# taz.de -- Alpha-Blogger Niggemeier: Der Crashtest-Dummy
       
       > "Bild-Blog"-Macher Stefan Niggemeier ist einer der unerschrockensten
       > Journalisten der Republik. Ein Vorabdruck aus "Die Alpha-Journalisten
       > 2.0".
       
 (IMG) Bild: Stephan Niggemeier zu Gast auf der Dachterrasse der taz. Im Hintergrund links: Das Springer-Hochhaus.
       
       Der David der Medienwelt hat sein Büro in einer früheren Metzgerei. Nur
       wenige Schritte vom Spreeufer entfernt, mitten in jenem Kreuzberg, das bis
       zur Wende das Ende der westlichen Welt bedeutete. Inzwischen auferstanden
       aus Ruinen, ein wachsendes In-Viertel, gegenüber der neuen O2-Arena auf der
       anderen Seite des Flusses. Gleich im Parterre liegt das Büro, die
       Schreibtische stehen fast im Schaufenster - vor Einsicht nur notdürftig
       durch einen Streifen Milchglasfolie geschützt: Das ist die Denk- und
       Schreibzentrale von Bildblog.
       
       Nichts im Raum weckt auch nur leiseste Fantasien von Kommandozentrale, von
       medialem Schlachtschiff oder gar von einem Geheimnis einer Kraft, die es
       aufnimmt mit im Zweifelsfall aller Medienwelt. Gemessen an den schnieken
       Räumlichkeiten des Goliath, der Bild-Zeitung, die nur vier Kilometer
       entfernt nahe dem Checkpoint Charlie siedelt, wirkt dieser Arbeitsraum wie
       eine gemütliche Besenkammer.
       
       Stefan Niggemeier empfängt an diesem Morgen einen Hospitanten, wirkt
       irgendwie so entspannt wie irgendwie auch nicht zugehörig zu dem, was
       dieses Bildblog-Büro auch ist - Widerstand gegen den Springer-Journalismus.
       Er weiß, offenbar etwas konfus, nicht auf Anhieb das Passwort für den
       Computer und hinterlässt beim jungen Berufsanfänger, der seinen ersten Tag
       bei der Aufklärungsagentur gegen das mächtigste Boulevardmedium der
       Republik antritt, womöglich den Eindruck von ziemlicher Lockerheit.
       
       Sieht so also die räumliche Oberfläche eines Engagements aus, das tausende
       von Bürgern erfreut, das den Bildblog mit monatlichen Klicks in
       siebenstelliger Höhe zum Marktführer der Blogosphäre macht und das den
       Axel-Springer-Konzern mehr als einmal ärgerte? Wird in diesem
       Parterreanwesen quasi fortgeführt, was Günter Wallraff in den 1970er-Jahren
       zu publizistischem Ruhm führte - die chronische Enthüllung der
       auflagenstärksten Zeitung der Republik, nur mit den Mitteln der
       elektronischen Kommunikation?
       
       Das Bild von den Davids gegen die Goliaths - es will partout nicht trügen.
       Für diese Arbeit an der Idee des Journalismus, wie er ihn ausdrücklich
       versteht, ist Niggemeier vielfach ausgezeichnet worden, er wird unter
       Journalisten als Alphatier gehandelt, als Mann, auf dessen Stimme man im
       Konzert der öffentlichen Diskussion hören sollte.
       
       Was sagt Niggemeier selbst über diese Zuschreibung? "Alphajournalist? Ich
       wäre kokett, wenn ich sagen würde, nein, dazu werde ich gar nicht gezählt
       oder das Label ginge an mir vorbei. Aber je größer die Etiketten, umso
       häufiger ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass die Leute das gegen mich
       verwenden - und irgendwann irgendeiner merkt, dass ich auch nur mit Wasser
       koche. Der Niggemeier - ein Faker!" Eine Angst, die viele Journalisten
       kennen mögen - und bei Niggemeier klingt es sogar ein wenig frivol. Er ist
       doch bekannt als sattelfester Rechercheur.
       
