# taz.de -- Vordenker: Der liberale Ayatollah
       
       > Ayatollah Seyed Abbas Hosseini Ghaemmaghami, Vorsitzender des Islamischen
       > Zentrums Hamburg, hat sich einen Ruf als fortschrittlicher Vordenker
       > erworben. Gleichzeitig gilt seine Moschee an der Außenalster als
       > Schaltzentrale der iranischen Geistlichkeit in Deutschland. Eine
       > Annäherung.
       
 (IMG) Bild: Noch steht Ayatollah Ghaemmaghami (l.) in der zweiten Reihe - hier im November 2005 beim Besuch des ehemaligen iranischen Präsidenten Mohammed Chatami in Hamburg.
       
       Die Imam-Ali-Moschee an der Außenalster gehört mit ihrer blauen Kuppel und
       ihren schmucken Minaretten zu den Sehenswürdigkeiten von Hamburg. Doch was
       wirklich in ihrem Inneren vorgeht, erschließt sich nur schwer. Besucher
       müssen sich meist mit offiziös klingenden Verlautbarungen distinguierter,
       Persisch sprechender Herren begnügen.
       
       Dabei ist der Vorsitzende des dortigen Islamischen Zentrums, Seyed Abbas
       Hosseini Ghaemmaghami, sehr um den Dialog mit Nicht-Muslimen bemüht. Anders
       als seine Vorgänger mischt er sich in den öffentlichen Diskurs ein - das
       zeigen seine Interviews mit deutschen Medien wie demStern oder der
       Frankfurter Allgemeinen. Die vom Islamischen Zentrum herausgegebene
       Zeitschrift Al-Fadschr, früher auf "Nachrichten aus der Heimat" fokussiert,
       berichtet heute ausführlich über Ghaemmaghamis Treffen mit dem Dalai Lama
       oder dem Präsidenten der Europäischen Kommission. Muslime seien
       verpflichtet, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Aus islamischer
       Perspektive gebe es keinerlei Probleme, in einem demokratischen Rechtsstaat
       zu leben.
       
       Andererseits gilt das Islamische Zentrum als verlängerter Arm der
       iranischen Geistlichkeit in Europa. Sein Leiter fungiert als offizieller
       Stellvertreter des geistlichen Oberhaupts der Islamischen Republik,
       Ayatollah Ali Khamenei. "Ayatollah Ghaemmaghami ist der offizielle
       Vertreter Imam Khameneis in Deutschland und kann euch ebenfalls wie das
       Büro im Iran Auskunft geben über die Meinung Imam Khameneis", heißt es auf
       der schiitischem Webseite [1][www.al-shia.de]. Allerdings sei Ayatollah
       Ghaemmaghami "ein eigenständiger Rechtsgelehrter mit eigenen Rechtsurteilen
       und Ansichten, die nicht deckungsgleich sein müssen mit den Rechtsurteilen
       Imam Khameneis".
       
       Zur Audienz bei Ayothallh Ghaemaghami muss man sich im Büro der
       Imam-Ali-Moschee anmelden, wo einem bedeutet wird, man möge warten. Ein
       kleiner Mann mit wachen Augen taucht auf, es ist Djavad Mohagheghi, der
       Pressesprecher des Islamischen Zentrums. Der Ayatollah sei noch nicht so
       weit, "wollen Sie vielleicht die Moschee besichtigen?" Durch die hohe
       Kuppel fällt Licht in den großen, runden Raum, auf dem Boden liegt einer
       der größten Teppiche der islamischen Welt. Es sei, sagt Mohagheghi, nicht
       leicht gewesen, ihn in die Moschee zu bringen.
       
       Ein Großteil der Imam Ali-Moschee ist noch zu Schah-Zeiten gebaut worden,
       teils gegen den Widerstand der eigenen Botschaft in Bonn. Nach der
       iranischen Revolution wuchs die staatspolitische Bedeutung der Moschee und
       des dort sitzenden Islamischen Zentrums - zu den Vorgängern Ghaemmaghamis
       gehörte Seyyed Mohammad Khatami, der spätere iranische Staatspräsident. Die
       Lage sei so, dass die Führung in Teheran dem Ayatollah theologisch
       vorgesetzt sei, nicht aber politisch, sagt Djavad Mohagheghi und hebt
       entschuldigend die Hände. "Es ist kompliziert."
       
