# taz.de -- Aus Le Monde diplomatique: Die USA brauchen Russland
       
       > Auf der Münchner Sicherheitskonferenz Anfang Februar haben sich Russland
       > und die USA die Hände gereicht. Washington hat viele Gründe, ein besseres
       > Verhältnis zu Moskau zu suchen. Eine Analyse
       
 (IMG) Bild: Auch die US-amerikanische Russland-Politik sollte sich unter Obama ändern
       
       Washington sollte den alten, zur Konfrontation tendierenden Kurs gegenüber
       Russland rasch beenden. Es gibt auch bereits erste ermutigende Anzeichen
       dafür, dass Obama einen zumindest teilweisen Kurswechsel vorhat und dass
       Russland darauf reagieren wird.
       
       Der Krieg um Südossetien vom August 2008 hat die Gefahren einer Politik
       deutlich gemacht, die Russlands Nachbarn Georgien zur Verfolgung von Zielen
       animiert, durch die sich Moskau in seinen vitalen Interessen bedroht sieht.
       Für die USA hingegen stehen hier keine zentralen Interessen auf dem Spiel,
       zumindest nicht im Vergleich mit anderen strategisch wichtigen Regionen.
       
       Der Angriff Georgiens auf Südossetien und die zunehmend autoritäre
       Innenpolitik von Präsident Saakaschwili haben zudem deutlich gemacht, dass
       der russisch-georgische Streit für die USA auch keine moralische Causa sein
       kann. Unter anderen Vorzeichen hätte Washington nicht die geringsten
       Skrupel, eine Regierung vom Typ Saakaschwili als chauvinistischen,
       kriegerischen Aggressor zu verurteilen, der keine Rücksicht auf die
       Zivilbevölkerung nimmt.
       
       Der wichtigste Einwand lautet jedoch, dass die USA es sich nicht leisten
       können, durch die Konfrontation mit Russland einen geopolitischen
       Nebenschauplatz zu eröffnen, während sie anderswo vor gewaltigen
       Herausforderungen stehen. Hinzu kommt, dass gerade Russland bei der Lösung
       von zwei - miteinander zusammenhängenden - Aufgaben für die neue
       US-Regierung überaus hilfreich sein kann: Es kommt jetzt darauf an, erstens
       das Verhältnis zum Iran zu entspannen und zweitens eine regionale Koalition
       aufzubauen, die dazu beitragen kann, Afghanistan zu stabilisieren und dort
       die Präsenz von US- und Nato-Truppen auf längere Sicht überflüssig zu
       machen. Da könnten sich russischer Druck auf den Iran sowie die bestehenden
       Kontakte zwischen Moskau und Teheran als sehr wertvoll erweisen. Hier haben
       wir es mit unmittelbar drängenden Problemen zu tun - die Verteidigung
       Europas gegen iranische Atomwaffen, die es irgendwann einmal geben könnte,
       ist hingegen alles andere als dringlich. Deshalb sollten die Pläne, ein
       Raketenabwehrsystem in Polen und Tschechien zu stationieren, sofort
       gestoppt werden. Das wäre immerhin ein erster Schritt.
       
       Was eine neue Russlandstrategie betrifft, so hat die Regierung Obama einen
       riesigen Vorteil, der ihr auf anderen Gebieten nicht vergönnt ist: Um das
       Verhältnis zu Moskau zu verbessern, muss sie eigentlich gar nichts tun. Sie
       muss nur bestimmte Dinge unterlassen. Denn im Gegensatz zu dem Eindruck,
       den die US-Medien und Thinktanks unentwegt verbreiten, ist die gegenwärtige
       russische Politik gegenüber dem Westen keineswegs sturer oder aggressiver
       als in der Vergangenheit. Vielmehr ist sie - abgesehen von der ökonomischen
       Sphäre - überwiegend reaktiv: Moskau antwortet im Grunde nur auf Aktionen
       des Westens und insbesondere der USA - tut dies jedoch zuweilen auf eine
       überzogene oder unkluge Art.
       
