# taz.de -- Kommentar "spickmich"-Urteil: Meilenstein für eine neue Lernkultur
       
       > Nichts braucht die Bildungsrepublik mehr als Noten - für die Lehrer.
       > Kinder müssen früh darin zu geübt werden, Autoritäten einer kritischen
       > und freundlichen Evaluierung zu unterziehen.
       
       Noten sind ungenau. Sie werden nicht individuell vergeben, sondern nach der
       Gaußschen Normalverteilung gewissermaßen verstreut. Noten sind ein Fetisch
       der deutschen Schule. Und dennoch: Nichts braucht die Bildungsrepublik mehr
       als Noten - für die Lehrer. Deswegen ist das Urteil des Bundesgerichtshofs,
       die Bewertung von Paukern auf der Onlineplattform "spickmich" zu erlauben,
       ein Meilenstein.
       
       Das alte Bild von Schule ist ohne die Note nicht denkbar. Vorn steht Lehrer
       Oberschlau - und sein wichtigstes Züchtigungsmittel seit der Abschaffung
       des Rohrstocks ist: die Ziffernote. Die Anordnung dieses Lernens hieß
       "Einer an alle" - und sie ist vorbei. Heute gibts in keiner Branche mehr
       den Helden, der im Alleingang alles schaffen könnte. Was wir brauchen, sind
       Problemlöser, die neuartige Fragestellungen im Team angehen. Wir brauchen
       selbstbewusste Leute, die die Methode "Alle an alle" beherrschen und einem
       Chef auf Augenhöhe gegenübertreten. Kinder schon früh darin zu üben,
       Autoritäten, also Lehrer, einer kritischen und dennoch freundlichen
       Evaluierung zu unterziehen, ist ein wichtiger Schritt in Richtung neuer
       Lernkultur: nicht der einzige - aber ein notwendiger.
       
       Ja, es ist wahr. Dass Lehrerbewertungsportal "spickmich" hat schon schlimme
       Beleidigungen von Lehrern erlebt. Aber das ist Geschichte. Längst haben die
       "spickmich"-Macher den Schülerrülpser durch Kategorien und zivile Urteile
       wie "fachlich kompetent" oder "cool und witzig" ersetzt. Vielen
       Schulentwicklern reicht das nicht. Kein Problem - dann sollen sie eben
       intelligentere Indikatoren für Lehrerleistungen entwickeln.
       
       Der konservative Deutsche Lehrerverband träumt immer noch davon,
       "spickmich" mithilfe von Verfassungsrichtern ausmerzen zu können. Das ist
       vollkommen abwegig. Wohl jede Berufsgruppe, die mit Kunden zu tun hat, muss
       sich künftig Bewertungen im Internet stellen. Erinnern wir uns: Einst
       wollten die Professoren "Noten für den Prof" nicht haben - heute sind sie
       aus der Hochschulkultur nicht mehr wegzudenken.
       
       Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatte die klagende Lehrerin vor
       Gericht unterstützt. Das war mitgliederpolitisch richtig, aber
       verbandspolitisch verheerend. Es wird Zeit, dass die GEW sich an die Spitze
       derer setzt, die eine fruchtbare und freundliche Rückmeldekultur entwickeln
       - und zwar mit "spickmich".
       
       23 Jun 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Füller
       
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