       Noch in seinem Bericht 2007 schätzte das dortige Landesamt für
       Verfassungsschutz das Islamische Zentrum Hamburg als "Instrument der
       iranischen Staatsführung" ein, das wie andere pro-iranische Einrichtungen
       die "theokratische Staatsdoktrin" der Islamischen Republik vertrete - und
       damit "eine Werteordnung, die mit der freiheitlich-demokratischen
       Grundordnung nicht vereinbar ist".
       
       Was nicht im Bericht des Verfassungsschutzes steht: Eine Gemeindestruktur
       wie diejenige des Islamischen Zentrums wäre im Iran unvorstellbar. Das
       Zentrum wird nicht nur von Iranern, sondern auch von Arabern genutzt.
       Sunniten sind explizit miteinbezogen, wozu passt, dass sich das Zentrum
       auch bei der Hamburger Schura engagiert , dem Dachverband Hamburger
       Moscheengemeinden, in dem Schiiten in der Minderheit sind. Innerhalb des
       Zentrum gibt es eine Gemeinde deutschsprachiger Konvertiten, die von Halima
       Krausen geleitet wird, der bislang einzigen in Deutschland tätigen Imamin.
       
       Der universalistische Anspruch der iranischen Revolution - alle Menschen
       sollten unter dem Dach des Islam vereint werden - ist in der Hamburger
       Diaspora zu einer interreligiösen Toleranz mutiert, die sich um
       Zusammenarbeit bemüht, auch mit den Juden. Missionierung wird allenfalls
       durch die Blume betrieben, nicht aber mittels offen formulierter
       Überlegenheitsansprüche.
       
       An die Grenzen seiner Toleranz kam das Islamische Zentrum allerdings bei
       den Bahai. Die schiitische Abspaltung mit eigenem Offenbarungsanspruch wird
       im Iran seit der Revolution verstärkt verfolgt, noch immer berichtet
       Amnesty International von "willkürlichen Inhaftierungen". Als die Schura
       2007 ihr Veto gegen die Aufnahme von Bahai in das "Interreligiöse Forum
       Hamburg" einlegte, geschah dies auf Betreiben Ghaemmaghamis. Erst im
       November 2008 gab die Schura ihren Widerstand auf - ihre Vertreter,
       darunter auch Ghaemmaghami, erklärten sich damit einverstanden, das
       Vetorecht abzuschaffen. Seitdem sind Vertreter der Bahai offiziell bei dem
       Forum dabei.
       
       Ghaemmaghami kommt aus einer alten, angesehenen Teheraner Familie. Den etwa
       einem Kardinal entsprechenden Rang eines Ayatollah erlangte er bereits mit
       weniger als 40 Jahren. Als Theologe hat er sich vor allem mit den
       Grundlagen des Itschtihad befasst, der selbstständigen Interpretation des
       islamischen Rechts. Ghaemmaghami hat sich in seinem Studium nicht nur mit
       islamischer Theologie beschäftigt, sondern auch mit westlichen Philosophen
       wie Kant und Gadamer. In den 90er Jahren ging er als Gastdozent an die
       Elite-Universität Berkeley im sündigen San Francisco, bevor er einige Jahre
       als Juniorprofessor an Teheraner Universitäten lehrte.
       
       Die Audienz bei Ghaemmaghami läuft so ab, dass der Besucher auf einer
       niedrigen Couch sitzt, während jener sich auf einen einen erhöhten Stuhl
       zurückzieht und über die theologische Frage nachdenkt, die er beantworten
       will. Der Ayatollah trägt das lange Gewand der iranischen Geistlichkeit und
       ihre Kopfbedeckung, er wirkt älter, als er ist. Wenn er spricht, spricht er
       mit einer melodiösen, fast singenden Stimme, und seine Worte dulden keinen
       Widerspruch. Pressesprecher Mohagheghi übersetzt alles ins Deutsche und
       schreibt mit - nein, kein Misstrauen, "nur zur Sicherheit".
       