       Die Kluft zwischen dem tatsächlichen Verhalten Russlands und dessen
       Wahrnehmung in den USA zeigte sich überdeutlich beim Krieg um Südossetien
       im August 2008. Nicht nur, dass die Medien und die führenden Politiker der
       USA den offensichtlichen Angriff Georgiens wie eine russische Aggression
       darstellten, sie sahen das ganze Geschehen auch noch als Beleg für ein
       neues russisches Expansionsstreben.
       
       Tatsächlich jedoch hat sich Moskau zur Verteidigung Südossetiens bereits in
       Gorbatschow-Zeiten (1990) und zur Verteidigung Abchasiens schon zu Zeiten
       von Boris Jelzin (1993) verpflichtet. Man mag diese sowjetische - und
       später russische - Hilfszusage richtig oder falsch finden, in jedem Fall
       vereitelte sie die Versuche der Georgier, schon damals die
       Unabhängigkeitsbestrebungen dieser Gebiete zunichtezumachen.
       
       Seitdem hat Russland wiederholt ankündigt, dass es weitere Versuche einer
       gewaltsamen Rückeroberung dieser Gebiete durch Georgien nicht hinnehmen
       würde. Die Signale, die Moskau in den letzten Jahren an die
       Saakaschwili-Regierung ausgesandt hatte, hätten klarer gar nicht sein
       können. Man mag diese russische Politik aus allerlei Gründen kritisieren,
       aber es lässt sich nicht behaupten, dass sie neu wäre oder im Verborgenen
       stattfände.
       
       Neu in der Region ist vielmehr das Auftreten der USA, genauer: die
       Aufrüstung Georgiens mit US-Waffen und das beharrliche Drängen Washingtons,
       den Kaukasusstaat in die Nato aufzunehmen. Es kann nur das Vertrauen auf
       den Beistand der USA gewesen sein, was Saakaschwili dazu gebracht hat, den
       Angriff gegen Südossetien zu starten. Hätte Washington nicht den Eindruck
       erweckt, dass Tiflis im Ernstfall mit seiner Unterstützung rechnen darf,
       hätte es diesen Krieg nicht gegeben. Dann wäre eine Krise vermieden worden,
       die auch die Weltwirtschaft belastet, wenn man etwa an das westliche
       Hilfsprogramm für Georgien denkt. Diese 4,5 Milliarden Dollar wären
       beispielsweise in Pakistan, das anders als Georgien für die USA von
       überragender Bedeutung ist, viel besser angelegt.
       
       Moskau strebt mit Sicherheit keine Dominanz über Kerngeorgien (ohne
       Abchasien und Südossetien) an. Schließlich hat Russland in den letzten
       Jahren seine militärischen Stützpunkte in Georgien aufgegeben, die
       friedliche Ablösung von Präsident Eduard Schewardnadse durch Saakaschwili
       hingenommen und sich damit abgefunden, dass Saakaschwili in der Autonomen
       Republik Adscharien das Regime von Aslan Abaschidse gewaltsam abgesetzt und
       die Autonomie der Region weitgehend abgeschafft hat. Und das, obwohl zu dem
       Zeitpunkt noch russische Truppen in Adscharien standen und - zumindest
       theoretisch - hätten intervenieren können.
       
       In Moskau hat man längst erkannt, dass es ein willfähriges Georgien
       angesichts des georgischen Nationalismus nie geben wird. Das russische
       Establishment ist jedoch fest entschlossen, seine Protektorate Abchasien
       und Südossetien zu verteidigen und zu verhindern, dass die Nato den
       Georgiern bei der Rückeroberung dieser Gebiete beisteht. Moskau sieht hier
       eine klare Parallele zum Kosovo, das der Westen genauso konsequent gegen
       Serbien verteidigt.
       
