# taz.de -- Der völkische Herr Lütkemeyer: Extremist der Mitte
       
       > Wolfgang Lütkemeyer verkehrte in Erfurts High Society und engagierte sich
       > in einem Verein mit "rassistischen Vorstellungen" - Vorsitzender ist
       > NPDler Jürgen Rieger.
       
 (IMG) Bild: Nazi-Anwalt Jürgen Rieger ist nebenbei auch Vorsitzender der "Artgemeinschaft" und des "Familienwerks".
       
       Johanna Scheringer-Wright kann sich das alles nicht erklären. Die Wahrheit,
       die sie über Wolfgang Lütkemeyer erfahren hat. Scheringer-Wright sitzt für
       die Linke im thüringischen Landtag. Wolfgang Lütkemeyer war ihr
       Steuerberater. Und jetzt erfährt sie, dass er enge Kontakte zu Rechten
       pflegte: Lütkemeyer war Schatzmeister beim "Familienwerk". Ein
       eingetragener Verein und Teil der rechten "Artgemeinschaft", denn die
       Mitglieder der Artgemeinschaft sind gleichzeitig Mitglied im Familienwerk.
       Vorsitzender beider Vereine ist der Hamburger NPD-Funktionär Jürgen Rieger.
       Die Artgemeinschaft strebt laut Mitteilung des NRW-Verfassungsschutzes eine
       "Rekonstruktion einer nach dem Grundsatz des Führerprinzips aufgebauten
       Volksgemeinschaft" an.
       
       Nicht nur für die Landtagsabgeordnete Scheringer-Wright ist es schwer
       erklärbar, wie Lütkemeyer völlig unbescholten in etablierten Erfurter
       Zirkeln verkehren konnte. Der Oberstleutnant der Reserve war auch
       Schatzmeister des thüringischen Landesverbandes des Reservistenvereins. Und
       war Bezirksbeauftragter der Bundeswehr für die Zivil-Militärische
       Zusammenarbeit, kurz ZMZ. Und damit sehr nah dran an vielem, was
       militärisch sensibel ist. Klären kann er die Dinge selbst nicht. Lütkemeyer
       hat sich im Oktober 2008 erschossen.
       
       Vor wenigen Tagen gab der Reservistenverband eine Pressemitteilung heraus.
       "Reservistenverband gegen Rechts", lautet der Titel. Weiter unten liest
       man, dass man jedwedem Extremismus eine Absage erteilt. Der Grund für die
       Presseerklärung ist ein Besuch in der Löberfeldkaserne in Erfurt.
       
       Der trübe Wintertag lässt das weitläufige Kasernengelände noch ein wenig
       trister wirken, als es ohnehin schon ist. In langgezogenen Hallen parken
       die Streifenwagen der Feldjäger, Lkws in Tarnfarben. In einem kleinen Büro,
       irgendwo auf dem Kasernengelände, warten Michael Sauer, der Vizepräsident,
       und Ralf Heberer, der für die neuen Bundesländer zuständige
       Bereichsgeschäftsführer des Reservistenverbandes, um allgemeine Fragen zur
       Arbeit des Reservistenverbandes zu beantworten. Als der Name Wolfgang
       Lütkemeyer fällt, wird Bereichsgeschäftsführer Heberer ungehalten. Die
       Herren verlassen den Raum, um sich zu besprechen. Nach einer halben Stunde
       wird das Gespräch fortgesetzt. Dem Vizepräsidenten, extra aus
       Rheinland-Pfalz angereist, scheint der Name Lütkemeyer nicht geläufig zu
       sein. Sauer erläutert, man bemühe sich sehr, Rechtsextremisten von dem
       Reservistenverband fernzuhalten, nur gelinge das nicht immer. Man kann
       Sauer das auch glauben. Bereichsgeschäftsführer Heberer dagegen hält sich
       zurück. Sein Arbeitsplatz ist hier in der Zeppelinstraße 18, in der
       Erfurter Löberfeldkaserne. Lütkemeyer ein Rechter? Man ging hin und wieder
       ein Bier trinken, man kannte sich. Aber so was? Man habe das nicht gewusst.
       