       Als vor zwei Jahren eine Frankfurter Familienrichterin die Schläge, die ein
       marokkanischer Ehemann seiner Frau verabreichte, nicht so schlimm fand,
       weil der Koran das Schlagen der Frau erlaube, schrieb Ghaemmaghami einen
       Offenen Brief. Das Wort im entsprechenden Koranvers dürfe nicht mit
       "schlagen", sondern müsse mit "abwenden" übersetzt werden. In seiner
       Stellungnahme verurteilt Ghaemmaghami eine "Kultur der Männer", die dem
       islamischen Verständnis von außen aufgezwungen werde, und bezeichnet es als
       eine "Pflicht des Islam", diese Kultur zu bekämpfen, die eine "Kultur der
       Torheit" sei.
       
       Solche Interventionen sind geschickt platziert. Ob sie der Anfang einer
       eigenständigen theologischen Tradition europäischer Muslime sind, ist noch
       nicht heraus. Manches von dem, was Ghamemaghami sagt, ist reine
       Symbolpolitik - so wenn er anregt, das Datum islamischer Feiertage anhand
       der Mondstände hiesiger Breitengrade zu berechnen, nicht derjenigen im
       Mittleren Osten.
       
       Sicher gehört Ghaemmaghami zur liberaleren Fraktion der iranischen
       Geistlichkeit. Die Attentate in London von 2005 kommentierte er als erster
       islamischer Geistlicher in Europa mit einem Rechtsgutachten (Fatwa),
       welches Terror im Namen des Islam ausdrücklich verurteilte. Dazu passt,
       dass er in Predigten, die im Internet zugänglich sind, den defensiven
       Charakter der koranischen so genannten Kriegsverse betont und auf das
       koranische Verbot verweist, in der Religion Zwang auszuüben.
       
       Unter Ghaemmaghami ist das Islamische Zentrum Hamburg vorsichtig auf
       Abstand zu Teheran gegangen. Einige alte Zöpfe sind dabei auf der Strecke
       geblieben - so fungiert das Zentrum nicht mehr als Mitorganisator des
       Al-Quds-Tages, eines auf Khomeini zurückgehenden alljährlich stattfindenden
       Aktionstages zur Befreiung Palästinas. Die anlässlich dieses Tages in
       Berlin stattfindenden Demonstrationen wurden in der deutschen
       Öffentlichkeit kritisiert.
       
       Auch innerhalb der Moschee zog mit Ghaemmaghami ein neuer Geist ein. So
       ließ er die Porträts von Khomeini und seinem Nachfolger Ali Khamenei
       entfernen. Folgt man den Diskussionsbeiträgen im Online-Forum
       [2][www.schiat.ali.de], wurde dieser Schritt von vielen in der Hamburger
       Gemeinde bedauert - als Abkehr von den Idealen der Revolution.
       
       Auch ein Interview, das Ghaemmaghami der Zeitschrift Cicero gab, führte zu
       Irritationen. Darin sagte Ghaemmaghami, ein Muslim dürfe "nie einen
       Homosexuellen beleidigen oder ihm gegenüber respektlos sein". Er unterließ
       es hinzuzufügen, dass Schwulsein im Islam dennoch eine Sünde darstelle. Das
       Thema Homosexualität mag er mit Bedacht gewählt haben, um die Moschee
       künftig vor Zumutungen wie dem massenhaften Kiss-In zu bewahren, das sich
       im August 2005 vor ihren Toren abspielte - aus Protest gegen die zuvor von
       einem iranischen Gericht verfügte Hinrichtung zweier Teenager wegen
       homosexueller Handlungen.
       
       In der Gemeinde sind nicht alle mit dem neuen Kurs glücklich. So stoßen die
       anspruchsvollen Predigten Ghaemmaghamis, die sich auch mal mit der
       islamischen Sichtweise auf Habermas und Wittgenstein beschäftigen, nicht
       überall auf Begeisterung. "Die Vorträge sind total lang und schwierig zu
       verstehen. Die Stimmung ist nicht mehr so schön", heißt es dazu auf
       [3][www.schiat.ali.de]: "Wir gehen jetzt mit meiner Familie in die Belal
       Moschee."
       
       Dennoch sollte man sich Ghaemmaghami merken - ein Mann wie er empfiehlt
       sich für höhere Aufgaben im Iran. Im Vergleich zu Betonköpfen à la
       Ahmadinedschad wäre er allemal ein Fortschritt.
       
       10 Apr 2009
       
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