# taz.de -- Bundespräsident Horst Köhler: Der Putzige
       
       > Köhler hat das Amt des Bundespräsidenten anders interpretiert als seine
       > Vorgänger. Beim Volk ist er beliebt, obwohl er sich mit dem Basiskontakt
       > schwertut.
       
 (IMG) Bild: Fremdelt mit den Parteien - und kommt beim Volk trotzdem gut an: Bundespräsident Köhler.
       
       Jianguo Hong sagt es, als wäre nichts dabei. "Der das Land aufbaut",
       bedeute sein Vorname wörtlich übersetzt, erklärt der Chinese. Es klingt,
       als hätten ihn die Leute aus dem Präsidialamt nur wegen seines Namens
       herbestellt. Oder als habe Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang
       Böhmer (CDU) den hohen Besuch aus Berlin nur deshalb hergelotst, damit er
       hier auf Hong trifft.
       
       Beides stimmt nicht. Jianguo Hong arbeitet wirklich bei der Firma FAM
       Förderanlagen Magdeburg, er ist für die Betreuung von Großprojekten in
       Asien zuständig. Der exportstarke Betrieb, der Kohlekraftwerke oder
       Hafenanlagen ausrüstet, gilt längst als einer der wenigen Vorzeigebetriebe
       in dem strukturschwachen Bundesland. Schon der frühere Ministerpräsidenten
       Reinhard Höppner führte in seinem letzten Wahlkampf den damaligen Kanzler
       Gerhard Schröder hierher. Das war vor sieben Jahren.
       
       Jetzt also Horst Köhler. Anders als Schröder macht er natürlich keinen
       Wahlkampf. Es ist einer jener Regionalbesuche, die der Präsident den
       Bundesländern regelmäßig abstattet. Aber es ist der letzte, bevor sich
       Köhler am 23. Mai in der Bundesversammlung zur Wiederwahl stellt. Ob er
       nervös ist? "Ich mach meine Arbeit", sagt er auf dem Hof der
       Maschinenfabrik, umringt von Lehrlingen im Blaumann. "Es wäre nicht fair,
       wenn ich hierherkomme und nur über Berlin rede. Aber Nervosität, bezogen
       auf den 23. Mai? Fehlanzeige."
       
       Das Land aufbauen: Das ist es, was sich der Bundespräsident seit seinem
       Amtsantritt am 1. Juli 2004 vorgenommen hat. Damals war es durchaus
       Ansichtssache, ob das Land einen Aufbau nötig hatte. Köhler glaubte das. Am
       deutlichsten sagte er es vor knapp vier Jahren, als er per Fernsehansprache
       die Auflösung des Bundestags verkündete und dabei das Land in Trümmer
       redete. Nicht juristisch, sondern politisch begründete er, warum
       Deutschland dringend Neuwahlen brauche. "Unsere Zukunft und die unserer
       Kinder steht auf dem Spiel", sagte er - und, um die Dramatik des
       demografischen Wandels zu verdeutlichen: "Wir werden immer älter."
       
       Seit die große Krise ausgebrochen ist, könnte man wirklich von Trümmern
       reden und von Aufbau. Wie alle anderen, so ist aber auch der Präsident
       leiser geworden seither. Ende März schimpfte er in seiner Berliner Rede auf
       die Banker und forderte ein Ende des Wachstums. Vielleicht fügen sich die
       Gegensätze bei Köhler, der während der Fünfzigerjahre als Flüchtlingskind
       im schwäbischen Ludwigsburg sozialisiert wurde, in einer pietistischen
       Ethik des Verzichts zusammen.
       
       Köhler tut sich schwer im Basiskontakt mit seinem Volk, auch an diesem Tag
       in Magdeburg. Hölzern wirken seine Fragen an die Anlagenbauer, dann
       schaltet sich der örtliche Ministerpräsident ein. "Darf ich mal was
       Indiskretes fragen?", sagt Böhmer. "Haben Sie Flächentarif oder Haustarif?"
       Haustarif, entgegnen die Chefs - die gerade noch beklagt haben, dass
       qualifiziertes Personal im Osten so schwer zu halten sei.
       