       Aber er sagt: "Meine Irritation über mein Dasein als angeblicher
       Alphajournalist mag auch damit zu tun haben, dass es aus meiner Sicht so
       viele andere Journalisten gibt, die die Anerkennung viel mehr verdient
       haben, weil ihre Arbeit anstrengender oder wichtiger ist, weil sie mutiger
       sind, Kriegsreporter etwa oder investigative Journalisten. Das, was ich
       mache, ist leicht." Das Getue der journalistischen Stars, der Alphatiere
       des gedruckten oder gesendeten Beitrags, lässt er unkommentiert, er habe
       eine Meinung, äußere sie aber nicht. Was er tut, sei doch nur dies:
       Zeitungen lesen, Mails checken - eine Menge der Informationen, die er im
       Bildblog verarbeitet, bekommt er von Lesern oder von Kollegen per Mail
       gesteckt - und all die Bits und Bytes sortieren und so aufbereiten, dass
       das Publikum sie versteht. Ein monströses Unterfangen? "Ich komme morgens
       ins Büro und habe keinen Plan. Ich denke, es wird schon was zu arbeiten
       geben. Ich lese Zeitung, gucke meine Post durch. Dann fällt mir was ein.
       Und ich beginne zu schreiben." Was er macht, so sagt er, hat mit
       Aufmerksamkeit und Misstrauen zu tun. Aufmerksamkeit bei der Recherche und
       Misstrauen gegen Geschichten und Texte, die irgendwie unplausibel scheinen.
       
       Niggemeier, 1969 geboren, in jenem Jahr, als Willy Brandt zum Kanzler
       gewählt wurde, ein Jahr nachdem die Studentenbewegung die Bild-Zeitung als
       Hassobjekt Nummer eins ausgemacht und "Enteignet Springer!" gerufen hatte,
       erzählt bereitwillig, wie er dazu kam, sich mit dem Marktführer aller
       Boulevardmedien anzulegen. Im Jahr 2001 war das, als er sich für den
       Eurovision Song Contest in Kopenhagen akkreditiert hatte. Dort bekam er
       mit, dass das in der Bild-Zeitung publizierte Tagebuch der deutschen
       Sängerin Michelle keineswegs von ihr selbst verfasst wurde, sondern von
       Bild-Reporter Mark Pittelkau. Niggemeier schrieb das auf, für die
       Süddeutsche Zeitung. Die empörte Reaktion kam prompt. Später fuhr
       Pittelkau, offenbar immer noch verletzt, Niggemeier an, das hätte er
       niemals veröffentlichen dürfen, als Journalist schreibe man nicht böse über
       Kollegen. "Für den war ich der Böse, aus seiner Sicht hatte er nichts
       falsch gemacht."
       
       Den Gescholtenen traf der Zorn des Bild-Zeitungs-Kollegen nicht, er lacht,
       als er diese Anekdote erzählt. Denn das Berufsethos von Kollegen wie
       Pittelkau teilt Niggemeier keineswegs: "Ich verstehe mich nicht in diesem
       Sinne als Teil einer journalistischen Familie." Die Michelle-Geschichte
       aber ragt aus seiner Wahrnehmung heraus, weil er auf diese Weise direkt
       mitbekam, wie Bild mit Wirklichkeit umgeht. Mit Bildblog-Kompagnon
       Christoph Schultheis im Interview auf dem Webportal Planet Interview sagt
       Niggemeier: "Es gab nicht die eine Geschichte, bei der wir gedacht haben:
       Jetzt reichts! Es war eher eine wachsende Unzufriedenheit damit, wie oft in
       der Bild-Zeitung Sachen stehen, die in irgendeiner Weise falsch sind. Und
       ein stetiges Verzweifeln, wie wenig sich das, was in der Bild-Zeitung
       passiert, in anderen Medien wiederfindet."
       
       Eine Verzweiflung, die hinreichendes öffentliches Interesse fand. Sich an
       der Bild-Zeitung abzuarbeiten, sie zu entlarven, ist eine Königsdisziplin
       des kritischen Teils des schreibenden Gewerbes. Vielleicht war es einfach,
       mit einem Bildblog berühmt zu werden - und offenbar war es schwer, denn
       niemand vor ihnen hatte diese Idee. Niggemeier und Kollegen notierten
       jedenfalls auf Bildblog alles, was eben zu bemerken war. Da finden sich
       Hinweise auf falsche Altersangaben, geklaute Zitate oder andere Ergebnisse
       schlechter Recherche, aufgeschrieben in einer Tonlage, die zwischen
       Süffisanz, Sarkasmus, Ironie und ätzender Schärfe changiert. Aber, so
       beteuert Niggemeier, Bildblog verstehe sich völlig unideologisch. Es gebe
       eine Menge Bücher über die Bild-Zeitung, in denen immer das Gleiche stehe -
       wie scheiße diese Zeitung sei, um was für ein Drecksblatt es sich handele.
       Darauf komme es ihm nicht an, ein ästhetisches oder politisches Urteil möge
       sich jeder selbst bilden.
       
