# taz.de -- Aus Le Monde diplomatique: Mit Hanf und Häusern Geld verdienen
       
       > Die Immobilienkrise eröffnet in Florida ungeahnte Verdienstmöglichkeiten.
       > Aus Wohnhäusern werden dort Treibhäuser. Über den neuen Zweckoptimismus
       > im wirtschaftlichen Tiefpunkt.
       
 (IMG) Bild: Leerstand in Florida: Die Häuser bleiben dem nächsten Hurrikan überlassen.
       
       Eins der Einfamilienhäuser, wie es sie in Lehigh Acres, Westflorida, zu
       tausenden gibt, mit Garage, Vorgarten, Grillplatz und der obligatorischen
       Fahnenstange für patriotische Momente. "Zu verkaufen" steht auf einem
       Schild am Eingang. "Das kauft keiner mehr", sagt Tom, ein 17-jähriger
       Schüler. Auf dem Grundstück türmt sich der Sperrmüll. Das Garagentor ist
       nicht mehr da. Vor zwei Jahren mussten die Bewohner ihr Haus aufgeben. Tom
       führt uns hinter das Gebäude zum Küchenfenster, das nur mit zwei kreuzweise
       angenagelten Brettern gesichert ist. Er deutet mit der Taschenlampe hinein:
       "Hier gehts lang." Dann schiebt er eines der Bretter zur Seite und zwängt
       sich als Erster hindurch.
       
       In der Küche müffelt es nach feuchtem Schimmel - am Tag ihrer Zwangsräumung
       haben die früheren Besitzer die Spüle aus der Wand gerissen. "Bevor sie
       abgedampft sind", erzählt Tom, "haben mein Onkel und meine Tante alles kurz
       und klein geschlagen. Die meisten Leute hier machen das so. Um sich an den
       Bankerschweinen zu rächen." Im Lichtkegel der Taschenlampe erkennt man
       einen Trümmerhaufen und mittendrin das Kalenderbild eines Sonnenaufgangs am
       Strand. Hinter der Küche führt eine Treppe zu einem kleinen Keller. Dort
       weiht uns Tom in sein kleines, geheimes Unternehmen ein: Zehn Hanfpflanzen,
       die einen verlockenden Duft verströmen, werden über einen Tropf bewässert.
       Leuchtröhren sorgen für die optimale Beleuchtung.
       
       "Eine großartige Zeit für Geschäfte. Überhaupt war das Geldverdienen noch
       nie so aufregend wie heute", tönte der Milliardär Donald Trump am 15. April
       dieses Jahres auf CNN. Dass eine schwere Krise ungeahnte
       Verdienstmöglichkeiten schafft, ist auch Tom nicht entgangen. Er bezeichnet
       sich selbst als "jungen unabhängigen Unternehmer". Sein Vater ist
       Haustechniker. Doch seit der Vorort Lehigh Acres zum Katastrophengebiet
       mutiert ist, hat er keine Arbeit mehr.
       
       Anfang des Jahrzehnts gingen die Häuser noch weg wie warme Semmeln. "Heute
       ist Lehigh Acres fast schon ein Slum. Aber damals war es ein
       vielversprechendes Entwicklungsgebiet. Die Zahl der Anwohner wuchs in nur
       drei Jahren von 30 000 auf 80 000", erzählt Edward Weiner, Architekt und
       Vertreter der örtlichen Handelskammer. "Wir haben einfach die blinde Gier
       der Banken unterschätzt. Sie dachten, sie könnten hier das große Geld
       machen. Dazu kamen noch die Spekulanten aus aller Welt, von Brooklyn über
       Venezuela bis Deutschland. Und jetzt lassen sie die Bausubstanz verrotten.
       Von den 10 000 Häusern, die damals auf die grüne Wiese gesetzt wurden,
       waren 2 000 überhaupt nie bewohnt. Inzwischen sind die Banken bei der
       Kreditvergabe wieder vorsichtiger. Und setzen alle, die ihre Hypotheken
       nicht mehr bedienen können, sofort auf die Straße. Dabei schneiden sie sich
       nur ins eigene Fleisch, denn natürlich fällt mit jeder Zwangsräumung auch
       der Wert der umliegenden Häuser. Die Banken nehmen ihren Kunden die Häuser
       weg, obwohl sie genau wissen, dass sich die gepfändeten Immobilien nicht
       wieder verkaufen lassen."
       
