# taz.de -- Abschied von "Emergency Room": Am Puls der Zeit
> Nach 16 Jahren stirbt "Emergency Room" am Mittwoch auch im deutschen
> Fernsehen. Neben Zwischenmenschlichem setzte die US-Arztserie einen
> starken Fokus auf aktuelle politische Themen.
(IMG) Bild: Die Stars aus der ER-Serie: George Clooney (L) Anthony Edwards (M) und Noah Wyle (R).
Was hat man nicht alles gelernt in den 16 Jahren?! Dass ÄrztInnen erst mal
ein "großes Blutbild" zu nehmen haben, wenn jemand auf der Trage
eingeliefert wird. Dass Asystolie Herzstillstand bedeutet. Dass man über
nackte Fußsohlen streichen muss, um den "Babinski-Reflex" zu testen - weiß
der Teufel wieso.
"Emergency Room" ist nicht die Mutter, sondern die Kaiserin der
Krankenhausserien, ausgedacht vom US-Drehbuch- und Romanautor, Produzenten,
spinnertem Visionär und Wissenschaftler Michael Crichton, der 2008 an Krebs
starb und der als gebürtiger Chicagoer seine bereits 1974 geschriebene
Serienidee in einer fiktionalisierten Version des Chicagoer Krankenhauses
ansiedelte, in dem er selbst als Medizinstudent Babinski-Reflexe testete.
Das Charakteristische, das der Produktion 123 Nominierungen für den
wichtigsten US-Fernsehpreis, den Emmy, und 22-mal seinen Gewinn bescherte,
war den Geldgebern in den Siebzigern noch zu ungewöhnlich: viel zu viel
medizinisches Gequatsche und damit viel zu unverständlich. Außerdem würde
der große Cast für zusätzliche Verwirrung sorgen.
Eine Minute von "Emergency Room", vor allem wenn sie im "Traumaraum"
spielt, in dem Schwerverletzte nach der Einlieferung reanimiert werden
können, besteht aus zwei gegenüberliegenden Drehbuchseiten. Auf der einen
stehen die Dialoge der vielen DarstellerInnen, das ganze "Asystolie!"-,
"Laden auf 300, weg!"-, "Er ist tachykard!"-Gebrülle, all die medizinischen
Fachtermini. Auf der anderen Seite steht genau, was passiert: Ärztin C.
schlüpft in die sterilen Gummihandschuhe, Schwester H. spritzt etwas in den
Tropf, Chirurg B. untersucht die Schusswunde. In manchen Outtakes sieht man
die SchauspielerInnen an diesen ärztlich-professionellen Handlungen
versagen, sieht, wie das Handschuhanziehen bei Dr. Carter Minuten dauert
und die Szene unter allgemeinem Gelächter abgebrochen wird.
Crichton ließ nach der Ablehnung seiner Idee Jahre verstreichen, schrieb
das Drehbuch zu "Jurassic Park" und begann, mit Steven Spielberg zu
arbeiten. Der überredete Warner Brothers 1990 dazu, die Rechte am
ER-Drehbuch seines Freundes Crichton zu kaufen und einen Piloten damit zu
produzieren.
Vor der Erstausstrahlung von "Emergency Room" am 19. September 1994 war das
amerikanische Publikum bereits durch 26 andere Arztserien gestählt worden:
Der gut aussehende Schwiegermuttertraum "Dr. Kildare" (Richard Chamberlain)
hatte zur Primetime praktiziert, gegen "Dr. Marcus Welby" (Robert Young)
hatten homosexuelle AktivistInnen wegen einer Vermischung von
Homosexualität und Pädophilie erfolgreich demonstriert. Einen Tag vor der
ER-Erstausstrahlung war mit "Chicago Hope" sogar eine ähnliche Serie in
direkter Konkurrenz gestartet. 16 Jahre und 15 Staffeln bleiben trotzdem
unerreicht und machen ER zur am längsten laufenden Arztserie - und damit im
quotenhörigen US-Fernsehen auch zur erfolgreichsten.
Dabei sind die übrigen Zutaten, bis auf die Sorgfalt in den medizinischen
Beschreibungen und die bahnbrechende und leichtfüßige Kameraarbeit, die den
TV-Serien-Look nachhaltig veränderte, eigentlich die üblichen: Neben den
medizinischen Inhalten verlässt sich die Serie auf dramaturgisch dichte
Plots in 45 Minuten, die in parallel laufenden Handlungssträngen erzählt
werden. Wie bei vielen anderen Arztserien standen im Mittelpunkt der ersten
Staffeln zwei überdurchschnittlich begabte, charakterlich unterschiedliche,
aber befreundete Ärzte: der bindungsunwillige, unzuverlässige und Frauen
vernaschende Kinderarzt Dr. Doug Ross (George Clooney) und der
bodenständige und verheiratete Chefarzt Dr. Mark Greene (Anthony Edwards).