       Wichtig sei ihm aber die Korrektheit, also das Mindeste, worauf es im
       journalistischen Handwerk ankomme. "Die Bild-Zeitung", sagt er, "wurde doch
       eine Zeit lang abgetan", als Phänomen, als nicht ernst zu nehmende
       Illustrierte für Erwachsene, als Trash mit hohem Amüsierfaktor, als Spiegel
       des Irren und Absonderlichen, galt aber zugleich auch als Nachrichtenmedium
       von Rang. "Mir ging es darum, diesen Mythos wenigstens anzukratzen." Dass
       man nicht mehr sagen könne, die Bild-Zeitung zu lesen zeuge vielleicht von
       schlechtem Geschmack, dafür könne man sich aber auf die Recherchen
       verlassen. "Stimmt aber nicht. Deshalb bescheiden wir uns mit den
       scheinbaren Details: nachzuweisen, dass gerade das nicht zutrifft."
       
       Inzwischen wird das Bildblog selbst von den Springer-Leuten ernst genommen.
       "Die reagieren auf uns mit einer gewissen Professionalität." Aber dann
       hängt er eine Begebenheit an, die die Nervosität der Goliaths andeutet:
       "Als bei einer Diskussion im ZDF, als ich einen kleinen Vortrag hielt, der
       Mann von Springer den Saal verließ, als ich zu sprechen anfing, hatte ich
       das Gefühl: ,Irgendwas machen wir richtig.' "
       
       Doch Niggemeiers Argusaugen konzentrieren sich längst nicht nur auf die
       publizistische Macht der Bild-Zeitung, die menschliche Existenzen
       zermörsern oder politische Stimmungen befördern kann. Selbst Henryk M.
       Broder, preisgekrönter Autor des Spiegels, ist vor Niggemeiers Kritik nicht
       sicher: "Da wichst zusammen, was zusammengehört", äußerte sich Broder
       unwirsch, fühlte sich von Niggemeier offenbar persönlich getroffen. Gemünzt
       war dies auf eine Geschichte, in der nachgewiesen wurde, dass Broders Kampf
       gegen Antisemitismus, gegen vermeintliche oder wahre Israelfeinde sich aus
       Quellen bedient, die anrüchig sind, weil sie den Tatsachen nicht
       standhalten. Niggemeier wies lediglich nach, dass Broders Recherchen nicht
       stimmen - und der Inkriminierte glaubte, Niggemeier als Krümelsucher abtun
       zu können. Der Gescholtene wehrt sich: Großschreiber wie Broder meinten,
       dass man ihnen schon glauben wird, dass ihre Botschaft nicht unbelegt sein
       könne - "deshalb legen wir auch beim Bildblog vor allem Wert auf die
       Korrektur gerade der kleinen und oft auch großen Fehler".
       
       Hat er nicht Angst vor all den großen Namen - vor Springer, vor Broder?
       Nein, "Angst", sagt er, "habe ich nur manchmal vor den Folgen meiner
       eigenen Veröffentlichungen, nicht vor den großen Namen". Er sei damit
       "immer gut gefahren, die Dinge, die ich für wichtig hielt, auch zu sagen
       und aufzuschreiben. Zweifel, ob das, was ich mache, immer richtig ist, habe
       ich oft. Aber Angst, mich mit den Mächtigen anzulegen, eigentlich nicht."
       (***Anmerkung der Redaktion: Ursprünglich hatten wir geschrieben, dass
       Niggemeier auch die "Haltlosigkeit der medizinischen Weisheiten" eines
       Hademar Bankhofer "enthüllte", der daraufhin nicht mehr in der ARD
       praktizieren konnte. Die Enthüllungen über Bankhofer stammen aber nicht von
       Niggemeier, sondern von den Bloggern von "Stationäre Aufnahme".) 
       
