# taz.de -- Abwrackprämie: Auto-Krauter vor dem Aus
> Die als Konjunkturhilfe gedachte Abwrackprämie hat auch im Norden nicht
> nur zu Missbrauch, sondern auch zu Umsatzeinbrüchen bei
> Gebrauchtwagenhändlern und Autoexporteuren geführt.
(IMG) Bild: Sahen schon schönere Tage: Kunstvoll geschichtete Autowracks
Für Gebrauchtwagenhändler bildet das aktuelle Konjunkturpaket den
Sargnagel. Zwischen den Fronten von Wirtschaftskrise und Abwrackprämie
kämpfen sie derzeit um ihre Existenz. "Du willst die Krise sehen?", fragt
Sayed Ahmadi: "Hier, so sieht die Wirtschaftskrise aus!" Er zeigt auf die
menschenleere Straße des riesigen Autohofs im Hamburger Industriegebiet
Rothenburgsort. Auf der Fläche mehrerer Fußballfelder stehen Tausende
Autos. Die meisten Fahrzeuge sind für den Export nach Westafrika und
Osteuropa bestimmt. "Vor ein paar Monaten waren die Wege hier voll von
Kunden. Jetzt kommt keiner. Der Markt ist tot", sagt Ahmadi, der für seine
Exportfirma eine Parzelle auf dem Autohof angemietet hat.
Die Wirtschaftskrise ist auch in den Abnehmerländern zu spüren: Die
ausländischen Käufer bekommen in ihren Heimatländern keine Kredite mehr.
"Vor ein paar Wochen habe ich zwei bis drei Container pro Tag verschifft,
jetzt verkaufe ich maximal ein Auto am Tag", sagt Souzu, dessen Firma sich
auf den Export nach Osteuropa spezialisiert hat. Folglich bleiben die
Exporteure auf ihren Karossen sitzen. Denn eins ist sicher: Ein
Gebrauchtwagen der weniger als 2.500 Euro wert ist, wird in Deutschland
zurzeit nicht verkauft.
Abgesehen von der Krise drückt auch die Abwrackprämie die Preise der alten
Fahrzeuge. Denn die vergünstigten Neuwagen senken auch die Preise der
gebrauchten und damit die ohnehin kleinen Margen der Exporteure. Die
Händler können mit der staatlich unterstützen Rabattschlacht der Autohäuser
nicht mithalten.
Zusätzlich sinkt der Wert der Autos durch die Flut von Ersatzteilen, die
durch die Abwrackprämie verursacht wird. Jedes der zu verschrottenden Autos
wird ausgeschlachtet, bevor es in die Schrottpresse kommt. Die entnommenen
Teile werden weiterverkauft und erhöhen künstlich das Angebot. "Ja,
Ersatzteile sind billig, aber alle Deutschen lassen ihre Autos momentan
blind zu Würfeln pressen. Über den eigentlichen Wert des Wagens oder eine
Reparatur wird gar nicht erst nachgedacht", sagt Farim Rachid, Mechaniker
einer kleinen Werkstatt in Rothenburgsort. "Wenn das so weitergeht, dann
können wir bald dichtmachen."
Wer durch die Blechreihen des Autoplatzes geht, wird von den Verkäufern
misstrauisch beobachtet. Denn die Abwrackprämie lockt die Geschäftsmänner
mit einem unwiderstehlichen, aber unrechtmäßigen Angebot. Nämlich einfach
doppelt kassieren: erst die Prämie einsacken und den Gebrauchten
anschließend nicht in die Schrottpresse, sondern in einen Schiffscontainer
verfrachten und ins Ausland verkaufen.
Die Strukturen für diese Praxis sind gegeben: Allein im Jahr 2008 wurden
3,5 Millionen Autos aus dem Fahrzeugregister gelöscht. Verschrottet wurde
nur jedes fünfte. Wer auf dem Autohof Fotos macht, bewegt sich auf
sensiblen Terrain. Die Aufseher sind nervös und sensibel, und man sollte
sich nicht erwischen lassen.
Der Verband deutscher Autoverwerter Pinneberg hat bereits bei der
Einführung der Abwrackprämie vor massiven Missbrauch gewarnt. Unter den
bundesweit 1.300 Verwertungsbetrieben sei mit 200 "schwarzen Schafen" zu
rechnen. Diesen Missbrauch der Umweltprämie will man künftig eindämmen: Die
Prämie wird jetzt nur noch gegen Vorlage des alten, entwerteten
Fahrzeugbriefs gezahlt.
"Ach, das nützt gar nichts. Die fälschen die Papiere oder flexen die
Nummern aus dem Fahrgestell", sagt einer der Hauptmieter vom Autohof, "die
Schrottis haben Hochkonjunktur und machen doppeltes Geschäft."
130.000 Autos werden jährlich vom Hamburger Hafen nach Westafrika
exportiert. Kontrollieren kann man Abwrackbetrüger allerdings nur schwer.
Abgesehen davon wird der Warenexport vom Zoll überprüft. Für die
Abwrackprämie dagegen ist die Umweltbehörde zuständig. Diese Doppelnutzung
der Konjunkturhilfe wird angesichts massiven Preisverfalls für Stahl
offenbar rege genutzt. Der Bund deutscher Kriminalbeamter geht von 100.000
Fällen aus.
"Die Autos weiterzuverkaufen ist doch verboten", versichert ein Mitarbeiter
einer nahe gelegenen Autoverwertung, dass gehe ja auch nicht ohne die
Papiere, sagt er dann treuherzig. Seinen Namen nannte er vorsichtshalber
nicht.
24 Mar 2009
## AUTOREN
(DIR) Joseph Varschen
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