# taz.de -- Schweinegrippe lässt Mexiko Stadt kalt: Tacos statt Tamiflu
       
       > Von Pandemie-Panik keine Spur: In Mexiko Stadt geht alles seinen
       > gewohnten Gang - auch wenn antivirale Medikamente in Apotheken nicht mehr
       > erhältlich sind.
       
 (IMG) Bild: Galgenhumor: 25 Prozent Grippenrabatt gibt dieser Buchladen in Mexico Stadt.
       
       MEXIKO-STADT taz | Man muss schon genau hinschauen um im morgendlichen Stau
       von Mexiko Stadt ein paar Atemmasken durch die getönten Autofenster zu
       erspähen. Die meisten Fahrer tragen ihren Mundschutz wenn überhaupt lässig
       um den Hals baumelnd. Auch die Fußgänger nehmen es mit den Empfehlungen des
       Gesundheitsamtes scheinbar nicht so genau. "Selbst wenn ich eines von den
       Dingern wollte, in den Apotheken sind sie ausverkauft", meint Enriqueta
       Rosos, die wieder einmal eine Doppelschicht im 24-Stunden Supermarkt Oxxo
       auf der Avenida Medellin schiebt. Ja, ihr Arbeitgeber hätte allen
       Angestellten geraten, sich zu schützen. "Aber das ganze Gerede von der
       Schweinegrippe ist am Ende doch nur Panikmache. Ich kenne niemanden der
       betroffen ist. Hier im Viertel ist alles beim alten."
       
       Im Stadtteil Roma Sur, im südlichen Zentrum Mexiko Stadts, geht alles
       seinen gewohnten Gang. Die Ladenbesitzer rund um den Mercado Medellin
       scheuern die Fußwege mit Chlorlauge. An jeder zweiten Ecke bieten fliegende
       Händler Tamales an, ein allseits populäres Maisgericht. Nur Baguette gibt
       es schon seit vier Tagen nicht mehr. Der französische Bäckermeister Michel
       hat sich mit Frau und Tochter im Ersten Stock über der Backstube
       verschanzt, macht per Funktaxi nur noch die nötigsten Besorgungen im
       Supermarkt.
       
       Doch auch wenn sich die Angestellten der Grillhähnchenbude "Pollos Sinaloa"
       noch so sehr über den übervorsichtigen Bäcker amüsieren - ganz Mexiko
       oszilliert seit letztem Freitag zwischen abgeklärter Coolness und einem
       besorgten Blick auf die neusten Meldungen zum grippalen Infekt H1N1. Waren
       die letzten Monate in der mexikanischen Medienlandschaft dominiert von
       einem täglichen bodycount der Opfer des "Kriegs gegen die Drogen", so
       bündelt sich derzeit alle Aufmerksamkeit in den aktuellen Statistiken zu an
       dem Virus Erkrankten und Verstorbenen. Die Zahlen schwanken stetig. Das
       hauptstädtische Gesundheitsministerium sprach noch am Dienstag von 22
       Todesopfern und 45 stationär betreuten Verdachtsfällen. Erst am Abend
       wurden diese Zahlen auf landesweit sieben Fälle nach unten korrigiert. Die
       Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht zudem inzwischen von mehr
       Infizierten in den USA aus als in Mexiko.
       
       Doch die Nachrichten des Tages konzentrierten sich auf ein Thema:
       "Angstkäufe". Zeitungsverkäufer Guillermo Mendoza kann da nur den Kopf
       schütteln. "Dieser ganze Sensationalismus in der Presse ist mir zuwider.
       Ich glaube eigentlich nur noch den öffentlichen Bekanntmachungen und
       Experteninterviews im Radio." Doch besorgt ist Guillermo auch. Die
       schwangere Cousine seiner Freundin hat sich mit Verdacht auf Schweinegrippe
       in ein Krankenhaus einweisen lassen. "Ich glaube trotzdem nicht, dass es so
       viele Krankheitsfälle gibt, wie behauptet", sagt er.
       
