# taz.de -- Kommentar Evangelischer Kirchentag: Ermattetes Bürgertum
       
       > Günther Beckstein fühlte sich wohl, Helmut Schmidt auch. Egal. Schade
       > nur, dass es keine aufrüttelnden Debatten gab.
       
 (IMG) Bild: Der 32. Deutsche Evangelische Kirchentag in Bremen endete am Sonntag mit einem Schlussgottesdienst vor 100.000 Menschen
       
       Dass sich der Kirchentag verändert, ist weder verwunderlich noch
       verwerflich. Er mag konservativer und spiritueller werden, gar ein Ort, an
       dem sich auch ein Günther Beckstein wegen der "überwundenen einseitigen
       politischen Ausrichtung" wieder wohlfühlt - soll er. Die Voraussetzung
       dafür ist aber natürlich, dass das Protestantentreffen spürbar an
       Kritikfähigkeit und visionärem Geist eingebüßt hat, und das bleibt bitter.
       
       Ein Indiz für jene zunehmende Denkfaulheit ist etwa die Begeisterung für
       Helmut Schmidt. Obgleich dieser jedwede Überlegung über Grenzen des
       Wirtschaftswachstums mit billigen Bonmots in die Sphäre von "pensionierten
       Studienräten" verwies. Schmidt darf sich mit solchen Äußerungen gern selbst
       treu bleiben - doch von den Podien und dem Publikum des Kirchentags war man
       schon mal Aufregenderes gewohnt.
       
       Sicher: Der Ruf nach einer funktionierenden internationalen Finanzaufsicht
       war fast schon ritueller Bestandteil aller Arten von Redebeiträgen. Doch
       das Fokussieren auf die Forderung nach strengeren Regeln bedeutet implizit
       eben auch: The game shall go on - wir kennen nichts Besseres. Diese
       Hilflosigkeit müsste zumindest mehr Unruhe auslösen.
       
       Der Bremer Kirchentag blieb damit ein Plädoyer für Pragmatismus, nicht für
       Aufbruch. Das mindert nicht den Wert von Hunderten interessanter
       Einzelveranstaltungen, von zigtausend Begegnungen samt reichhaltigem
       Erfahrungs- und Informationsaustausch. Nur: Wann bitte darf man echte
       Signale erwarten - wenn nicht in einer Krise wie der aktuellen? Auf dem
       Kirchentag, und das ist symptomatisch für die ihn tragenden
       Mittelschichten, hat sich Müdigkeit angesichts des vermeintlichen
       Ausgeliefertseins an globalökonomische Verflechtungen breitgemacht.
       
       24 May 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Henning Bleyl
       
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