       Bei der in Washington vorherrschenden Darstellung der Lage handelt es sich
       also um eine Verdrehung der Tatsachen. Es ist keineswegs so, dass die USA
       die Georgier vor Russland schützen wollten, im Gegenteil wurde Tiflis von
       Washington ermutigt, Russland anzugreifen und dadurch seine eigene
       Stabilität zu gefährden. Denn selbst wenn Georgien in die Nato aufgenommen
       würde, könnten die Vereinigten Staten keine eigenen Truppen nach Georgien
       entsenden, schon weil ihnen die militärischen Kapazitäten dazu fehlen.
       
       Dasselbe gilt für die Ukraine. Die USA begründen ihr Drängen auf den
       Nato-Beitritt der Ukraine damit, dass dieser die junge Demokratie festigen
       und die Sicherheit des Landes stärken würde. Das jedoch gälte - falls es je
       dazu kommen sollte - für die Aufnahme der Ukraine in die Europäische Union.
       Ein Nato-Beitritt hätte aller Wahrscheinlichkeit nach den entgegengesetzten
       Effekt, und zwar einfach deshalb, weil ein Großteil der Gesamtbevölkerung
       und die überwältigende Mehrheit in den russischsprachigen Regionen der Ost-
       und Südukraine diesen ablehnt.
       
       Der Nato-Beitritt ist also eine Frage, die völlig unabhängig von der
       Reaktion Moskaus innerhalb der Ukraine so heftig umstritten ist, dass eine
       Zuspitzung regionaler Konflikte bis hin zu einem Bürgerkrieg nicht
       ausgeschlossen erscheint. Natürlich würde Russland eine solche gefährliche
       Entwicklung noch fördern - aber den Anstoß dazu hätten die USA gegeben und
       nicht die Russen.
       
       Der erste Schritt der Obama-Regierung gegenüber Russland sollte demnach
       darin bestehen, die angebotene Nato-Mitgliedschaft für Georgien und die
       Ukraine erst mal auf Eis zu legen. Das wäre auch kein Problem, weil noch
       Bushs Außenministerin Condoleezza Rice zugesagt hat, dass Washington auf
       dem nächsten Nato-Gipfel Anfang April (in Straßburg und Kehl) nicht darauf
       bestehen werde, Georgien und der Ukraine einen frühen Membership Action
       Plan (MAP) anzubieten. Die neue Regierung sollte den Russen rasch zu
       verstehen geben, dass dieses Thema nicht wieder auf die Tagesordnung kommt,
       solange Obama Präsident ist - vorausgesetzt, Russland unternimmt keine
       aggressiven und unprovozierten Aktionen gegen die Ukraine, Georgien oder
       die baltischen Staaten.
       
       In privaten Gesprächen haben russische Politiker wiederholt versichert,
       dass ein Verzicht Washingtons auf die Nato-Beitritts-Offerten an die
       Ukraine und Georgien die Kooperationsbereitschaft Moskaus auf vielen
       anderen Gebieten automatisch deutlich erhöhen würde. Bedenkt man zudem,
       dass die langfristigen Interessen beider Länder kongruent sind und dass
       Moskau angesichts der ökonomischen Krise auf das Wohlwollen - und
       Investitionen - des Westens angewiesen ist, müsste eine erhebliche
       Verbesserung der bilateralen Beziehungen durchaus möglich sein.
       
       Im Fall Ukraine sollte die Regierung Obama auf eine klare - wenn auch
       informelle - Vereinbarung hinarbeiten, die ein radikales Agieren Russlands
       wie der USA ausschließt und die Zusage enthält, die Ukraine als
       Einflusssphäre beider Seiten anzuerkennen. Die USA müssten also ihre
       Bemühungen einstellen, die Ukraine in die Nato zu ziehen, und im Gegenzug
       müsste Russland mit seinen plumpen politischen Einmischungen und den
       ökonomischen Erpressungsversuchen aufhören.
       