       Das sei schon in der Schule so gewesen, als er sich als Mitglied der
       Redaktion der Schülerzeitung Folium mit der Nomenklatura seines
       renommierten Gymnasiums anlegte. "Meine Mutter hat mich immer gewarnt, leg
       dich doch nicht an, sei mal ruhig, aber am Ende habe ich immer doch das
       gemacht, was ich für richtig hielt. Und damit lag ich eigentlich immer
       richtig. Angst zu haben, lohnt sich nicht."
       
       Zumal ihn die - das ist ihm wichtig: nicht persönlich inspirierte -
       Feindschaft gegen die Bild-Zeitung in eine komfortable Position gebracht
       hat: Die journalistische Öffentlichkeit weiß um die Arbeit des Bildblogs -
       und so wird er vor möglichen Nachstellungen des Springer-Konzerns bewahrt.
       Niggemeier erzählt, anfänglich hätten sich Schultheis und er, die sich mit
       ihrem dritten Kollegen, Heiko Dilk, als Team Gleichberechtigter verstehen,
       gefragt, ob sie damit rechnen müssen, dass die Bild-Zeitung auf sie
       angesetzt werde, ob sie zum Beispiel versuchen würde, in ihrem Privatleben
       zu wühlen: "Ich weiß ja, wie die Bild arbeitet, wenn sie sich auf ein
       ,Opfer' konzentriert." Sein Kompagnon Schultheis habe gut geschlafen, sagt
       Niggemeier, aber er habe "schon einige Nächte Muffe" gehabt. Das ist
       vorbei: "Inzwischen schützt uns vermutlich auch unsere Bekanntheit."
       
       Nun ist er eine Berühmtheit - ein Nachfahr Günter Wallraffs im Geiste, in
       der Variante des elektronischen Zeitalters. Hat er sich genau das
       vorgenommen, damals, als er Journalist werden wollte? "Dass es inzwischen
       ein bisschen in der Medienwelt so ist, erstaunt mich immer noch. Und ich
       verstehe es nicht ganz. Weil das, was ich mache, mir leichtfällt." Er habe
       immer gewusst, dass er Journalist werden wollte. Als Kind sah er Dieter
       Kronzucker im Fernsehen und träumte, auch einmal als Auslandskorrespondent
       aus aller Welt zu berichten. Eine Alternative kam nur kurze Zeit infrage.
       Das war, als er in den 1970ern bei der "ZDF-Hitparade" im Fernsehen Jürgen
       Marcus sah. So einer wie der wäre er auch gern geworden: Schlagersänger,
       "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben" oder "Ein Lied zieht hinaus in
       die Welt". Am Ende, die Kindheit war längst vorbei, erkannte er seine
       wichtigere Passion: "Ich bin dann doch lieber Journalist geworden."
       
       Ob er mit seinem Beruf den Wünschen seiner Eltern folgt, weiß er nicht. Er
       denkt einen Augenblick nach und sagt: "Keine Ahnung, ich weiß es nicht.
       Aber ich glaube, die fanden immer, dass ich das, was ich mache, schon gut
       mach. Dass ich meinen Weg gehe." Der führte ihn schon bald zur Süddeutschen
       Zeitung. Von Hamburg aus berichtete er über das Mediengeschehen - und
       zeichnete sich vom ersten Artikel an durch eine aufreizende
       Rücksichtslosigkeit aus. Ob Freund oder Feind: Niggemeier machte als
       Journalist, was ein Journalist zu tun hat - im Zweifelsfall mit niemandem
       befreundet sein, nicht klüngeln. Ihm seien Milieus, Szenen oder
       Seilschaften nicht nur vollkommen einerlei, sondern sogar zuwider. "Auf die
       Frage, wie ich funktioniere, würde ich den Satz sagen: Ich bin nicht wie
       ihr." Und: "Ich bin überall gern Beobachter, aber nirgendwo Mitglied. Bin
       in keinem Verein und keiner Partei, auch nicht im Netzwerk Recherche. Gehe
       ungern auf Partys, die angeblich wichtig sind, um Kontakte zu machen." Er
       versteht sich auch nicht als Teil der Blogger-Community, hält keinen
       systematischen Kontakt zu ihr - das wäre ihm schon wieder zu viel der
       Vereinsmeierei. Und er bemerkt, dass er sich überhaupt ungern in großen
       Menschenansammlungen aufhält. Nach einer Pause fügt er noch hinzu: "Ich bin
       eher jemand, der Distanz hält. Das ist für einen Journalisten
       wahrscheinlich keine schlechte Eigenschaft."
       
