
> zweitklassig, sondern in ihrer Selbstwahrnehmung gefangen sind.
(IMG) Bild: Anscheinend doch.
taz: Herr Thierse, fast 20 Jahre nach dem Mauerfall fühlen sich noch drei
Viertel der Ostdeutschen benachteiligt - der Jammerossi lebt, oder?
Wolfgang Thierse: Na ja, aber der Befund ist nicht neu. Das ist nicht das
Aufregende der Bielefelder Studie.
Finden Sie? Drei Viertel der Ostdeutschen, das ist doch eine unglaubliche
Zahl.
Sich als zweitklassig zu empfinden ist für die Ostdeutschen wie ein
Gefängnis ihrer Selbstbeurteilung. Sie sehen nicht, welche Chance in der
gemeinsamen Demokratie steckt. Natürlich: Die Arbeitslosigkeit ist im
Vergleich zum Westen doppelt so hoch in Ostdeutschland, Löhne und Gehälter
sind niedriger. Die Mehrheit der ostdeutschen Rentner empfindet auch die
Rente als Unrecht.
Aber gerade Rentner im Osten haben doch von der Einheit profitiert, weil
sie so lange Berechnungszeiten für ihre Rente nachweisen konnten.
Das ist der Punkt: Dieses Selbstbeurteilungsklischee "Wir sind Deutsche
zweiter Klasse" ist so ein starkes Korsett, dass die Tatsachen nicht mehr
wahrgenommen werden, die dieses Zurücksetzungsgefühl relativieren. Beispiel
Rente: Hinsichtlich der Bewertungspunkte stehen die Ostdeutschen meist
schlechter da. Bezüglich der gesetzlichen Rente aber sind sie nicht
schlechter dran als der Westen. Nur sehen die Rentner im Osten auch, dass
die Menschen im Westen noch andere Alterseinkünfte haben.
Was hat dieses Gefühl der Benachteiligung für Folgen?
Es sind zum Teil ganz eigentümliche. So gibt es mehr Islamophobie in
Ostdeutschland bei viel weniger Muslimen dort. Es gibt eine deutlich höhere
Abwertung von Obdachlosen, obwohl Ostdeutsche im Schnitt mehr von
Arbeitslosigkeit betroffen sind. Dabei haben wir Ostdeutsche doch immer
geglaubt, wir hätten ein großes Solidaritäts- und Gerechtigkeitsgefühl! An
dieser Stelle können wir uns nicht mit sozialökonomischen oder
sozialpsychologischen Erklärungen zufriedengeben. Hier muss man reden über
die kulturelle, ideelle und moralische Vorgeschichte in Ostdeutschland -
und die Nachwirkungen der DDR auch.
Trägt für diese Phänomene die Politik Verantwortung - oder eher die
Gesellschaft?
Es gab ja eine massive finanzielle Solidarität mit dem Osten, die die
Brutalität des wirtschaftlichen Umbruchs gemildert hat. Ich kann nicht
sehen, dass die Politik an dieser Stelle mehr hätte tun können.
Die Bielefelder Forscher befürchten aber auch, die Menschenfeindlichkeit
könnte mit der beginnenden Rezession weiter zunehmen. Teilen Sie diese
Befürchtung?
Da die Forscher die Feindlichkeit rückbeziehen auf die ökonomischen und
sozialen Bedingungen, ist diese Befürchtung zu teilen. Dort steckt die
eigentliche politisch-moralische Herausforderung. Sie betrifft nicht nur
die Politik, sondern auch die Zivilgesellschaft: gerade angesichts
schwieriger ökonomischer Verhältnisse nicht eine Brutalisierung der
menschlichen Beziehungen zuzulassen.
5 Dec 2008
## AUTOREN
(DIR) Philipp Gessler
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