       Ein Haus, das 2004 für 300 000 Dollar den Besitzer wechselte, findet heute
       selbst für unter 100 000 kaum einen Käufer. Der Optimist Edward Weiner hat
       festgestellt, dass die Zahl der Zwangsräumungen im März dieses Jahres (2
       100) etwas geringer ausfiel als im Februar (2 300). "Es dauert höchstens
       noch eineinhalb Jahre, bis es wieder aufwärtsgeht", versichert er. Doch
       unterdessen gehen in der Region tausende Arbeitsplätze verloren. Die
       Arbeitslosigkeit ist in den vergangenen zwei Jahren von 3,5 auf 12 Prozent
       gestiegen.
       
       Lehigh Acres war einmal ein typisch amerikanischer Mittelschichts-Vorort:
       Eine endlos scheinende Reihe von Einfamilienhäusern auf weitläufigen,
       sichtgeschützten Grundstücken. Auf den kilometerlangen Straßen, deren
       Monotonie nur ab und zu von einem Einkaufszentrum, einer Kirche oder dem
       mittlerweile heruntergekommenen Golfplatz unterbrochen wird, sieht man
       keine Fußgänger. "Die verlassenen Häuser sind perfekt", erklärt Tom. "Bei
       meinem Onkel haben sie nicht einmal den Strom abgestellt. Die Bank kann die
       Hütte ohnehin nicht verkaufen. Warum soll man sie nutzlos verfallen lassen?
       Ich schaue ab und zu vorbei, ob auch alles in Ordnung ist. Und für den
       Fall, dass doch mal die Bullen kommen, hinterlasse ich hier keine Spuren."
       
       Die Umwandlung der zwangsgeräumten Häuser in illegale Treibhäuser macht den
       Behörden ordentlich zu schaffen. Im vergangenen Jahr hat die Polizei von
       Lehigh Acres mehr als 3 000 Hanfpflanzen im Wert von insgesamt fast 7
       Millionen Dollar konfisziert. Aber sie kann nicht jedes der rund 1 500 leer
       stehenden Häuser auf einem Terrain durchsuchen, das viermal so groß ist wie
       Manhattan.
       
       Für Polizeileutnant Richard O. Dobson ist der Fall klar: "Die Häuser haben
       70 Prozent ihres Werts verloren - eine günstige Gelegenheit für die
       kubanischen Banden aus Miami, sie aufzukaufen, um hier ihr Cannabis
       anzubauen. Jede Woche erwischen wir jemanden beim illegalen Anbau. Wir
       haben schon über hundert Häuser zugemauert. Aber wir können eben nicht
       überall gleichzeitig sein." Fragt man Tom, was er von Dobsons Aussage hält,
       so zuckt er nur mit den Schultern. "Die Polizei schiebt gern den Latinos
       alles in die Schuhe. Es stimmt schon, dass die keine halben Sachen machen,
       wenn sie einmal etwas anpacken. Aber ich kenne genug Leute hier aus der
       Gegend, die auch im Geschäft mitmischen. Gefährlich ist es schon, aber
       unsereiner fällt dabei nicht so schnell auf wie ein Kubaner aus der Stadt."
       
       Die Polizei bittet inzwischen die Bürger von Lehigh Acres um Mithilfe beim
       Kampf gegen den Hanfanbau und hat zu diesem Zweck ein Programm ins Leben
       gerufen: "Weed and Seed" (Gras und Saat). "Gras" stehe natürlich für die
       Drogenheinis, knurrt Oberleutnant Dobson: "Und die "Saat" verweist auf das
       Gemeinschaftsstiftende. Dafür verteilen wir hier Nahrungsmittel und
       Kleidung", erklärt er. "Und bei dieser Gelegenheit sprechen wir die Leute
       an und bitten sie, uns anzurufen, wann immer ihnen etwas Verdächtiges
       auffällt." Tom hat dafür kaum mehr als Spott übrig.
       