       Und noch etwas müsste gegenüber Moskau klargestellt werden: Jeder Versuch,
       die EU oder Nato-Mitgliedsländer energiepolitisch zu erpressen, würde
       automatisch alle anderen Abkommen mit diesen Ländern zur Disposition
       stellen. Dabei muss fairerweise gesagt werden, dass Moskau eine solche
       Erpressung noch nie praktiziert oder angedroht hat (mit Ausnahme eines
       gewissen Drucks auf die baltischen Staaten).
       
       In jedem Fall sollte die Angst des Westens vor seiner energiepolitischen
       Erpressbarkeit Anlass genug für die neue Regierung in Washington sein, um
       die Zusammenarbeit mit Europa in Richtung einer verminderten Abhängigkeit
       von fossilen Energieträgern entschieden voranzutreiben. Und es kann gar
       nicht oft genug gesagt werden: Wenn wir ohne russische Energie auskommen
       wollen, ist die geopolitisch wie ökologisch einzig richtige Antwort die,
       dass wir alternative Energie ausreichend fördern. Und nicht etwa der
       riskante und ökonomisch unrentable Versuch, über alternative Routen Öl und
       Gas aus Zentralasien heranzuschaffen.
       
       Für die Regierung Obama wird es entscheidend sein, dass sie ihr Verhältnis
       zu Russland in eine neue Gesamtstrategie für den eurasischen Raum
       einbettet, die Russland, Iran, Afghanistan, Pakistan und Indien
       einschließen sollte. Ausgangspunkt dafür muss die Anerkennung der Tatsache
       sein, dass die USA schlicht nicht mehr stark genug sind - wer weiß, ob sie
       es je waren -, um hier ihren Willen durchzusetzen oder auch nur zu
       verhindern, das Afghanistan noch tiefer in den Bürgerkrieg versinkt.
       
       Aus der Anerkennung dieses Faktums ergeben sich weitere konkrete Schritte.
       Erstens müsste sich die Regierung Obama entschlossen um eine Annäherung an
       den Iran bemühen. Dabei könnte man der politischen Klasse in Teheran auch
       gleich klarmachen, dass eine Niederlage von Präsident Ahmadinedschad bei
       den Wahlen im Juni 2009 eine solche Annäherung wesentlich erleichtern
       würde.
       
       Zu einer neuen Iranpolitik müsste auch gehören, dass man im Atomstreit zur
       Basis des Vertrags über die Nichtverbreitung von Atomwaffen (NPT)
       zurückkehrt, samt einer strikten Überwachung des iranischen Atomprogramms
       durch die Internationale Atomenergiebehörde. Durch die IAEO-Kontrollen
       könnte das iranische Atomprogramm auf ein Niveau begrenzt werden, das die
       Herstellung von Atomwaffen ausschließt. Auf diesen Kurs sollten auch China
       und Russland eingeschworen werden, die - falls der Iran den NPT verletzt -
       auch harte internationale Sanktionen mittragen müssten.
       
       Als Gegenleistung dafür, dass Teheran sich vertraglich zur strikten
       Einhaltung des NPT verpflichtet und die USA in Afghanistan unterstützt,
       müsste Washington dem Iran die volle Wiederaufnahme diplomatischer
       Beziehungen und die unverzügliche Freigabe der eingefrorenen iranischen
       Auslandsguthaben zusagen.
       
       Der erklärte Wille, das Verhältnis zum Iran zu entspannen, würde der
       Regierung Obama auch die Möglichkeit verschaffen, eine weitere wichtige
       Ursache für die Feindseligkeit der Russen zu beseitigen: die Entscheidung,
       in Zentraleuropa ein Raketenabwehrsystem zu errichten. Washington kann
       verkünden, dass es für dieses System keine Notwendigkeit gibt, solange die
       begründete Aussicht besteht, dass sich iranische Nuklearwaffen auf dem
       Verhandlungswege verhindern lassen. Damit könnte die ganze Angelegenheit
       auf die lange Bank geschoben werden - und hoffentlich für immer.
       