       Ein Luxusleben des Journalismus, dieses Nicht-abhängig-Sein, würde jetzt
       das Gros der Kollegen einwenden, wer könne sich das schon leisten. Wer so
       fragt, hat schon jeden ethischen Standard des Journalistischen relativiert.
       Niggemeier hält für simpel, was er tut. "Es gibt coolere Lebensläufe als
       meinen." Er achte doch nur darauf, dass die Maßstäbe nicht noch weiter
       verhunzt würden. Journalistische Arbeit dürfe nicht mit der von Werbeleuten
       verwechselt werden, sie sei keine Reklame. Er weiß, dass nicht viele
       Kollegen so scharf trennen können oder dürfen. "Meine größte Sorge ist,
       dass die Leute nicht mehr erkennen, was das ist: ein Journalismus, der
       nicht lügt, der unabhängig ist, der keine versteckte oder offene Promotion
       betreibt. Dass sie das nicht mehr vom Journalismus erwarten." Der nur von
       überprüften Fakten und nicht von abgeschriebenen Pressemeldungen lebt - der
       das Mediengewerbe höchstens auf einer philosophisch zu diskutierenden Ebene
       für einen Unterhaltungskomplex hält, zunächst aber, pathetisch gesprochen,
       vom Anspruch lebt, den Bürger zu informieren über das, was Sache ist. Der
       Hintergründe beleuchtet und darstellt.
       
       Niggemeier hat, 39 Jahre alt, alle Trümpfe in der Hand - in puncto
       Unabhängigkeit. Angesehener Autor der Süddeutschen Zeitung,
       wohlinformierter Korrespondent des kress-Reports, Gründungsmitglied der
       Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, inzwischen ökonomisch von
       Zeilengeldzwängen unabhängiger Journalist. Er gilt als große Nummer. "Ob
       ich erreicht habe, was ich mir vorgenommen habe? Ich weiß es nicht.
       Vermutlich ja."
       
       Erstaunlicherweise sagt er schließlich, dass er zu seiner beruflichen
       Zukunft wenig zu Protokoll geben könne. "Bildblog für den Rest meines
       beruflichen Lebens zu betreiben, kommt mir, denke ich darüber nach, komisch
       vor. Ebenso gut könnte ich in ein paar Jahren wieder in einer Redaktion
       arbeiten - und wäre dann wieder jenen Zwängen und Vorteilen ausgesetzt, die
       eben in einer Redaktion so gelten. Über das, was kommen wird, mache ich mir
       keine Gedanken. Es wird sich schon was ergeben." Vorläufig nimmt er sich in
       der Tat eine Freiheit, die sich in seinem Selbstvertrauen ausdrückt, das
       journalistische Handwerk zu beherrschen. Das zeigt seine offenbar liebste
       Körperhaltung: Immer ein wenig zurückgelehnt, gespannt und zugleich wie
       ausgeruht, vertraut er auf das, was bisher auch war: dass es gut läuft. So
       leistet er sich, was bei Medienjournalisten als Haltung rar ist: Er
       schreibt über das Fernsehen aus der Sicht eines Menschen, der beruflich mit
       diesem Medium nichts zu tun hat. Weiß in fünfzig Zeilen über Jörg Pilawa
       ebenso ein Urteil zu fällen wie Kluges über den Charme der "Sendung mit der
       Maus" zu sagen. Er hat ein Gespür für das Unfertige, das den Leser dennoch
       einzunehmen versteht, er geht auf Details ein, schreibt also nicht für die
       Kollegen, sondern für die Leser, die wiedererkennen möchten, was sie wie
       der Kritiker gesehen haben. Oder eben auch nicht: An Niggemeier reibt sich
       der Zuschauer gern, weil der Autor sich nicht anmaßt, klüger fernzusehen
       als der Fernseher selbst. Ihm ist, so gesehen, der Blick des Kindes noch
       eigen, das schnell Langeweile und übertriebene pädagogische Absicht als
       solche erkennt, das Spannung wünscht und gern erträgt und sich von Bildern
       und Botschaften bezaubern lässt. Niggemeier ist Medienkritiker und Zugucker
       in einem, einer, der sich nicht auf vorab Behauptetes einlässt, sondern
       guckt und dann schreibt, im Guten wie im weniger Gelungenen.
       
