# taz.de -- Reportage aus Kolumbien: Vom Begraben der Geschichte
       
       > Am Stadtrand von Medellín liegen mehrere hundert Opfer der Paramilitärs
       > in einem Massengrab. Die Stadt nutzt den Ort als Schuttplatz. Angehörige
       > fordern die Schließung.
       
 (IMG) Bild: Die Forderung nach Gewaltlosigkeit wird in Kolumbien wohl noch lange ungehört verhallen.
       
       MEDELLÍN taz Ein diesiger Nachmittag am Stadtrand von Medellín. Die
       Hochhäuser der Innenstadt, nur etwa vier Kilometer Luftlinie entfernt,
       verschwimmen im Dunst. Ein Kundgebung von 150 Personen steigt die staubige
       Erdpiste eines Schuttabladeplatzes hinauf.
       
       Die Escombrera im Westen der Zweimillionenstadt Medellín scheint wie eine
       Verdichtung der kolumbianischen Wirklichkeit. Unter Geröll und Bauschutt
       sind hier 100 bis 400 Leichen vergraben. Die Toten sind Opfer der Operation
       Orión, einer Militäraktion, mit der die Armee Ende 2002 die Armenviertel
       der so genannten Comuna 13 zurückeroberte. Die Massengräber sind bis heute
       nicht geöffnet. Ja, mehr noch: Der Betrieb des Schuttplatzes lässt die
       Leichen immer tiefer in der Erde verschwinden.
       
       Die Kundgebung an diesem Nachmittag soll diesem skandalösen Zustand endlich
       ein Ende bereiten. Es ist eine eigenartige "Prozession", die da den Berg
       heraufkommt. Hinter den 150 Teilnehmern, die meisten von ihnen Frauen und
       Kinder, die Schilder mit den Fotos von Verschwundenen tragen, folgen 50
       institutionelle Begleiter - UN-Beobachter, Angestellte der städtischen
       Menschenrechtsbehörde, Kameraleute - sowie ein ganzer Fuhrpark aus großen
       geländegängigen Jeeps. Und schließlich sind da auch noch die schwer
       beladenen Kipplaster, die im 60-Sekundentakt an der Kundgebung vorbeirollen
       und mit ihrem Motorenlärm alles übertönen. "Der Betrieb des Schuttplatzes
       ist nicht einmal heute eingestellt worden", ruft Ricardo Sierra von der
       'Bewegung der Opfer staatlicher Verbrechen' (MOVICE) durchs Megafon.
       
       "Es ist schon eigenartig! Alle Schuttplätze der Stadt werden illegal
       betrieben. Aber ausgerechnet dieser hat eine Lizenz und kann nicht
       stillgelegt werden." Der Mann fordert die Menge auf, mit einzustimmen:
       "Schließung des Schuttplatzes in der Comuna 13! Nein zum Begraben der
       Geschichte!" Doch nur wenige Teilnehmer rufen mit. Seit die Staatsmacht die
       Comuna 13 im Dezember 2002 zurückeroberte, hat es im Viertel keine Proteste
       mehr gegeben. Eine Frau, ein vergrößertes Foto ihres Sohnes vor sich auf
       der Brust haltend, bricht in Tränen aus.
       
       Elvira García, Mutter von vier Kindern, hat die Comuna 13 schon vor Jahren
       verlassen. Ihre Erinnerungen an die Ereignisse sind nach wie vor frisch.
       "Die Armee hat damals die Guerilla vertrieben. Die ganze Zeit sind
       Hubschrauber über den Dächern gekreist. Fast zwei Monate lang wurde mitten
       im Viertel gekämpft - andauernd Schüsse und Explosionen. Jeder Jugendliche
       stand unter Verdacht."
       
       Um zu verstehen, wovon García spricht, muss man einiges Vorwissen
       mitbringen. Denn die Frau, die ihre Familie als Schneiderin über Wasser
       hält, spart wichtige Informationen gezielt aus. Zum Beispiel dass die
       Guerilla in der Comuna 13 mit ihren 130.000 Bewohnern durchaus Sympathien
       genoss. Dass hier nicht die militaristischen FARC, sondern die eher
       befreiungschristlich beeinflusste ELN und unabhängige Milizen stark waren.
       Dass die bewaffneten Gruppen die Organisierung der Bevölkerung
       unterstützten und sich die Comuna 13 stärker als andere Armenviertel an
       Protesten gegen die Regierung beteiligte. Und dass die Militäroffensive in
       diesem Sinne vor allem politische Ziele verfolgte.
       
       "Viele Jugendliche sind damals gestorben", fährt García leise fort. "Manche
       sind zwischen die Linien geraten. Andere haben sie getötet." Wer ist sie?
       Die Schneiderin benennt die Täter erst auf Nachfrage und auch dann nur
       zögerlich. "Na ja ... die Paras." Tatsächlich spielten die AUC-Paramilitärs
       eine entscheidende Rolle bei der Operation Orión. Selbst in Berichten der
       US-Regierung wird die Vermutung geäußert, dass die Initiative für die
       Offensive von Paramilitär-Führer Fabio Acevedo alias Orión ausging - einem
       Ex-Polizisten, dem die Operation auch ihren Namen verdankt.
       
       Die illegalen Paramilitärs versorgten die Armeeführung mit Informationen
       und begleiteten Polizei und Soldaten, als diese im Oktober 2002 in das aus
       unverputzten Ziegelbauten und Holzhütten bestehende Viertel vorrückten.
       Verdächtige wurden von den Sicherheitskräften kurzerhand an die
       paramilitärischen Berufskiller weitergereicht, die die Festgenommenen
       schließlich auf dem Schuttplatz 'beseitigten'. Doch obwohl der damals
       kommandierende Militär Mario Montoya von verschiedenen Zeugen schwer
       belastet wurde, beförderte ihn die Regierung Uribe kurze Zeit später zum
       Heereskommandanten.
       