       Aber auch ohne eine Einigung mit dem Iran hat die Obama-Regierung bereits
       begonnen, mit der tatsächlichen Stationierung des Raketensystems
       abzuwarten. Und Moskau hat inzwischen angekündigt, dass es auf den Plan
       verzichten wird, neue Raketen mit Atomsprengköpfen in der russischen
       Enklave Kaliningrad aufzustellen.
       
       Bessere Beziehungen zum Iran und zu Russland könnten es auch leichter
       machen, ein Schlüsselproblem der neuen Regierung anzupacken: die
       Stabilisierung Afghanistans - und zwar ohne US-Truppen auf Jahrzehnte zu
       binden oder gar auf pakistanisches Territorium vorstoßen zu lassen (um dort
       die Rückzugsbasen der Taliban zu zerstören). Denn die Folge wäre nur eine
       weitere Gefährdung der Sicherheit sowohl der USA als auch der ganzen Welt.
       Für dieses afghanische Dilemma gibt es keine Patentlösung. Aber die
       bestmögliche wäre ein praktischer Konsens der regionalen Mächte darüber,
       wie es mit Afghanistan nach dem Abzug der USA und der Nato weitergehen kann
       und soll.
       
       Eine solche Strategie ist ohne Russland und den Iran nicht möglich. Vor dem
       11. September 2001 haben beide Länder mitgeholfen, die wenigen verbliebenen
       Anti-Taliban-Kräfte in Afghanistan am Leben zu halten. Diese waren die
       einzigen Verbündeten, die den USA in Afghanistan zur Verfügung standen, als
       sie im Herbst 2001 das Taliban-Regime angriffen. Auch künftig wird der Iran
       - als der wichtigste Nachbar Afghanistans - bei jedem ernsthaften Versuch,
       der afghanischen Wirtschaft auf die Beine zu helfen, eine entscheidende
       Rolle spielen. Von diesem Faktum ist kaum die Rede, wenn es in den
       westlichen Debatten um die Zukunft des kriegszerrütteten Landes geht.
       
       Russland könnte noch eine andere wichtige Aufgabe übernehmen: als Brücke
       zwischen zwei weiteren Ländern, die für die Zukunft Afghanistans
       entscheidend sein werden - China und Indien. Wobei die große Bedeutung
       Chinas auch in seinen engen Beziehungen zu Pakistan liegt, der einzigen
       Macht überhaupt, die erkennbaren Einfluss auf die Taliban besitzt.
       
       Wenn Washington die Russen und die Iraner dazu bringen könnte, dass sie
       mithelfen, die übrigen Nachbarn Afghanistans auf einen solchen gemeinsamen
       Kurs zu verpflichten, würden sich die Chancen der USA auf einen
       einigermaßen würdigen Rückzug aus Afghanistan erheblich verbessern. Und
       zwar ohne dass das Land am Hindukusch erneut in der schrecklichen Anarchie
       versinkt, die in den 1990er-Jahren vor der Machtübernahme der Taliban
       geherrscht hatte.
       
       Die Obama-Regierung führt erfolgreiche Gespräche mit Moskau, wie der
       Nachschub für die Nato-Truppen in Afghanistan über Russland und
       exsowjetische Republiken laufen könnte statt über die zunehmend gefährdeten
       Routen durch Pakistan. Im Prinzip unterstützten die Russen die US-Politik
       in Afghanistan, weil auch sie die Taliban fürchten und verabscheuen. Auf
       der anderen Seite ist Moskau nach wie vor entschlossen, den geopolitischen
       Einfluss der USA in Zentralasien zurückzudrängen. Das zeigt auch das
       Bemühen, Kirgisistan durch massiv verstärkte Wirtschaftshilfe dazu zu
       bringen, die US-Luftwaffenbasis Manas zu schließen.
       