       "Die wollen hier aufräumen, indem sie mit Gratis-Erdnussbutter die Leute zu
       Denunzianten machen", sagt er und begutachtet seine Hanfblüten. "Aber wer
       nichts mehr hat, der muss sich irgendwie selbst helfen. Vielleicht haben
       meine Eltern Glück und sie dürfen ihr Haus behalten, weil meine Mutter
       ihren Job noch hat. Aber sie sind völlig abgebrannt, und sie wissen, dass
       sie mir kein Studium finanzieren können. Wenn ich nach der Schule
       weiterkommen will, habe ich nur die Wahl zwischen Gras oder Militärdienst.
       Ich hab mich fürs Gras entschieden."
       
       Die Söhne einer Nachbarin haben die andere Wahl getroffen: Der eine ist zu
       den Marines gegangen, der andere zur Navy. Die gerahmten Fotos der beiden
       stehen auf dem Büroschreibtisch ihrer Mutter Pamela Kaye. Die
       stellvertretende Leiterin der städtischen Fürsorge (Lehigh Community
       Services) ist "stolz auf ihre Jungs": "Sie mussten auf jeden Fall weg von
       hier. Seit alle unsere direkten Nachbarn auf die Straße gesetzt wurden,
       fühlen wir uns zu Hause nicht mehr sicher. Mein Mann hätte sich längst ein
       Gewehr zugelegt, aber ich will keine Waffen im Haus."
       
       Kein Strom, kein Wasser 
       
       Pamela Kaye organisiert die Lebensmittelhilfe im Rahmen von Weed and Seed.
       Verteilt werden hauptsächlich H-Milch, Marmelade, Nudeln, Reis und
       natürlich Erdnussbutter ("sehr nahrhaft"). Von Oktober 2008 bis April 2009
       haben Kaye und ihre Mitarbeiter 1 245 Familien mit haltbarer Nahrung
       versorgt: "Manche haben nicht einmal mehr Wasser und Strom. Wer sein Haus
       verloren hat, der schläft meist im Auto oder bei Verwandten, oder er
       verschwindet, und wir wissen nicht, wohin. Wir haben keine
       Obdachlosenunterkünfte in Lehigh Acres. Wir helfen zwar, wo wir können,
       aber wir haben keine eigenen Mittel. Verteilen können wir nur, was wir an
       Spenden erhalten, und auch das nur, wenn wir freiwillige Helfer finden."
       
       Die Steuereinnahmen der Gemeinde sind 2008 um fast die Hälfte eingebrochen.
       Die Behörden appellieren an die Mildtätigkeit der Kirchen und die lokale
       Prominenz. Im kleinen Wartesaal des Fürsorgeamts vertreibt sich ein
       untersetzter Fünfzigjähriger mit sonnengegerbtem Gesicht die Zeit, indem er
       die ausgelegten Faltblätter von vorne bis hinten durchliest. Jimmy hat 27
       Jahre als Klempner gearbeitet und wurde vor einer Woche entlassen. Er ist
       zum ersten Mal hier, um sich Lebensmittel abzuholen.
       
       "Mein Haus habe ich selbst gebaut. Das nimmt mir keiner weg", sagt er.
       "Aber ich bin trotzdem hoch verschuldet, weil ich mir Geld leihen musste,
       um ältere Schulden abzahlen zu können. Von 2002 bis 2004 hat sich der Wert
       meines Grundstücks verdreifacht. Heute ist es gar nichts mehr wert. Zu
       viele Leute haben an das große Geschäft geglaubt: die Stadtverwaltung, die
       Makler, die Banken. Dann hat uns die Krise mit voller Wucht getroffen. Von
       einem Tag auf den anderen war alles vorbei."
       
       Und was ist mit Obamas Konjunkturpaket? Verpflichtet es nicht die Banken,
       die Darlehenskonditionen mit überschuldeten Haushalten neuzuverhandeln?
       Jimmy: "Das funktioniert nur, wenn man ein Einkommen vorweisen kann. Wer
       nichts hat, bekommt auch nichts." Pamela Kaye bestätigt das: "Bei
       denjenigen, die zu uns kommen, war keine Bank zu einer Umschuldung bereit.
       Und dann wundern sie sich, dass die Leute ihre Wut an den Häusern
       auslassen. Unsere Nachbarn haben das auch gemacht, und ich kann es ihnen
       nicht verübeln."
       
