# taz.de -- Kinderpornoseiten-Filter mangelhaft: Sperren verhindern Missbrauch nicht
> In Skandinavien gibt es seit fünf Jahren Sperren für Kinderpornoseiten.
> Sie werden als bloße Symbolpolitik kritisiert und haben Begehrlichkeiten
> auf Ausweitung geweckt.
(IMG) Bild: Die Sperrliste trifft leider nicht zuverlässig genug die Bösen
STOCKHOLM taz Die Internetfilter, die den Aufruf kinderpornografischer
Seiten nach dem Willen der Bundesregierung auch in Deutschland sperren
sollen, haben skandinavische Vorbilder. Sie werden seit bis zu viereinhalb
Jahren in Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland eingesetzt, dort aber
in wachsendem Masse kritisiert. Als bloße Symbolpolitik, da sie ineffektiv,
weil technisch leicht zu umgehen sind. Weil sie ganz gegen ihre Intention
ausgenutzt und von Kinderpornointeressenten geradezu als Wegweiser für
einschlägige Seiten gebraucht werden können. Aber auch weil damit in der
Vergangenheit ganz „unschuldige" Seiten gesperrt worden waren und die
Technik prompt Begehrlichkeiten geweckt hat. Beispielsweise
Filesharing-Seiten damit zu blockieren.
Gibt ein Internetuser in Schweden eine Adresse ein, die auf der
„Spärrlista" der Reichspolizei verzeichnet ist, gelangt er nicht zu dieser
Adresse, sondern es taucht eine Seite mit dem Polizeiwappen und der
Überschrift „Stopp!" auf: „Dein Webbleser hat versucht Kontakt mit einer
Internetseite aufzunehmen, die zur Verbreitung von kinderpornografischem
Material verwendet wird. Das ist strafbar gemäß Strafgesetzbuch Kapitel 16,
Paragraf 10 a." Darunter der Hinweis auf eine Internetadresse, an die man
sich wenden kann, falls man der Auffassung ist, die fragliche Sperrung sei
zu Unrecht erfolgt. Oder an die man auch selbst „verdächtige" Seiten melden
kann.
Die Prozedur, welche Seiten auf die „Sperrliste" kommen, ist
undurchsichtig. Zum einen arbeitet „Ecpat" ("End Child Prostitution,
Pornography and Trafficking of Children for Sexual Purposes") und andere
Kinderschutzorganisationen mit der Polizei zusammen und diese erhält Tipps
auf einschlägige Adressen. Auch die Polizei selbst kämmt das Internet durch
und ergänzt regelmäsßig diese Liste. Sie ist nicht öffentlich und soll
aktuell einige zehntausend Adressen enthalten. In Finnland – wo das System
trotz Rechtsgutachten, wonach es einen Verstoß gegen die Verfassung
darstelle, 2006 eingeführt wurde - machte ein Hacker im vergangenen Jahr
Teile der dortigen Liste auf seiner Webbseite, in der er sich grundsätzlich
gegen Internet-Zensur engagiert, öffentlich. Nach seiner eigenen
Einschätzung enthielten 99 Prozent von 1047 zufällig ausgewählten
zensierten Seiten kein kinderpornografisches Material, sondern legale
Pornografie oder „Modellfotos". Oder es waren gänzlich andere Seiten
erfasst worden, wie eine japanische Bonsaibäumchen-Seite, eine Puppen- und
eine Violinenfabrik, sowie verschiedene Foren mit Tipps für
Windows-Probleme und technische Hilfe bei Computerpannen.
Die finnische Polizei reagierte auf diese Veröffentlichung damit, dass sie
kurzerhand auch die Seite dieses Hackers mit ihrem Kinderpornofilter
sperren ließ. Eine Begründung dazu wurde verweigert. Offenbar passten der
Polizei Hinweise, wie solche Filter grundsätzlich technisch zu umgehen
sind, nicht. Was allerdings durch das Internetsperrgesetz nicht gedeckt
wäre. Der Vorgang löste eine heftige Debatte bis hin zu parlamentarischen
Anfragen aus. Die letztendlich im Sand verlief, nachdem die Polizei die
fragliche Seite wieder zugänglich machte.
„Die Technik der gängigen Internetfilter wird von kommerziellen Akteuren
entwickelt, ohne dass die Behörden ihre Funktionsweise eigentlich
kontrollieren", kritisiert der finnische Grünen-Abgeordnete Jyrki Kasvi die
aufgrund der verfassungsrechtlich garantierten Kommunikationsfreiheit
problematische Grauzone, die sich hier aufgetan hat: „Es ist erwiesen, dass
bestimmte dieser Filter auch politisches Material gesperrt haben. Und wie
leicht Zensur sich ausbreitet, weiß man ja." So gab es mittlerweile sowohl
in Finnland wie in Schweden mehrfache Vorstöße, diese Filter auch auf
andere „unliebsame" Seiten auszudehnen. So auf Filesharingseiten wie
Piratebay oder unter dem Vorwand, damit Steuerhinterziehung bekämpfen zu
können, auf Internetspielseiten.
Das hauptsächliche Argument für diese Internetsperren, diese erschwerten es
den Produzenten einschlägigen Materials ihre Kunden beliefern zu können,
lässt Kasvi nicht gelten. Er hält die Sperrlisten und Filter sogar für
direkt kontraproduktiv: „Sie erleichtern es für die, welche
Kinderpornografie im Internet suchen." Es gebe nur einen Weg, den
Missbrauch mit Kindern wirklich zu stoppen: Gegen die Quellen vorzugehen.
Gegen die Produktion selbst und gegen die Provider, die über ihre Server
dieses Material verbreiten.
9 Feb 2009
## AUTOREN
(DIR) Reinhard Wolff
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