       Nun aber lebt Köhler sichtlich auf. "Wenns schwieriger wird, würden Sie
       sagen, wir würden mal kürzertreten?", fragt er voller Vorfreude auf die
       positive Antwort. Ja, sagt eine Mitarbeiterin, das gabs schon mal. Der
       Präsident ist begeistert. Er wolle bei seinem nächsten Besuch in
       Süddeutschland erzählen, erklärt er nachher draußen vor der Tür, "was das
       hier für ein tolles Erfolgserlebnis ist".
       
       Vor ein paar Wochen hat das Berliner Museum für Kommunikation eine
       Fotoausstellung über den Präsidenten eröffnet. Es sind nur ein paar wenige
       Journalisten gekommen, die sich Aufschlüsse über Köhler erhoffen. Die
       Museumsdirektorin ist peinlich darauf bedacht, jeden Anschein der
       Parteinahme zu vermeiden. Von einem Wahlkampf habe sie doch nichts ahnen
       können, beteuert sie, als sie die Schau im Vorjahr geplant habe.
       
       Auf welchem der Bilder der Präsident am meisten bei sich gewesen sei, wird
       der Fotograf gefragt. Er verweist auf ein großes Farbfoto. Es zeigt Köhler
       im offenen Hemd, ein Glas Rotwein in der Hand, seine Frau neben sich. Sie
       sitzen auf einem Boot. Im Vordergrund Wasser, im Hintergrund Savanne. Der
       Abend eines Staatsbesuchs in Afrika, nach dem Ende des offiziellen
       Programms.
       
       Afrika. Hier fühlt sich Köhler sicher, der in der deutschen Parteipolitik
       so fremdelt. Bei diesem Thema kann hierzulande nur eine Handvoll Leute
       mitreden. Es ist auch das Thema, das ihm womöglich grüne Stimmen in der
       Bundesversammlung einträgt - von der Entwicklungspolitikerin Uschi Eid etwa
       oder von den unabhängigen Wahlmännern und -frauen aus der Partei, von denen
       einer aus dem Senegal stammt.
       
       Im vorigen Sommer lud der Präsident zum interkulturellen Dialog ins Schloss
       Bellevue. Es ist eine anspruchsvolle Runde, viele Wissenschaftler aus aller
       Welt und ein paar wenige Journalisten aus Deutschland und der Schweiz. Der
       Theologe Hans Küng ist dabei, dessen "Projekt Weltethos" der studierte
       Tübinger Köhler schon lange bewundert. Der israelische Soziologe Shmuel
       Eisenstadt, der das Konzept der "vielfältigen Modernen" durchgesetzt hat.
       Die Politikwissenschaftlerin Heba Raouf Ezzat aus Kairo, die mit Kopftuch
       und Laptop erscheint und deshalb gleich das meiste Interesse auf sich
       zieht.
       
       Die Veranstaltung unterscheidet sich stark von jenen Tagungen, die
       Geisteswissenschaftler in Deutschland abhalten - und bei denen einheimische
       Männer über fünfzig unter sich sind. Der Kreis ist global gemischt. Bis auf
       Australien ist jeder Kontinent vertreten, die meisten Teilnehmer arbeiten
       außerhalb ihres Herkunftslandes, jede dritte Diskutantin ist eine Frau. Die
       jüngsten Teilnehmer sind 43 Jahre alt, der Älteste ist 85.
       
       Vor allem aber hört Horst Köhler zu. Den ganzen Tag, von morgens um neun
       bis abends um sechs, nur kurz verschwindet er einmal nach draußen. Er sitzt
       am runden Konferenztisch und macht fleißig Notizen. Soziologische Theorien,
       theologische Erörterungen, historische Einordnungen.
       