       Eine kubanische Mutter betritt den Wartesaal. Es ist ihr anzusehen, dass
       sie sich schämt. Draußen warten ihr Mann und zwei Kinder im Auto. Auf der
       Heckscheibe klebt ein Zettel: "Zu verkaufen". "In deren Haut möchte ich
       nicht stecken", sagt Kaye. "Wenn man sein Haus verliert, kann man
       wenigstens noch im Auto schlafen. Aber wer nicht einmal mehr ein Auto hat,
       ist verloren. Die Entfernungen sind enorm, und Busse fahren so gut wie
       nie." Ein Besuch beim Gebrauchtwagenhändler Plattners am Abrams Boulevard
       bestätigt, dass die kubanische Familie kein Einzelfall ist. "Bei uns stehen
       hunderte Autos auf Halde", berichtet ein Verkäufer, "kaufen will keiner."
       
       Der Schüler, der Polizist, der Architekt, der Handwerker ohne Arbeit und
       die Sozialarbeiterin ohne Budget sind sich trotz allem in einem Punkt
       einig: Schlimmer kann die Krise nicht werden. Schon bald wird es wieder
       aufwärtsgehen. Jimmy ist da ganz sicher: "Florida ist ein dynamischer
       Staat. Alles nur eine Frage der Zeit, bis die Wirtschaft wieder wächst.
       Außerdem habe ich sowieso keine Wahl. Von meiner Rente werde ich eh nicht
       leben können." Polizeileutnant Dobson ist ebenfalls "zuversichtlich, dass
       es im Baugewerbe bald wieder aufwärtsgeht". Ohnehin gebe es bereits "erste
       Anzeichen der Besserung". Darüber kann Tom nur lachen: "In ein paar Monaten
       habe ich woanders einen Job gefunden, und dann baue ich nur noch für mich
       selbst an."
       
       In der Immobilienbranche richtet sich inzwischen eine wachsende Zahl von
       Maklern explizit nur noch an europäische Kunden: "US-Immobilienkrise: Jetzt
       ist einer der besten Zeitpunkte, Ihre Traumimmobilie zu erwerben!", heißt
       es zum Beispiel auf einem dunkelgrün unterlegten Banner auf
       [1][www.floridatraum.com]. Und die französische Site [2][capfloride.com]
       lockt gleich auf ihrer Startseite mit großem Pop-up-Foto: "Ein Haus in
       Florida mit Pool? Dieser Traum rückt jetzt schon ab 20 000 Euro Anzahlung
       in greifbare Nähe."
       
       Die Immobilienmaklerin Brigitte Bénichay profitiert insofern von der Krise,
       als sie etliche Konkurrenten aus dem Feld schlug. Die Pariser
       Betriebswirtin lebt seit 20 Jahren in Miami, ihr Maklerbüro "Rich Homes of
       Florida" sei das "erste US-amerikanische Immobilienunternehmen in
       französischer Hand", sagt sie: "Vor fünf Jahren konnte wirklich jeder hier
       Häuser verkaufen. Die Leute standen schon um fünf Uhr morgens Schlange,
       weil sie sich für eine bestimmte Wohnung interessierten. Die Preise gingen
       durch die Decke, und teilweise wurden 6 000 Dollar pro Quadratmeter
       bezahlt. Damals wollten alle Franzosen in Miami Immobilienmakler werden.
       Außerdem ist es in den USA sehr einfach, ein Maklerbüro zu eröffnen. Man
       muss nur einen kleinen Multiple-Choice-Test machen. Natürlich wird da viel
       Missbrauch getrieben. Einer meiner Kollegen hat sich mit einer Schuldenlast
       von 40 Millionen Dollar vom Acker gemacht. Wenn man an solche Fälle denkt,
       hat die Krise auch eine reinigende Wirkung."
       
       Zwar verdiene sie jetzt etwas weniger Geld als auf dem Höhepunkt des Booms,
       erzählt Bénichay auf der Terrasse eines Cafés in South Beach, Miamis
       Neureichenviertel. Aber sie beklagt sich nicht. "Wir kommen gut zurecht.
       Heute Morgen habe ich für 400 000 Dollar eine Wohnung verkauft, die vor
       zwei Jahren noch 1,2 Millionen Dollar gekostet hat. Und damals kamen pro
       Tag zwei Besucher auf meine Website, heute sind es 500." An Rich Homes of
       Florida wenden sich ausschließlich französische Kunden, und es sind längst
       nicht mehr nur Unternehmer oder leitende Angestellte. "Jeden Tag bekomme
       ich Mails von Rentnern oder kleinen Geschäftsleuten, die weniger als 150
       000 Dollar anlegen wollen. Ich hatte noch nie so viele arme Kunden", sagt
       sie und lacht laut. "Ja, Florida ist für viele immer noch der große Traum."
       