       Die Obama-Regierung kann sich all diese Ziele zu eigen machen - allerdings
       nur unter der Bedingung, dass die USA nicht länger meinen, sie seien ein
       Land, "das alle anderen Länder überragt und deshalb weiter sehen kann", wie
       es Clintons Außenministerin Madeleine Albright einmal formuliert hat. Die
       neue Administration muss die USA vielmehr als einen Staat unter anderen
       sehen. Also nicht als einen Staat, der dank seiner nationalen Überlegenheit
       eine einzigartige Mission zu erfüllen hat, sondern als einen Staat, der
       zusammen mit anderen in gemeinsamer Verantwortung gemeinsame Lösungen für
       gemeinsame Probleme sucht.
       
       Mit einer solchen tatsächlich multilateralen Außenpolitik hatte die
       Clinton-Albright-Diplomatie leider nicht viel im Sinn - doch sie hat jetzt
       das Sagen in Obamas außenpolitischem Team. Und Hillary Clinton als
       Außenministerin wie auch ihre und Obamas außenpolitische Spitzenleute sind
       in Sachen Russland besonders negativ vorbelastet. Leute wie Stephen
       Sestanovich, Strobe Talbott und Michael McFaul(1) waren persönlich für die
       Verschlechterung der Beziehungen zu Moskau verantwortlich, zum Beispiel als
       Mitautoren des Reports, den der Council on Foreign Relations im März 2006
       unter dem Titel "Russia's Wrong Direction" vorgelegt hat.
       
       Aber es gibt auch begründeten Anlass zu Optimismus. Zum einen brauchen sich
       die USA, wenn sie eine vernünftigere Strategie gegenüber Russland und
       anderen größeren Mächten verfolgen wollen, im Grunde nur an das ziemlich
       überzeugende Beispiel zu halten, das sowohl die Clinton- als auch die
       Bush-Regierung in ihrer zweiten Amtszeit geboten haben - und zwar mit ihrer
       Chinapolitik. Die beruhte in beiden Fällen auf der Einsicht, dass die USA
       gar nicht die Macht hatten, um eine andere Strategie zu verfolgen -
       zumindest ohne einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft zu riskieren.
       
       Auch der jüngste Report des National Intelligence Council (NIC) spricht von
       den Grenzen der US-amerikanischen Macht.(2) Solche Analysen sollten zu mehr
       Nüchternheit auf allen Feldern der US-Außenpolitik beitragen. Doch selbst
       wenn es der Regierung Obama nicht gelingt, im Umgang mit Russland mehr
       Besonnenheit an den Tag zu legen, wird sie sich vielleicht genötigt sehen,
       vorsichtiger zu agieren.
       
       Die Vorstellungen über die Macht der USA wie auch die ideologischen
       Gewissheiten, auf denen weite Bereiche der Außenpolitik der Clinton- wie
       der Bush-Administration basierten, liegen heute in Trümmern. Die Eliten
       Chinas und Russlands haben auf den Zusammenbruch der einstigen
       kommunistischen Gewissheiten am Ende mit radikal neuen Strategien reagiert.
       Es wäre schon eine große Enttäuschung, wenn die der US-Demokraten nichts
       Vergleichbares zustande brächten.
       
       Fußnoten:
       
       (1) Sestanovich war Sonderberater von Außenministerin Rice; Talbott ist
       Präsident der Brooking Institution; McFaul ist Professor an der Standford
       University; alle drei sind Mitglieder des Council of Foreign Relations.
       
       (2) National Intelligence Council, "Global Trends 2025: A World
       Transformed", November 2008.
       
       Aus dem Englischen von Niels Kadritzke 
       
       © "Agence Globale, für die deutsche Übersetzung: Le Monde diplomatique,
       Berlin
       
       18 Feb 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anatol Lieven
       
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