# taz.de -- 20 Jahre Mauerfall: Das Spiel mit der DDR
> Eine interaktive Ausstellung im Freizeit- und Erholungszentrum FEZ will
> Kindern die DDR nahebringen. Statt sich mit dem Unrechtsstaat und der
> Diktatur zu befassen, sollen sie den Alltag von damals nacherleben - und
> Spaß haben.
(IMG) Bild: Bilder von Soldaten und Grenzanlagen, das kommt den Grundschülern beim Thema DDR in den Sinn.
Der DDR nähert man sich am besten spielerisch. So dachten sich das die
Initiatoren der Ausstellung "Sag, was war die DDR?" im Freizeit und
Erholungszentrum (FEZ) in der Wuhlheide - und stellten in den
Eingangsbereich große hellblaue Schränke mit Glasvitrinen. Darin verteilten
sie Spielzeug und Alltagsgegenstände aus verschiedenen Jahrzehnten. Die
Schülerinnen und Schüler der 3 c der Mendel-Grundschule in Pankow, die an
diesem Tag im FEZ zu Gast sind, sollen sich einfach mal umschauen.
Die Kinder rennen zu der Vitrine mit dem Überraschungsei. Sie kommentieren
Legobauwerke, freuen sich über das Playmobil. 1999 steht auf dem Schrank,
sie selbst sind im Jahr 2000 geboren. Die Vitrine mit dem DDR-Spielzeug
bleibt verwaist. Sandmännchen und Pittiplatsch sprechen niemanden an. "Habt
ihr auch Sachen entdeckt, die ihr der DDR zuordnen würdet?", fragt die
Ausstellungspädagogin. "Der Armeehelm", ruft Tobias und zeigt auf die
Vitrine von 1939. "Was du meinst, stammt aus dem Zweiten Weltkrieg."
Diffus ist das Bild über die DDR in den Köpfen der Kinder. Soldaten und
Polizisten schwirren darin herum. "Häuser an der Mauer" fallen der
achtjährigen Matilda ein, wenn sie DDR hört. "Ich bin stolz auf mich", sagt
das Mädchen mit den blonden Zöpfen, "weil mein Vater Westdeutscher ist und
meine Mutter aus Ostdeutschland kommt." Wie es sich in diesem Land lebte,
weiß Matilda trotzdem nicht. Über den Alltag in der DDR hat die Mutter ihr
nicht viel erzählt, sagt sie.
An dieser Wissenslücke von Grundschülern will "Sag, was war die DDR?"
ansetzen. Geschichte bestehe aus Geschichten, erklärt Kurator Klemens Kühn.
Deshalb haben er und seine Kollegin Claudia Lorenz nach
Tagebuchaufzeichnungen von Ostdeutschen gesucht, die in den 70er-Jahren
geboren wurden. Aus 30 Zuschriften haben sie sieben Tagebücher ausgewählt
und das Leben dieser Personen dargestellt: Die aufmüpfige Punkerin kommt
genauso vor wie der Intellektuellensohn, die Leistungssportlerin und der
Freundschaftsratsvorsitzende, der gerne in die Partei eintreten möchte.
"Punktlandungen zum Subjektiven" nennt der gelernte Bühnenbildner Kühn
diesen Ansatz.
Bevor die Pankower Grundschüler zu den Tagebüchern kommen, müssen sie eine
Zeitschleuse passieren. Einer der blauen Wandschränke öffnet sich wie eine
versteckte Tür und führt in einen großen Raum, der für die DDR stehen soll.
Dahinter ein Ufo, in das man sich hineinsetzen kann, ein Schreibtisch in
einem Kinderzimmer, ein Kaufmannsladen, eine Garderobe mit weißen
Pionierhemden und Halstüchern in den Schubladen, die Tür zu einer
Gefängniszelle, ein Flugzeug.
Die Schülerinnen und Schüler laufen durch diese DDR im Kleinformat. Sie
hören Auszüge aus den Tagebüchern, beschäftigen sich mit den
Zukunftsträumen eines Schülers von damals. Sie lesen in Heften oder spielen
einfach nur. Zum Beispiel Kaufmannsladen - oder besser Konsum: Bananen
stehen auf der Einkaufsliste, aber nicht im Regal. Auch Brötchen landen
nicht im Korb, es gibt sie nicht.
So schlüpfen die Pankower Grundschüler für eine kurze Zeit doch noch in die
Haut der Kinder in der DDR. Statt Infotafeln mit Geschichtswissen gibt es
Alltagssituationen zu erleben. "Wir betätigen uns nicht als Historiker oder
Politologen", erklärt Kurator Kühn den Anspruch der Ausstellung.
Die erste Fassung der Schau war bei den Veranstaltern durchgefallen. Von
Diktatur und Unrechtsstaat war da viel die Rede. Doch es gab Befürchtungen,
dass das bei den Lehrern nicht ankommen würde. Die Ausstellung in ihrer
jetzigen Form sei viel spielerischer, sagt Kühn.
Den Kindern gefällt das. Tobias ist ganz begeistert vom Wohnungsbauprogramm
der DDR. Eigentlich soll er die zehn Gebote der Jungpioniere lesen, aber er
spielt lieber Baumeister und steckt aus Sperrholzplatten eifrig Hochhäuser
zusammen. Er hat sich ein Pionierhemd übergezogen, dazu das blaue Halstuch
und einen gelben Helm. Die DDR macht Tobias sichtlich Spaß. "Ist die Show
schon zu Ende?", fragt er, als sich alle im Eingangsbereich versammeln
sollen, um über die Ausstellung zu sprechen.
Es scheint gar nicht so leicht, über den Spaß und das Abenteuer DDR
hinauszugehen: Die Kinder fläzen auf dem Boden herum. Sie sind
unkonzentriert, die Fragen oft schwierig. Warum zum Beispiel gab es keine
Bananen? Die DDR-Bürger waren zu faul, sagt ein Kind. Sie wussten nicht,
wie man die anbaut, glaubt ein anderes.
Mit Devisenmangel können sie wenig anfangen. Schon eher mit dem Thema
Strafen. Einige lassen erschreckt die Münder offen stehen, als sie
erfahren, dass die Eltern in der DDR Ärger bekamen, wenn man in der Schule
schrieb, was der Staat nicht hören wollte, etwa: "Ich finde die Mauer
doof."
Matilda gruseln die Grenzanlagen und die Gefängnisse, von denen sie hört.
Die DDR macht sie traurig, sagt sie. Und sie kann sich gar nicht
vorstellen, wie sich die DDR-Bürger heute zurechtfinden, ohne Soldaten,
ohne Mauer, nur mit Hochhäusern. Mit der Punkerin Angela, die als
16-Jährige sieben Wochen in Untersuchungshaft musste, hat sie Mitleid. "Die
wollte doch auch nur schön leben", sagt sie.
Die Klassenlehrerin der 3 c ist von der Ausstellung beeindruckt. "Ganz
genauso wars", freut sich Kerstin Wucherpfennig. Das mit den Brötchen habe
sie selbst ganz vergessen. Brötchen kosteten zwar nur 5 Pfennige, gab es
aber auch nur morgens - sonst waren die Brotkästen in der Kaufhalle leer.
Im Unterricht wird Kerstin Wucherpfennig die Ausstellung nachbereiten. Sie
will vor allem die niedrigen Preise und die Preisbindung durchgehen. Die
Diktatur kommt später dran.
22 May 2009
## AUTOREN
(DIR) Grit Weirauch
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