       Genau wie die Fondsmanager wohlhabender Kunden kann die Chefin von Rich
       Homes of Florida zuversichtlich in die Zukunft blicken. "Seit Beginn der
       Krise wurden in den USA insgesamt 1,7 Millionen Häuser gepfändet, und man
       kann davon ausgehen, dass das noch bis 2012 so weitergeht." Und außerdem
       sind die steuerlichen Rahmenbedingungen ebenfalls ausgesprochen sonnig,
       denn "hier ist es ganz legal, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu
       bereichern", so dass Brigitte Bénichay von den Einkünften ihrer Firma
       ziemlich gut lebt, "ohne einen Cent Steuern zu zahlen". Kein Wunder, dass
       ihr gefällt, was sie als amerikanische Mentalität bezeichnet: "Die
       Amerikaner haben eine philosophischere Lebenseinstellung als wir. Sie
       kleben nicht so an den Dingen. Wenn jemandem sein Haus gepfändet wird,
       finden es alle normal, dass andere davon profitieren. ,I pay my bill, thats
       it', sagt man hier - ,ich zahle meine Rechnung, und damit hat sichs.'"
       
       Beim Auszug möglichst viel zerstören 
       
       Offensichtlich gibt es aber auch in Miami Leute, die sich mit der Situation
       nicht einfach abfinden wollen. In Liberty City, einem der ärmsten Viertel
       der Stadt und damit für die Maklerin Bénichay gänzlich uninteressant,
       besetzt seit einiger Zeit eine Gruppe, die sich "Take Back the Land" nennt,
       leer stehende Häuser und bringt darin obdachlose Familien unter. Bisher
       konnten auf diese Weise aber nur zehn Häuser auf Dauer in Beschlag genommen
       werden. Alles in allem ein schwieriges Unterfangen.
       
       "Erst einmal müssen wir Gebäude finden, die noch nicht allzu kaputt sind",
       sagt Max Rameau, Gründungsmitglied der Hausbesetzertruppe. "Die meisten
       Häuser wurden von den Besitzern bei ihrer Zwangsräumung verwüstet. Unsere
       Leute können zwar kleinere Reparaturen machen, den Strom wieder anschließen
       oder die vorgefundenen Haushaltsgeräte zum Laufen bringen. Aber wir haben
       gar nicht die Mittel für große Arbeiten. Die Polizei ist natürlich auch ein
       Problem, die sind hier in Miami besonders aggressiv drauf. Zum Glück haben
       die Bullen wegen der Krise alle Hände voll zu tun. Die haben gar keine Zeit
       oder Lust, Stunk zu machen. Sie wissen genau, dass die Leute im Viertel
       hinter uns stehen. Was sie jetzt wirklich nicht gebrauchen können, ist
       öffentlicher Aufruhr."
       
       Rameaus Eltern kommen aus Haiti, er hat Frantz Fanon gelesen und ist
       Anhänger der Black Panthers. Max findet es fast gut, dass es zu dieser
       Krise kam, denn sie hat zumindest in seinem Viertel die Gier nach
       Immobilien vorläufig gedämpft. Auf ihrem Höhepunkt Anfang 2000 hatte sie
       nicht einmal Liberty City verschont - trotz seiner Crackdealer-Szene und
       der maroden Straßen.
       
       Übrig gelassen hat der Boom eine umzäunte Brache an der 17th Avenue Ecke
       62st Street. "2006 wollte die Gemeinde dieses Stück Land an einen Bauträger
       verkaufen. Es sollte gehobener Wohnraum entstehen. Das war ein weiterer
       Mosaikstein der Gentrifizierung, die das Viertel hier seit den
       1990er-Jahren Straße um Straße zerstört hat. Genauso lief es in vielen
       anderen Schwarzenvierteln in den USA. Die Bauherren kommen und kaufen
       billig, dann machen sie alles platt und bauen teure Eigentumswohnungen.
       Natürlich fangen sie damit nicht im Zentrum des Viertels an, sondern an den
       Rändern. Und so ist Liberty City immer kleiner geworden, und umringt von
       Zugezogenen, die meistens zur schwarzen oder auch zur weißen Mittelschicht
       gehören. Wir haben Take Back the Land gegründet, um diese Art von
       Enteignung zu bekämpfen."
       