       Warum kann ein Vorstandsmitglied eines rechten Vereins ZMZ-Beauftragter
       werden? Und damit den Kontakt zu Katastrophenschutzbehörden herstellen,
       Einblick in Krisen- und Notstandspläne bekommen? Oder, wie es die
       Bundeswehr auf ihrer Webseite schreibt, für "klare militärische
       Zuständigkeiten auf allen Ebenen der Zusammenarbeit" vor allem mit Polizei,
       Feuerwehr und den lokalen Stadtverwaltungen sorgen? Im Krisenfall hätte
       Lütkemeyer an Planungen zur Gefahrenabwehr teilgenommen, seine Rolle wäre
       auch die Vermittlung aller Erkenntnisse, also auch strategischer Berichte,
       zwischen Bundeswehr und zivilen Krisenstäben gewesen.
       
       Hans-Christian Ströbele, Rechtsanwalt und stellvertretender Vorsitzender
       der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, sagt: "Nicht nur im Fall
       eines Konfliktes, sondern auch in Friedenszeiten haben die ZMZ-Beauftragen
       Zugang zu sensiblen und sicherheitsrelevanten Informationen und Einblick in
       Abläufe und Strukturen." Ströbele bescheinigt den Kontrollinstanzen, also
       Militärischem Abschirmdienst (MAD) und Verfassungsschutzbehörden, Versagen.
       "Bei ordnungsgemäßer Kontrolle hätte Lütkemeyer auffallen müssen."
       
       Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Ulla Jelpke,
       fordert seit langem die Offenlegung der Strukturen der ZMZs. Am Beispiel
       Erfurt verdeutlichte sie auf Anfrage die Gefahr, die von Rechtsextremen in
       solchen Positionen ausgeht. So hätte Lütkemeyer an Neonazis, die Terrorakte
       planen wollten, "Arbeitsabläufe und Pläne für den Krisenfall" von Polizei
       und Katastrophenschutz weitergeben können. Sie wies außerdem auf die Kritik
       der Arbeitsgemeinschaft der Berufsfeuerwehren hin. Deren Arbeitsgruppe
       Zivil- und Katastrophenschutz veröffentlichte im April 2008 ein Papier, in
       dem es unter anderem heißt, dass die Bundeswehr "keinesfalls
       Führungsfunktionen (…) übernehmen darf". Auch fehle für das Tätigwerden des
       Reservistenverbandes oder einzelner Mitglieder als Soldaten die
       "Rechtsgrundlage".
       
       Wissen können, wer Wolfgang Lütkemeyer wirklich ist, hätte das
       Bundesverteidigungsministerium. Besonders der MAD hätte es wissen müssen,
       da dessen Aufgabe unter anderem das Aufspüren von "Bestrebungen, die gegen
       die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die
       Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind", ist. Wissen müssen
       hätte es der Verfassungsschutz, der die Artgemeinschaft und die ihr
       angeschlossenen Vereine seit Jahren beobachtet. Ein Blick in den
       Vereinsregisterauszug des "Familienwerks" hätte gereicht: Vorsitzender:
       Jürgen Rieger, Schatzmeister: Wolfgang Lütkemeyer, Steuerberater aus
       Erfurt. Im Vorstand der Artgemeinschaft war Lütkemeyer ebenfalls von 1993
       bis 2001 aktiv. Laut Satzung der Artgemeinschaft müssen neue
       Vorstandsmitglieder mindestens drei Jahre Mitglied der rechten Gemeinschaft
       gewesen sein.
       
       Auch der thüringische Verfassungsschutz beobachtet Riegers Verein seit
       Jahren. Aber dass Lütkemeyer jeden Donnerstag im Rotary-Club
       Erfurt-Krämerbrücke mit Thomas Sippel, dem Präsidenten des thüringischen
       Verfassungsschutzes, in einem Raum saß, ist in seiner Behörde offenbar
       niemandem aufgefallen. Für die Überprüfung von Sippels Privatkontakten sei
       der Verfassungsschutz nicht zuständig, heißt es aus der Behörde.
       
