# taz.de -- 40 Jahre Modehaus Sonia Rykiel: Was bist du schön!
       
       > Beispielhaft für die sanfte und stilbewusste Emanzipation der Frau: In
       > Paris gibt es eine umfangreiche Ausstellung über das richtungsweisende
       > Modehaus Sonia Rykiel.
       
 (IMG) Bild: Am liebsten nackt: Sonia Rykiel (vorne rechts) und Nathalie Rykiel beim Frühjahrsdefilee 2008.
       
       "Rykiel erkennt man an ihren roten Haaren und ihrer schwarzen Silhouette,
       so wie man Jean Paul Gaultier an seinen blonden Haaren und seinem
       Marinepulli oder Karl Lagerfeld an seinem Pferdeschwanz erkennen würde",
       meint Olivier Saillard, Kurator der Ausstellung "Sonia Rykiel, Exhibition",
       der Retrospektive anlässlich des 40. Geburtstags des Modehauses im Pariser
       Musée des Arts Décoratifs.
       
       Tatsächlich steht die Marke Sonia Rykiel noch heute in symbiotischer
       Verbindung mit der Frau Sonia Rykiel. Sie ist darin symptomatisch für eine
       Generation von jungen Couturiers, die sich als Modedesigner, als "créateurs
       de mode" von der elitären Haute Couture emanzipierten, um Mode nach eigenem
       Geschmack zu schaffen.
       
       Aber die äußerlich zarte, doch innerlich starke Frau mit ihrem feuerroten
       Haarschopf und ihrer filigranen schwarzen Silhouette war darüberhinaus auch
       beispielhaft für eine sanfte und stilbewusste Emanzipation der Frau. Dabei
       hat die Geschichte ihres Imperiums mit ganz bescheidenen, manche würden
       vielleicht sogar sagen, wenig emanzipierten Wünschen begonnen. Sonia, die
       die Einengung der Kleidung schon als Mädchen hasste, hätte ihr Leben am
       liebsten ausschließlich nackt verbracht und träumte im Grunde nur davon,
       Mutter und Hausfrau zu werden.
       
       Als sie 1962 schwanger wird, erfüllt sich ihr Traum. Rykiel fühlt sich
       wunderschön, liebt den voluminösen Bauch, den sie vor sich herträgt, und
       will ihn der Welt präsentieren, statt ihre Rundungen in Umstandsmode zu
       verstecken. Sie entwirft einen knappen, weichen Pullover aus feinem Strick,
       den sie über "Laura", den Laden ihres Mannes, produzieren lässt. Es ist die
       Geburt des "poor-boy sweater", der durch einen glücklichen Zufall auf dem
       Cover der Zeitschrift Elle gezeigt wird. Er macht die junge Frau über Nacht
       bekannt und den Hausfrauentraum für immer vergessen.
       
       Aus diesem Grund beginnt Saillard seinen Rundgang durch das Rykiel-Märchen
       auch mit dem Sweater für arme Jungs. Von da aus führt der Weg weiter zu
       wallenden Kleidern mit lebhaften floralen Mustern, zu pastellfarbenen
       Kostümen aus Ton in Ton gehaltenem Jersey, zu den bekannten bunten
       Streifenpullovern, zu visionär-dekonstruktiven Entwürfen mit schon 1976
       nach außen verlegten Nähten und schließlich zu den frechen
       Trompe-loeil-Kreationen wie einem kleinen Schwarzen, dem Sonia Rykiel
       hautfarbene Handapplikation auf dem Po verpasste. Die Fülle der thematisch
       angeordneten Ausstellungsstücke macht deutlich, wie subtil, humorvoll und
       dennoch für jede Frau akzeptabel Sonia Rykiels modische Sprache ist. Mit
       dem Ziel höchsten Kleiderkomforts entwirft sie manchmal kokette, manchmal
       rockige und manchmal auch einfach schlichte, aber immer gewinnende Teile.
       Wie passend sie für jede Trägerin sind und doch eng an ihre Person
       gebunden, zeigen die wundervollen Modeaufnahmen von Dominique Issermann. In
       langjähriger Zusammenarbeit bildete die Fotografin die Designerin oft
       selbst als Model für die Marke ab und machte damit zugleich einige der
       markantesten Aufnahmen von ihr.
       
       Rykiel, die 1968, kurz nach ihrer Scheidung, ihre erste eigene Boutique
       eröffnet und von da an zur unbestrittenen "Königin des Stricks" aufsteigt,
       kreiert Kleidung in der sich alle Frauen wohl- und schön fühlen sollten:
       "Ein gelungenes Kleidungsstück ist, wenn man einer Frau sagt: ,Was bist du
       schön', und nicht: ,Was hast du Schönes an.' " Die "Femme Rykiel" ist nicht
       Accessoire ihres Kleids. Sie ist verführerisch und frei. Mit ihrer
       Strickmode wies Sonia Rykiel einen femininen Weg zu Emanzipation und
       Freimut, der nicht zwingend die Aufgabe des BHs verlangte - zumal er für
       sie in ihrer Liebe zur Nacktheit eh kein Thema war.
       
       Schade, dass Olivier Saillard in "Sonia Rykiel, Exhibition" auf diesen
       Aspekt kaum hinweist. Aber vielleicht ist diese Nachlässigkeit ganz im
       Sinne der Schöpferin. Denn Rykiel, die neben ihrer Designtätigkeit auch
       zwölf Romane veröffentlichte, sah sich eher als Intellektuelle von der Rive
       gauche denn als Feministin.
       
       Als diese sinnlich-schöpferische Intellektuelle hat sie nicht nur Andy
       Warhol fasziniert, wie sein Filmporträt von 1985 zeigt, sondern auch eine
       Reihe illustrer Kollegen inspiriert. Sie machen ihr - unterstützt von ihrer
       Tochter Nathalie - zum Abschluss der Ausstellung denn auch ein ganz
       besonderes Geschenk: Als Hommage an Rykiel und das von ihr in 40 Jahren
       geschaffene Werk entwarfen Jean Paul Gaultier, Christian Lacroix, Martin
       Margiela, Karl Lagerfeld und Jean-Charles de Castelbajac jeweils ein
       Kleidungsstück und entfalten damit ein brillantes Stück zeitgenössische
       Modegeschichte. Sie alle wären sich sicher einig: Gab Coco Chanel der Frau
       Bewegungsfreiheit und hatte sie bei Yves Saint Laurent endlich die Hosen
       an, so sorgte Sonia Rykiel bei ihrer vestimentären Emanzipation endlich für
       den nötigen Komfort.
       
       Bis 9. April, Musées des Arts Décoratifs, Paris
       
       20 Feb 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Annabelle Hirsch
       
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