       Was dann geschah, gehört heute in die Annalen von Liberty City und ebenso
       in die Geschichte des zivilen Ungehorsams. Am 23. Oktober 2006 besetzten
       die Aktivisten das besagte Brachgrundstück, um darauf Holzhütten für
       Bedürftige aus der Nachbarschaft zu errichten. "Zuerst haben wir
       öffentliche Vollversammlungen organisiert, um die Anwohner zu informieren
       und zu überzeugen. Die meisten waren nämlich am Anfang äußerst skeptisch",
       erzählt Rameau. "Dann sind wir von Tür zu Tür gegangen, um die Aktion
       vorzubereiten. Als es dann so weit war und alle gesehen haben, dass wir es
       ernst meinen, haben viele mit angepackt und uns unterstützt. Deshalb hat
       die Stadt das Gelände auch nicht räumen lassen."
       
       Nach dem Vorbild der brasilianischen Landlosenbewegung MST entstand ein
       selbst verwaltetes Wohnprojekt. Das "Dorf" tauften sie Umoja (Suaheli für
       "Einheit"), und es bestand immerhin sechs Monate. Dann wurde es eines
       Nachts im April 2007 durch Brandstiftung zerstört. "Gleich am nächsten Tag
       haben die Planierraupen alles niedergewalzt, was noch stand. Eine
       polizeiliche Untersuchung hat es nie gegeben."(2)
       
       Inzwischen braucht es keinerlei organisierten Widerstand mehr, um den
       Vormarsch der Baulöwen aufzuhalten. "Die haben jetzt andere Probleme. In
       Liberty City werden wir die so bald nicht wiedersehen", vermutet Rameau.
       Doch er wundert sich schon darüber, dass die massenhaften
       Zwangsversteigerungen der vergangenen Monate nicht massiveren öffentlichen
       Protest hervorgerufen haben. Viele Amerikaner, und beileibe nicht nur
       Immobilienmakler, scheint allein die Vorstellung, man könnte der Bank das
       eigene gepfändete Haus einfach wieder wegzunehmen, mental zu überfordern.
       Auf Rameaus Blog landen immer wieder erboste Leserkommentare: "Was fällt
       euch eigentlich ein, Häuser zu besetzen, die euch gar nicht gehören!",
       empört sich einer. "Wieso geht ihr nicht gleich in ein Hotel und fordert,
       dass man euch umsonst da wohnen lässt?"
       
       "Wir vergreifen uns am Tabu des Eigentums", seufzt der Sprecher von Take
       Back the Land. "Das ist in diesem Land keine Kleinigkeit. Es ist schon
       seltsam, dass die meisten Leute es anscheinend normal finden, das eigene
       Haus komplett zu verwüsten, wenn die Bank kommt und es einem wegnimmt. Aber
       dass man ein Haus wieder in Schuss bringt, um einer Familie ein Dach über
       dem Kopf zu verschaffen, das geht anscheinend gar nicht."
       
       Dennoch ist Max Rameau optimistisch, allerdings nicht aus denselben Gründen
       wie Immobilientycoon Donald Trump: "Wir haben schon erste Nachahmer in
       Portland, Denver und auch in kalifornischen Städten. Wir sind noch nur
       wenige, aber die Leute haben gar keine andere Wahl, als an einem Strang zu
       ziehen. Das wird für viele zu einer Frage des Überlebens. Vielleicht dauert
       es noch zehn Jahre, aber ich bin ganz sicher, dass uns große
       gesellschaftliche Veränderungen bevorstehen."
       
       (1) Vgl. Max Rameaus Erfahrungsbericht, "Take Back the Land. Land
       Gentrification and the Umoja Village Shantytown", Miami (Nia Press) 2008.
       Aus dem Französischen von Herwig Engelmann
       
       13 Aug 2009
       
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