Parallel dazu wurde das schwierige Verhältnis zwischen einem tölpelhaften
Medizinstudenten aus gutem Hause namens John Carter (Noah Wyle) und seinem
arroganten Mentor, dem Chirurgen Peter Benton (Eriq La Salle), zum zweiten
Minenfeld, auf dem die ZuschauerInnen wöchentlich Streit, Versöhnung,
Betrug und Loyalität miterlebten.
Von Anfang an setzte ER jedoch zusätzlich einen starken Fokus auf aktuelle
Themen, die in der Serie regelmäßig fiktional gespiegelt wurden: Die
Leiterin der Notaufnahme, Dr. Kerry Weaver (Laura Innes), wird sich ihrer
Homosexualität über mehrere Episoden hinweg bewusst, über Freundinnen und
Kolleginnen erlebt sie jedoch immer wieder berufliche Benachteiligungen von
Schwulen und Lesben, sodass ihr Coming-out auf sich warten lässt. HIV am
Arbeitsplatz wird bei der Geschichte um die Physiotherapeutin Jeanie Boulet
(Gloria Reubens) zum Thema, die ihre Erkrankung an dem Virus zwar durch
Medikamente als erster Mensch im US-Fernsehuniversum gut in den Griff
bekommt und damit weiterlebt, jedoch unter Diskriminierungen von
KollegInnen leidet, ganz wie im richtigen Leben. Und gemischtrassige
Beziehungen leiden in der Serie unter den Problemen, die ihnen auch in der
realen Gesellschaft begegnen.
Eindrucksvoll haben sich die AutorInnen mit US-Kriegsschauplätzen
beschäftigt, und als einer der Ärzte, Dr. Michael Gallant (Sharif Atkins),
im Irak umkommt, wird sich seine am ER-Krankenhaus "County General"
zurückgebliebene Ehefrau Dr. Neela Rasgotra (Parminder Nagra) später
politisch ganz klar gegen die Entsendung von Truppen aussprechen. Mehrere
wichtige Episoden spielen zudem in Afrika, im Kongo und im Sudan, wo
ER-Ärzte während Bürgerkriegen und unter schlimmsten medizinischen
Bedingungen versuchen, den Flüchtlingen zu helfen. Permanent wird dabei
über die Afrikapolitik diskutiert.
In den letzten Jahren und mit sinkenden Quoten verließen sich die
DrehbuchautorInnen jedoch immer mehr auf das Zwischenmenschliche: Den
Erfolg von "Greys Anatomy" erklärte man sich mit den starken
Liebesgeschichten der Konkurrenzserie und versuchte, auch die Herzen der
ER-HeldInnen zum Klopfen zu bringen. Als Resultat wurden die meisten der
älteren und damit aus amerikanischer Sichtweise nicht so für die Liebe
geeigneten Charaktere aus dem Geschehen gekürzt. Die Serie, die einst von
angehenden ÄrztInnen auf der ganzen Welt als Lehrmaterial angesehen wurde,
verwässerte ins Dramatische: Man verliebte und betrog sich, heiratete und
verließ sich, bis die Quoten trotz hervorragender NebendarstellerInnen wie
Stanley Tucci als ER-Leiter, Dr. Kevin Moretti oder Angela Bassett als Dr.
Catherine Banfield, deren Adoptionsversuche wieder ein kontroverses Thema
beleuchten, am Boden waren und man die 15. zur letzten Staffel erklärte.
Personell hat man darin noch mal alles aufgefahren und sogar den einzigen
Superstar der ER-DarstellerInnen, George Clooney, zu einem groß
angekündigten, aber lahmen Gastauftritt überreden können.
Wenn also am Mittwoch die letzte ER-Folge in Deutschland ausgestrahlt wird,
die durch Downloads vielen Fans eh längst bekannt ist, hat sich die
Kaiserin der Arztserien endlich und viel zu spät vom Thron verabschiedet.
Denn den haben längst jüngere, innovativere Fernsehereignisse übernommen.
14 Aug 2009
## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
(DIR) Jenni Zylka
## TAGS
(DIR) Serien-Guide
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