       Elvira García will über solche Zusammenhänge nicht sprechen. Auch nur
       schweigend an der Kundgebung teilzunehmen, erfordert viel Mut. "Wir
       glauben", sagt sie, "dass die meisten Toten hier liegen ... Ich habe einen
       Schwiegersohn verloren." Dröhnend fährt erneut ein Kipplaster vorbei. Ein
       Aufkleber weist darauf hin, dass der LKW im Auftrag der Stadtverwaltung
       unterwegs ist.
       
       "Für uns hat sich die Situation seit der Demobilisierung der
       AUC-Paramilitärs nicht verbessert." Andrés Jaramillo ist Sprecher der
       Bauernorganisation Asociación Campesina de Antioquia und hat Medellín
       aufgrund von Drohungen schon öfter für einige Monate verlassen müssen.
       Mittlerweile wird seine Organisation durch Freiwillige von Peace Brigades
       International begleitet. "Die Regierung behauptet, die Paramilitärs seien
       demobilisiert worden. Aber auch wenn mehrere AUC-Kommandanten in die USA
       ausgeliefert worden sind - die paramilitärischen Strukturen existieren
       weiter. Die Armenviertel werden von den gleichen Leute kontrolliert wie
       früher. Unsere Bauernorganisation kann in den Comunas kein Treffen machen.
       Jeder, der daran teilnimmt, hat Bedrohung zu fürchten."
       
       Aus Jaramillos Sicht besteht eine seltsame Diskrepanz in der Stadt. Die
       letzten Bürgermeistern haben sich bemüht, Medellín als Ciudad Bonita, als
       'hübsche Stadt', zu profilieren. Der jetzige Bürgermeister wird von einem
       Mitte-Links-Bündnis gestellt. Neue Ausstellungsorte, die Durchführung
       internationaler Konferenzen, aber auch Sozialprojekte sollen dafür sorgen,
       den Ruf der Stadt als Gewaltmetropole vergessen zu machen. Das Metrocable,
       zum U-Bahnnetz gehörende Seilbahnlinien, die in die Armenviertel
       hinaufführen, ist der sichtbarste Ausdruck dieser Anstrengungen. Das
       Verkehrsprojekt ist unbestritten nützlich: Die bevölkerungsreichsten
       Stadtteile sind endlich ins Nahverkehrssystem integriert. Zudem hat die
       Stadtverwaltung große Wohnungsbauprogramme aufgelegt und massiv in
       Bibliotheken und Schulen investiert.
       
       Doch für Jaramillo hat das alles einen schalen Beigeschmack. "Viele
       Touristen können dank der Seilbahn jetzt selbst die schlimmsten
       Elendsviertel besichtigen. Manche Barrio-Bewohner allerdings sind noch
       stärker ausgeschlossen als früher. Niemand, der hier auf der Kundgebung
       ist, wohnt noch in der Comuna 13. Man darf nicht mal ansprechen, dass es so
       etwas wie Paramilitärs gibt. Eine Anweisung der Stadterwaltung besagt, dass
       von 'Gangs' geredet werden soll. Als wäre das alles nur ein Bandenproblem."
       
       Im Hintergrund schaukeln die neuen Seilbahnkabinen die Hänge hinauf. Das
       Metrocable ist innerhalb kürzester Zeit zu Medellíns beliebtestem
       Postkartenmotiv aufgestiegen. Die Kundgebungsteilnehmer hingegen bleiben
       mit ihren Sorgen weiter unter sich - von den 50 institutionellen Begleitern
       einmal abgesehen, die in ihren Berichten vermelden werden, dass die
       schmerzhafte Aufarbeitung des Krieges in Kolumbien langsam, aber sicher
       voranschreitet. Die Organisatoren überlassen den Angehörigen das Mikrofon.
       Einige sprechen zum ersten Mal über die Ereignisse von 2002.
       
       Jene Mutter, die das Bild ihres verschollenen Sohnes immer noch vor der
       Brust umklammert hält, stimmt eine verzweifelte Litanei an: "Ich weiß
       nicht, an wen ich mich wenden soll. Irgendjemand muss mir doch helfen
       können. Ich will die Knochen meines Jungen, seine Knöchelchen'." Dass sie
       huesitos sagt, also die Verkleinerungsform verwendet, macht die Situation
       noch bizarrer. Die Kipplaster laden lärmend den Bauschutt der
       Innenstadtmodernisierung auf den Massengräbern ab, Medellín präsentiert
       sich grün und malerisch im Nachmittagslicht, die Pressefotografen schießen
       Bilder von traurig dreinblickenden Kindern.
       
       Kolumbiens Geschichte drehe sich im Kreis, lautet einer der Kernsätze in
       Gabriel García Márquez' Roman "Hundert Jahre Einsamkeit". Und so dreht sie
       sich weiter und weiter: Während die einen darauf hoffen, wenigstens die
       Überreste ihrer Kinder zurückzubekommen, berichtet die kolumbianische
       Staatsanwaltschaft, dass die Armee seit Anfang 2007 erneut zwischen 500 und
       1000 Zivilisten außerhalb von Kampfhandlungen ermordet hat.
       
       14 Jan 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Raul Zelik
       
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 (DIR) Kolumbien
       
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