# taz.de -- Neues Album von Michael Sheehy: Musikalischer Faustkampf
       
       > Der Boxring als moralische Anstalt: Michael J. Sheehy & The Hired
       > Mourners besingen und bespielen in ihrem neuen Konzeptalbum Faustkampf
       > und Faustrecht.
       
 (IMG) Bild: Neue Platte "With These Hands" von Michael Sheehy & The Hired Mourners.
       
       Wer Michael J. Sheehy sieht, könnte den Songwriter und lebenslangen
       Elvis-Fan für einen Dandy halten, Referenzrahmen circa die Sechziger oder
       das späte 19. Jahrhundert. Er trägt Glatze, darauf zumeist einen Hut.
       Bowler Hat oder Zylinder, er besitzt gleich mehrere. Sheehy ist eher
       Hemden- als T-Shirt-Mensch und einer, dem sein Bart steht. Er könnte
       Pianist, Maler oder Schriftsteller sein. Aber würde man in ihm einen
       Box-Fan vermuten?
       
       Wer zweimal hinschaut, wird feststellen: Der kleine Mann irischer
       Abstammung, aufgewachsen in einer Sozialwohnung im Norden Londons, Kentish
       Town, sieht ziemlich energisch aus. "Als Junge habe ich in der Schule mit
       circa zwölf Jahren geboxt", sagt Sheehy. "Man braucht dafür Mut, Kraft,
       Rücksichtslosigkeit und Kampfgeist", führt er weiter aus, um gleich darauf
       einzuschränken: "Traurigerweise mangelte es mir an allem."
       
       Dafür hat er jetzt mit seiner Band The Hired Mourners ein ganzes
       Konzeptalbum über das Leben des fiktiven Preisboxers Francis Delaney und
       seinen wichtigsten Kampf veröffentlicht. Wenn sich Künstler an Boxer
       hängen, muss das Resultat nicht immer überzeugen.
       
       Aber schon Bertolt Brecht, ein anderer großer kleiner Mann, hatte ein
       Faible für den Ringsport. Und Sheehy erzählt natürlich nicht nur einfach
       vom Boxen, er macht eine ganze moralische Geschichte daraus. Eine von
       Kampf, Himmel, Hölle, Sünde, Sühne und Würde. Und vom Scheitern.
       
       Das nämlich ist Sheehys Steckenpferd, da kennt er sich aus. Als Kind sah er
       Elvis bei seinem letzten Konzert 1977. Das Idol auch seines Vaters,
       gezeichnet vom Leben, das der Rock n Roll war. Drei Jahre später verlor
       Muhammad Ali gegen Larry Holmes. Sheehy saß erschüttert vorm Fernseher.
       Sein eigenes Leben danach ist auch nicht geradlinig verlaufen. Das muss als
       Hinweis reichen.
       
       "Did You Hear About Delaney?", so beginnt Sheehy den ersten Song von "With
       These Hands". Er singt mit samtweicher Stimme, dazu kommen jedoch eine
       bedrohliche Orgel und ein Spielzeugklavier im Hintergrund. Man ahnt, dass
       hier nicht von Ruhmestaten zu hören sein wird.
       
       Die Musik, die Sheehy für seinen Stoff wählt, eine Rumpelkammer aus
       Gothic-Swamp, Vaudeville, Blues und Folk, scheint vertraut. Es ist die
       Methode, die man von Tom Waits kennt: in einem Moment das Heimelige, im
       nächsten das Unheimliche. So, wie sich Waits bei Captain Beefheart und der
       wiederum bei Howlin Wolf bediente, macht auch Sheehy etwas Eigenes daraus.
       "Die Geschichte des am Boden zerstörten, mit Problemen belasteten Boxers
       wurde viele Male erzählt", sagt er.
       
       "Die offensichtlichen Klischees versuchte ich zu vermeiden." Das "Märchen"
       erzählt er nun in verschiedenen Episoden, die verschiedenen Rollen besetzt
       er mit den (Gast-)Sängerinnen Sandy Dillon, Patsy Crime und Gemma Ray.
       "With These Hands" könne als Musical aus den frühen Sechzigern betrachtet
       werden, so Sheehy und fügt hinzu: "Die Box-Veranstalter sind tatsächlich
       die Verbrecher."
       
       In "Crooked-Eye Engineer" tritt Sheehy als ein solcher auf und passt wie in
       den anderen Tracks den Tonfall den Charakteren an. Er gibt die
       größenwahnsinnige und bemitleidenswerte Type, die sich einbildet, ein
       tougher Eastend-Gangster zu sein, droht und giftet. Dahinter steckt ein
       zutiefst verunsicherter Homosexueller, eine Figur, die Strippenzieher sein
       möchte und selbst ferngesteuert ist. "Aint A Whit Boy Alive" porträtiert
       einen anderen Verirrten, einen US-amerikanischen Promoter mit irischen und
       jüdischen Wurzeln, der am liebsten schwarz wäre.
       
       Sheehy ist weit davon entfernt, die Boxarena und alles, was mit ihr
       zusammenhängt, das Geld und die Gosse, zu romantisieren. Bei ihm fußt die
       Boxwelt nicht nur auf Faustkampf, sondern auf Faustrecht. Sympathie will
       allenfalls mit den Kämpfern selbst aufkommen.
       
       "Ich hatte immer eine Vorliebe für die ewigen Vergeuder", sagt Sheehy.
       "Diese Sportskanonen, die wissen, wie gut sie sind, aber glauben, das Spiel
       selbst sei wichtiger als Geld und Preise." Unprofessionelle Profis also,
       denen am Schluss des blutigen Spektakels nicht viel übrig bleibt. Wenn sie
       Glück haben, wartet wenigstens jemand auf sie. Oder sie haben sich einen
       Rest Humor bewahrt, der zwar nichts ungeschehen macht, aber Halt gibt.
       
       "With These Hands" ist ein tiefschwarzes Drama mit einigen hellen Momenten,
       die fast schon unwirklich scheinen. Sollte David Lynch dereinst vorhaben,
       eine Boxerstory als groteskes Sozialdrama zu erzählen, dann hat er hier den
       Soundtrack.
       
       25 Jul 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Robert Miessner
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Gedicht
       
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