       Am Tacostand neben Guillermos Kiosk drängt sich die hungrige Kundschaft wie
       nie zuvor. Denn über 60 Prozent der weniger mobilen Restaurants in Mexiko
       Stadt sollen geschlossen haben, seit Bürgermeister Marcelo Ebrard die
       gastronomischen Aktivitäten auf ein "Angebot zum Mitnehmen" beschränkt hat.
       In einer Parillada drei essen die Gäste weiterhin vergnügt Rippchen. "Wir
       servieren hier nichts mehr am Tisch und haben von uns aufgehört
       Schweinefleisch zu verarbeiten. Man weis ja nie", sagt Gabriela,
       stellvertretende Geschäftsführerin von Super Pizza. Sie hofft lediglich,
       dass die Stadtregierung nicht auch noch einen allgemeinen Ladenschluss um 6
       Uhr abends einführt, wie gemunkelt wird.
       
       Umsatzgewinne verbucht auch Norma an ihrem kleinen Gemüsestand im Mercado
       Medellin. "Seit sie im Fernsehen ständig wiederholen, die Abwehrkräfte mit
       einer gesunden Ernährung zu stärken, verkaufen wir doppelt so viel wie
       früher", sagt Norma. Dafür nimmt sie gern in Kauf, ihren 10-jährigen Sohn
       am Arbeitsplatz zu hüten. Denn die Schulen bleiben in Mexiko noch
       mindestens bis zum 6. Mai geschlossen.
       
       Ob die Versorgung mit antigrippalen Medikamenten in Mexiko Stadt wirklich
       sichergestellt ist, falls sich die Epidemie weiter ausbreitet, darüber gibt
       es unterschiedliche Ansichten. Ein Angestellter des staatlichen
       biologischen Labors BIRMEX zumindest, der ungenannt bleiben möchte,
       berichtet am Telefon, dass alle anderen Aktivitäten zugunsten der
       Herstellung antiviraler Medikamente eingestellt wurden. "Die Produktion
       läuft auf Hochtouren. Denn gerade in Mexiko Stadt gehen interne Schätzungen
       von vielen noch nicht registrierten Fällen aus." Vielleicht auch deshalb
       folgt die mexikanische Regierung weiterhin ihrer oft kritisierten
       Strategie, den bisherigen Verlauf der Schweinegrippe in Mexiko als
       glimpflich darzustellen und gleichzeitig die Bevölkerung aufzufordern, beim
       leisesten Verdacht ein Krankenhaus oder einen Facharzt aufzusuchen. Auf
       diese Weise wurden seit der letzten Woche zwar 9.806 Fälle von
       Atemwegserkrankungen dokumentiert, aber auch viel unnötiges Misstrauen über
       den Stand der Dinge gesät.
       
       Ein weiterer Kritikpunkt bleibt. Mexiko sei trotz erster Hinweisen auf eine
       unbekannte Viruserkrankung in journalistischen Berichten der Tageszeitung
       La Jornada und den Meldungen des private Monitoring-Unternehmens VERATECT
       Anfang April viel zu spät an die Öffentlichkeit gegangen, kritisiert die
       WHO. Und auch die Markthändlerin Norma findet: "Die mexikanische Regierung
       hat sich wieder mal sehr ungeschickt angestellt." Die Metronutzer in Mexiko
       Stadt kritisieren derweil, dass die Soldaten nur an wenigen Punkten und
       erst ab neun Uhr morgens Mundschutze verteilen würden. Denn die
       morgendliche Rush Hour beginnt bereits drei Stunden vorher. Apotheker wie
       Gerardo haben es mittlerweile satt, jeden Morgen zwischen übermotivierten
       Kunden zu schlichten, die Dutzendweise Mundschutze kaufen wollen. "Außerdem
       kommen immer noch Leute mit Rezepten für antivirale Medikamenten, die wir
       längst nicht mehr geliefert bekommen", sagt Gerardo. Das
       Gesundheitsministerium hat die Ausgabe per Dekret auf Krankenhäuser
       beschränkt hat.
       
       Vor den Krankenhäusern in Roma Sur stehen keine Menschenschlangen, sondern
       ein paar wartende Angehörige von Patienten. Die Gespräche kreisen darum, ob
       die Fußballliga am Wochenende zumindest wieder vor leeren Rängen kicken
       wird, ob die weißen oder blauen Mundschutze die wirksameren seien und ob es
       am Ende nicht doch die Gringos gewesen sind, denen ein Laborexperiment in
       Richtung Mexiko entglitten ist.
       
       29 Apr 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nils Brock
       
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