# taz.de -- Debatte Afghanistan: Unser Krieg
       
       > Betroffenheit über den Tod deutscher Soldaten reicht nicht. Es muss eine
       > ergebnisoffene Debatte über den Einsatz in Afghanistan folgen.
       
       Ein Land beteiligt sich an einem Krieg. Ab und zu geraten die Truppen
       dieses Landes tatsächlich in direkten Kontakt mit bewaffneten Kontrahenten.
       Dabei werden auch eigene Soldaten getötet. Ist das eine Nachricht? Für
       deutsche Journalisten schon. Deutschland beteiligt sich im Rahmen der
       "Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe" Isaf an einem Krieg.
       Dennoch tauchen getötete oder verletzte Soldaten prominent in der
       "Tagesschau" und auf den Titelseiten aller wichtigen Zeitungen auf. So auch
       in dieser Woche wieder, als in Afghanistan drei Bundeswehrsoldaten ums
       Leben kamen.
       
       Würden die Medien in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien ähnlich
       auf Tote unter ihren Truppen in Afghanistan reagieren, sie hätten kaum noch
       Platz für andere Meldungen. Für amerikanische und britische Truppen, ebenso
       Teil der Nato-Truppe Isaf, gehören Töten und Sterben zum Einsatz. Dort ist
       klar: Man befindet sich im Krieg. In Kriegen gibt es Tote. Und Tote kann es
       auch in den eigenen Reihen geben.
       
       Für die deutsche Öffentlichkeit sind Töten und Sterben noch nicht Routine.
       Die jetzt in vielen Medien bezeugte Betroffenheit dürfte deshalb echt sein.
       Denn als Krieger fühlen sich die Deutschen nach wie vor unwohl. Das ist
       sympathisch und eigentlich beruhigend. Die Mehrheit der Deutschen ist groß
       geworden, ohne dass sich eigene Soldaten im Krieg befinden. Und für
       diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben, ist der Einsatz
       von Militär vor allem als Weg in eine selbst verschuldete Katastrophe in
       Erinnerung geblieben. Krieg ist für sie eine existenzielle Bedrohung, denn
       der Krieg fand auch zu Hause statt.
       
       Selbst während der Ost-West-Konfrontation war klar, dass der Krieg, den
       beide Seiten mit Aufwand und Akribie vorbereiteten, nicht irgendwo am
       anderen Ende der Welt stattfinden würde. Das theater of operations, das
       Einsatzgebiet der Bundeswehr, wäre der eigene Vorgarten gewesen. In
       Deutschland geht die Normalisierung des Kriegs deshalb nur schleppend
       voran. Das ist die eine mögliche Interpretation. Sie wäre beruhigend.
       
       Doch so weit nur der wohlwollende Blick. Jetzt aber wird es beunruhigend.
       Denn so sympathisch und angemessen es ist, dass jedes einzelne Todesopfer
       unter den Bundeswehrsoldaten noch gezählt wird und eine Meldung wert ist,
       kann dies auch ein Zeichen dafür sein, dass die Toten und Verletzten als
       Opfer von Unfällen, als bedauerliche Ausnahmen betrachtet werden. Denn die
       Todesfälle werden als Ergebnis vermeidbarer Fehler dargestellt. Die
       Stellungnahmen, die auf die blutigen Nachrichten aus den Einsatzgebieten
       der Bundeswehr folgen, sind entweder ein Zeichen für fahrlässige Naivität
       oder ein Beleg für Verlogenheit. Das Ergebnis ist in beiden Fällen das
       Gleiche: eine anhaltende Diskussionsverweigerung.
       
       Wenn etwa der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Reinhold Robbe,
       angesichts der Toten unter deutschen Soldaten in Afghanistan in dieser
       Woche ein "klares Bekenntnis" der Öffentlichkeit zu dem Afghanistan-Einsatz
       der Bundeswehr einfordert, dann vergisst er, dass es ein Bekenntnis nur
       geben kann, wenn zuvor eine Auseinandersetzung stattgefunden hat. Eine
       ergebnisoffene Debatte über die Auslandseinsätze der Bundeswehr, und
       insbesondere über den Einsatz in Afghanistan, hat aber bislang nicht
       stattgefunden. In der Öffentlichkeit nicht, weil dort das Ausmaß der
       deutschen Einsätze unterschätzt wird. Und im Parlament nicht, weil es eine
       ganz große Koalition für die Weiterführung des Einsatzes gibt.
       
       Die Wortmeldungen der versammelten deutschen Wehrpolitiker in den Tagen
       nach den neuesten Todesmeldungen aus Afghanistan lassen nicht hoffen, dass
       sich daran etwas ändert. Es wird darüber lamentiert, dass dringend
       Kampfhubschrauber gebraucht würden und der Eurofighter zum Einsatz kommen
       solle. Suggeriert wird, dass mit besserer Ausstattung, mit ein paar
       technischen Tricks, künftig eigene Opfer vermieden werden können. Dabei
       will man nicht einmal öffentlich darüber reden, dass die neue Strategie der
       US-Regierung, die auf den verstärkten Einsatz von Bodentruppen und weniger
       Luftangriffe setzt, vor allem bedeuten wird, dass es mehr und nicht weniger
       Tote in den Reihen der Isaf, also auch der Bundeswehr geben wird.
       
       Wer aber das Vorgehen in Afghanistan debattieren will, der muss zunächst
       anerkennen, dass sich Deutschland im Krieg befindet. Selbst führende
       deutsche Militärs der Bundeswehr sind in dieser Frage sehr viel ehrlicher
       und agieren rationaler als die für die Bundeswehr zuständigen
       Parlamentarier und Minister.
       
       Es gilt anzuerkennen, dass sich Kriege und Konflikte grundlegend geändert
       haben. Ein Krieg findet eben nicht nur dann statt, wenn zwei ähnlich
       gerüstete, staatlich organisierte Konfliktparteien aufeinandertreffen.
       Würde man dieses Bild ernst nehmen, wie es von Verteidigungsminister
       Franz-Josef Jung in den letzten Tagen wieder einmal vertreten wurde, dann
       gäbe es längst keine Kriege mehr.
       
       Solche Lächerlichkeiten müssen aufhören. Wer eine Kriegsbeteiligung in
       Afghanistan für notwendig und vernünftig hält, sollte dies genau so sagen
       und auf die Konsequenzen hinweisen. Keine Frage: Sollten sich
       Bundesregierung und Parlament dazu durchringen, das Geschehen in
       Afghanistan eines Tages als Krieg zu bezeichnen, wäre natürlich weder die
       Zukunft Afghanistans noch die der Bundeswehr geklärt. Aber eine notwendige
       Voraussetzung für die Aufnahme einer ausgefallenen Debatte wäre geschaffen.
       
       In dieser Auseinandersetzung kann es nicht nur darum gehen, wie und wo man
       die Welt gerne viel besser und schöner machen möchte. Wer sich dafür
       entscheidet, dass die Kriegsbeteiligung der Bundeswehr notwendig ist, der
       sollte auch sagen, dass verletzte, traumatisierte und eben tote
       Bundeswehrsoldaten dazugehören. Es muss ausgesprochen werden, welche
       menschlichen, finanziellen und gesellschaftlichen Kosten durch eine
       Kriegsbeteiligung der Bundeswehr entstehen. Es muss ausgesprochen werden,
       was damit realistisch erreicht werden kann und was nicht. Und es muss
       gefragt werden, ob die Gesellschaft bereit ist, diesen Preis zu zahlen.
       
       26 Jun 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eric Chauvistré
       
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