       Was er sich wohl aufgeschrieben hat? Viel ist es nicht, was an diesem Tag
       hängen bleibt. Wie so oft beim interkulturellen Dialog verläuft der
       Austausch freundlich, manches Kontroverse wird lieber ausgespart oder mit
       der Fachsprache des internationalen Wissenschaftsbetriebs unkenntlich
       gemacht. Manche Zeitung spottet anschließend über Köhlers Rat der Weisen.
       Kein anderer Politiker als der Bundespräsident könnte sich einen solch
       zeitraubenden Luxus leisten. Einen Weg aus der gefühlten
       Bedeutungslosigkeit weist ihm die Debatte allerdings auch nicht.
       
       Um das Problem zu verstehen, hilft vielleicht hilft eine Diskussionsrunde
       in der Berliner Humboldt-Universität. Es ist der 22. Januar, die Debatte um
       Köhlers Wiederwahl hat gerade einen neuen Höhepunkt erreicht, weil sich die
       Freien Wähler nun doch nicht mehr auf Köhler festlegen wollen. Im Hörsaal
       geht es um einen seiner Vorgänger als Staatsoberhaupt. Über die Rolle des
       letzten Kaisers Wilhelm II. streiten dessen Biografen.
       
       Anders als heute, da die Verfassung die Macht des Präsidenten klar
       begrenzt, war die Rolle des Monarchen damals unbestimmt. Einerseits war es
       längst Praxis, dass die Regierung die Geschäfte ohne Einmischung des
       Kaisers führte. Wilhelm schien das insofern auch zu akzeptieren, als er oft
       für Wochen fern der Hauptstadt weilte. Andererseits beschäftigte der Kaiser
       Politik und Medien immer wieder mit erratischen Einlassungen zum
       Tagesgeschäft. In Teilen der Öffentlichkeit machte er sich damit zum
       Gespött. Es stellte sich die Frage, wozu oberhalb der Regierung ein
       Repräsentant des Staatswesens nötig war - wenn er es nicht verstand, diesen
       Staat als Ganzes zu repräsentieren.
       
       Köhler ist nicht Wilhelm. Aber ein Rollenproblem hatte auch er, zumindest
       in den ersten Amtsjahren. Bei seinem Vorgänger Johannes Rau hat das
       Publikum oft mitgelitten wegen seiner übergroßen Vorsicht. Köhler hat die
       Grenzen des Amtes ausgetestet. Mit seiner zweifachen Weigerung, Gesetze
       wegen Zweifeln an der Verfassungsmäßigkeit zu unterschreiben, mit seinen
       Äußerungen zu tagespolitischen Fragen wie der Verlängerung des
       Arbeitslosengelds.
       
       Die Bevölkerung nahm es ihm nicht übel, weil sie die Eingriffe als Attacken
       auf Politik und Parteien insgesamt verstand. Im Berliner Politikbetrieb hat
       es den Abstand zum Präsidenten vergrößert. Als ihm die Gegenkandidatin
       Gesine Schwan fehlerhaftes Amtsverständnis vorwarf, sprach sie nur aus, was
       viele denken. Auch bei der Union. Wobei der Umstand, dass Köhler auch die
       Kanzlerin und CDU-Minister ärgerte, den Groll bei der SPD zuletzt wieder
       dämpfte. Das politische Berlin hat sich mit dem Machtlosen ausgesöhnt.
       
       Am Nachmittag seines Magdeburg-Besuchs geht Köhler in den Dom. Kurz vor dem
       Abschied gibt er noch ein Pressestatement. "Mir macht das Amt immer wieder
       Freude", sagt er. "Es ist eine Gelegenheit, Menschen kennenzulernen. Das
       Schöne ist, die Menschen lassen sich darauf ein." Sprichts - und geht über
       den menschenleeren Marktplatz zum schwarzen Wagen mit der Standarte.
       
       18 May 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralph Bollmann
       
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