# taz.de -- Kommentar Kölner Einsturz: Deutsche Schizophrenie
> Aus dem Einsturz von Köln sollte man die Lehre ziehen, dass Narben zur
> Geschichte dazugehören. Das gilt für das abrissfreudige Köln wie für das
> neurotisch bewahrende Weimar.
Köln ist nicht Weimar, ganz und gar nicht. Im Umgang mit ihrem Erbe gingen
die beiden Städte, die zuletzt durch Katastrophen einen Teil ihres
historischen Gedächtnisses verloren, seit je getrennte Wege. Hier die
rheinische Metropole, die sich in den zwei Jahrtausenden ihrer Geschichte
stets neu erfand und mit Ausnahme der Kirchen die alte Bausubstanz gern
rücksichtslos beseitigte - und zwar unabhängig von den Zerstörungen des
Zweiten Weltkriegs. Dort die vergleichsweise junge Klassikerstadt, die nach
Goethes Tod vor knapp zwei Jahrhunderten den Status quo zu konservieren
suchte und jede entstandene Lücke möglichst mit Replikaten füllte.
Auf den ersten Blick erscheinen beide Positionen grundverschieden. In
Wahrheit handelt es sich aber um zwei Erscheinungsformen ein- und derselben
Krankheit - jener Schizophrenie, der die Deutschen im Umgang mit der
kulturgeschichtlichen Hinterlassenschaft unterliegen. Am deutlichsten zeigt
sich das im Bereich von Denkmalschutz und Städtebau. In Westdeutschland
fiel dem Wiederaufbau fast so viel historische Bausubstanz zum Opfer wie
dem Krieg, in manchen ostdeutschen Altstädten werden heute ganze
Straßenzüge mangels Investoren einfach niedergewalzt. Andere Ensembles
wiederum sind übertrieben herausgeputzt, von zweifelhaften Rekonstruktionen
zu schweigen. Abgerissen oder kaputtsaniert, Puppenstube oder aseptische
Moderne: Das sind die Alternativen. Historische Patina, städtebauliche
Narben, gewachsene Geschichte sind unerwünscht.
So schlimm die Verluste durch den Brand der Weimarer Bibliothek und durch
den Einsturz des Kölner Archivs auch sind: Es wäre die falsche Lehre, dass
nachher alles so werden muss wie zuvor. Man muss alles tun, um solche
Katastrophen zu verhindern. Wenn sie aber eingetreten sind, hilft
Lamentieren auch nicht mehr. Sondern nur das klare Bewusstsein, dass die
Lücken in den Beständen, die Brandflecken an den Buchdeckeln, die Schäden
an den Urkunden zur Geschichte selbst gehören.
RALPH BOLLMANN
6 Mar 2009
## AUTOREN
(DIR) Ralph Bollmann
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