       In der Lobby des SAS Radisson finden sich, wie jeden Donnerstag, die
       Erfurter Eliten ein. Fabrikanten, Manager, Professoren. Bankdirektoren und
       eben der oberste Verfassungsschützer des Landes. Vor dem Eingang parken
       dunkle Luxuskarossen. Präsident Thomas Kleb und Sekretär Ernst Bergmann
       bitten in den Clubraum. Noch sind die fürstlich gedeckten Plätze leer. Als
       Kleb und Bergmann erfahren, dass Rotarier Lütkemeyer noch andere Hobbys
       hatte, bricht für die Rotarier eine Welt zusammen. Ungläubig studieren
       Präsident und Sekretär den Vereinsregisterauszug, auf dem der Name
       Lütkemeyer und der Name Jürgen Rieger steht. "Was glauben sie, was los ist,
       wenn man unsere Namen in diesen Zusammenhängen liest?", sagt Kleb. Sofort
       "hätte man ihn herausgeworfen" oder aber "erst gar nicht aufgenommen."
       
       Doch Lütkemeyers Ruf schien bei den Rotariern bereits ein wenig angekratzt,
       wenn auch aus anderen Gründen.
       
       Lütkemeyers Witwe nämlich war nach seinem Freitod mittellos. Im Rotary-Club
       ist Kleb daraufhin mit der Sammelbüchse herumgegangen, "jeder einen
       Hunderter", so dass Lütkemeyers Witwe sich wenigstens das Nötigste kaufen
       konnte.
       
       Kurz nach seinem Tod wurde in Thüringen ruchbar, dass Lütkemeyer in der
       Jagdgenossenschaft "Fahnerhöhe", in der er ebenfalls Schatzmeister war,
       Geld unterschlagen haben soll. In seinem Wohnort Gierstädt, unweit von
       Erfurt, erzählen Kleb und Bergmann, versammelte sich daraufhin ein
       Fackelzug vor Lütkemeyers Anwesen, Nachbarn, die von Lütkemeyer offenbar
       geprellt wurden, forderten ihr Geld zurück. Im Clubraum der Rotarier
       hängten sie daraufhin Lütkemeyers Porträt mit dem Trauerflor wieder ab. Und
       auch die Todesanzeige auf der Internetseite des Clubs verschwand.
       
       Warum war Lütkemeyer überall Kassierer? Beim Reservistenverband, bei der
       Jagdgenossenschaft? Und bei Riegers Vereinen, erst bei der Artgemeinschaft,
       dann beim Familienwerk? Beim thüringischen Reservistenverband jedenfalls
       wird derzeit die Kasse auf Herz und Nieren überprüft. Wurde Lütkemeyer
       erpresst und brauchte er deshalb Geld? Hat sein Tod etwas damit zu tun? Wo
       ist Lütkemeyers Geld? Sein eigenes und das unterschlagene?
       
       Todesursache: Selbstmord, eindeutig, Obduktion erfolgt, sagt ein Sprecher
       der Staatsanwaltschaft Erfurt. Lütkemeyer habe sich mit einer Kurzwaffe
       umgebracht. Ob das denn seine eigene Pistole gewesen sei? "Wir gehen davon
       aus", so die Staatsanwaltschaft. Das klingt nach "vielleicht". An Waffen
       aus Bundeswehrbeständen jedenfalls kommt auch ein Herr Lütkemeyer nicht so
       einfach heran, sagt Ralf Heberer vom Reservistenverband. Aus gut
       informierten Kreisen wurde die Aussage der Staatsanwaltschaft noch um ein
       nicht unwesentliches Detail ergänzt: "Die Schusswaffe war unregistriert, in
       Deutschland nicht zugelassen." Des Weiteren, so ein Funktionär aus
       Bundeswehrkreisen, der namentlich nicht genannt werden möchte, "habe einen
       Tag vor dem Selbstmord eine Hausdurchsuchung bei Herrn Lütkemeyer
       stattgefunden".
       
       Lütkemeyer? - Habe sich "zurückgezogen", sagt Jürgen Rieger am Telefon. Als
       Schatzmeister des Vereins ist er beim Amtsgericht Charlottenburg aber noch
       eingetragen. "Nein, Schatzmeister sei er längst nicht mehr", das habe er
       wohl vergessen, dem Gericht mitzuteilen, sagt Rechtsanwalt Rieger. Seit 12
       bis 14 Jahren sei Lütkemeyer nicht mehr beim Familienwerk erschienen.
       Lütkemeyer ist aber erst vor gut 14 Jahren, im November 1994, zum
       Schatzmeister des Familienwerks gewählt worden. Seitdem wurde der
       Vereinsakte kein weiterer Eintrag hinzugefügt.
       
       20 Feb 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) M. Baumgärtner
 (DIR) T. Schmidt
       
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