       Der leidenschaftliche Blogger - "Die kurze Form erlaubt schnelles Arbeiten"
       - sträubt sich selbst vehement gegen die Stilform des Essays, die lang
       ausgearbeitete Grundsätzlichkeit. Warum? Niggemeier erklärt es unter
       anderem mit Bequemlichkeit. Texte besinnlich-essayistischer Qualität müsse
       er ohnehin nicht schreiben. Er habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass es in
       dieser Hinsicht ein Vakuum gebe. Er darf als Journalismusromantiker
       verstanden werden, als einer, der sich nicht vorschreiben lassen will, was
       zu gefallen hat und was nicht: ein Gut, das Zeitungen wie die SZ oder die
       FAS schätzen. Und er wird seiner nachfühlbaren Schreibe wegen ganz
       besonders geschätzt. Einer, der anschaulich textet, der ohne Geschnörkel
       und Bildungshuberei in Bildern arbeitet und dabei auf Präzision in der
       Beobachtung setzen kann. Der es fertigbringt, in einem hundert Zeilen
       kurzen Text über die Querelen in der SPD um deren früheren Parteichef Kurt
       Beck die Mechanismen des Mediengewerbes zu skizzieren: einer, der davon
       lebt, Personen nieder- und hochzuschreiben, auf dass den Journalisten
       selbst nicht langweilig werde. Niggemeier - ein bisweilen begnadeter
       Erläuterer. Ein Idealist, streng genommen, der immer noch die Welt und die
       Erzählungen über sie begreifen will. Und einer, der möchte, dass diese
       Weise des Reflektierens nicht gänzlich an Geltung verliert.
       
       Nüchtern sagt Stefan Niggemeier, dass die Welt des elektronischen Netzes
       wichtiger wird, zuungunsten gedruckter Medien. Die "Zeitung wird über kurz
       oder lang zum Nischenprodukt. Selbst der britische Guardian, der vorzüglich
       kann, was ich mir wünsche, verliert an Auflage. Das Internet wird
       wichtiger, mit allem Schrott, der sich im Netz findet. Aber auch all der
       Qualität und Vielfalt, die das Medium bietet." Er sagt dies ausgesprochen
       kühl, räumt aber ein: "Vielleicht sehe ich das zu apokalyptisch", im
       Hinblick auf die Verlage, die im Internet erst recht kaum oder kein
       Interesse am Journalismus hätten. "Es könnte ja sein, dass alles wieder
       besser wird, dass die Leser sich wieder mehr für Nachrichten interessieren.
       Es würde mich freuen."
       
       Ab und an sieht man auf seiner eigenen Website, für die es keine
       inhaltlichen Grenzen gibt, dass Stefan Niggemeier über ein Gemüt verfügt,
       das empfindsam tickt. Fährt er in die Ferien, stellt er seinen Blog ab -
       die Rechtsprechung macht es nötig, weil er sonst nicht kontrollieren kann,
       dass niemand presserechtlich anstößige Inhalte einstellt. Vor seinem
       letzten Urlaub fanden sich Fotografien von Schafen aus Wales auf seiner
       Website. Ein Leser schrieb dazu: "Glück ist ein Abend am Deich mit Wollfett
       an den Händen, ein Schaf, das sich an einen geschmiegt hat, nicht
       schnurrend, aber zufrieden geräuschvoll kauend." Niggemeier freut sich über
       solche Post. Ein Journalist, der sich berührbar zeigt. Es gibt in der
       Branche nicht viele, denen man solche Sekunden des Nicht-abgebrüht-Seins
       abkaufen möchte. Irgendwie traut man Niggemeier zu, dass er zu ihnen
       gehört.
       
       JAN FEDDERSEN, Jahrgang 1957, ist Redakteur im taz.mag. Der Text dieser
       Seite ist ein Vorabdruck aus dem am 23. März erscheinenden Band "Die
       Alpha-Journalisten 2.0", hg. von Stephan A. Weichert und Christian Zabel.
       Unter Mitarbeit von Leif Kramp. Köln: Herbert von Halem Verlag
       
       13 Feb 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Feddersen
       
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