# taz.de -- Widerstand gegen AKWs: Rückkehr der Anti-Atom-Veteranen
       
       > Es droht Schwarz-Gelb. Und die Anti-Atom-Bewegung lebt wieder. So starten
       > selbst aus entlegenen Winkeln der Republik Busse zur Anti-AKW- Demo.
       > Angeführt von Veteranen des Widerstands.
       
 (IMG) Bild: Zur Demo nach Berlin kommen auch die ganz erfahrenen Anti-Atomkraftler.
       
       "Man muss sich wieder outen", sagt Rainer Bethlehem, "man muss öffentlich
       kundtun: Da mache ich nicht mit." Deswegen flattert seit kurzem eine Fahne
       am Giebel seines Backsteinhäuschens, und auch auf der Kühlerhaube seines
       Autos prangt wieder die rot-gelbe Sonne, pfannkuchengroß: "Atomkraft? Nein
       danke!"
       
       Isselhorst, ein Vorort von Gütersloh, zählt 4.500 Bürger. Neubauviertel
       drücken sich in die Felder, an die 40 Prozent wählen CDU. Nicht gerade eine
       Hochburg der Anti-Atom-Bewegung. Aber am Samstag, zur großen Demonstration
       in Berlin, wird auch ein Bus aus Isselhorst anrollen.
       
       Und weil die Plätze nicht ausreichen für all die Interessenten, fahren noch
       zwei Hand voll im Bus aus Vlotho mit. Und in Lippe, 50 Kilometer weiter,
       startet ebenfalls ein Bus. All das geschieht, weil Rainer Bethlehem,
       Fachkrankenpfleger für psychiatrische Pflege, drei Kinder und drei Enkel,
       wieder aktiv geworden ist.
       
       Im Sommer 2008 vermeldeten Meinungsforscher, die Abneigung der Bevölkerung
       gegen Atomkraft schwinde. Die Stromkonzerne machten keinen Hehl mehr
       daraus, dass sie den "Konsens" von 2000 platzen lassen wollen. CDU und FDP
       applaudierten. Bethlehem registrierte diese Entwicklungen mit wachsendem
       Unmut.
       
       "Es geht wieder in eine Richtung, die ich nicht will." Er sagt das mit
       Nachdruck. Es ist kein belangloses Detail, es kommt nicht nur vom Kopf her.
       Es ist eine Herzensangelegenheit. So wie vor 30 Jahren.
       
       Vielen geht es ähnlich. Peter Weymar etwa, Dokumentarfilmer und Blechbläser
       aus Hamburg. Mit seinem Instrument in der Hand musste er 1981 in Brokdorf
       vor den Tränengasschwaden fliehen, ein matschiger Graben kam dazwischen,
       ein Schuh blieb stecken, die Trompete überlebte. Aber aufgespielt gegen
       Atomkraft hat Weymar schon lange nicht mehr: "Mein Engagement hat sich auf
       andere Themen gerichtet."
       
       Der Asse-Skandal, die Krümmel-Störfälle, die Gorleben-Lügen - das hat ihn
       wieder wachgerüttelt. Weymar ist jetzt 63, aber "meine
       Entrüstungsfähigkeit, die habe ich mir bewahrt". Eine neue Bundesregierung,
       fürchtet er, könnte "die bisherigen Mini-Erfolge wieder zunichte machen".
       Es sei "dringender denn je, wieder aktiv zu werden".
       
       Zusammen mit einem Dutzend Hamburger UnternehmerInnen hat Weymar einen
       dicken Tank Diesel gespendet - Treibstoff für ein paar der über hundert
       Trecker, die seit dem Wochenende aus dem Wendland nach Berlin rollen. Der
       Samstag wird für Weymar die erste Anti-Atom-Demo seit vielen Jahren wieder
       sein. Er hat Freunde gefragt, ob sie mitkommen. Das Auto war schnell voll.
       
       Im Frühjahr 1980 campierte Rainer Bethlehem drei Wochen auf einer
       Waldbrandfläche bei Gorleben. Er zimmerte Hütten aus Totholz und deckte
       Teerpappe darüber. Er trug lange Haare wie alle. Am Wochenende brachten
       alte Bäuerinnen Essen.
       
       Auch sie wollten kein Atommüll-Endlager im Salz. Nie wieder war
       Gemeinschaft, die "gelebte andere Welt", so spürbar, sagt Bethlehem: "Das
       prägt." Dann walzten Bulldozer die "Republik Freies Wendland" nieder.
       
       Bethlehems Anti-Atom-Engagement schlief Ende der 80er ein, seine
       Anti-Atom-Gruppe löste sich auf. Mit dem rot-grünen "Atomkonsens" war das
       Thema für ihn durch: Das Ende schien ja absehbar. Der korpulente
       Krankenpfleger schüttelt seinen weißen Bart: "So kann man sich irren."
       
       Die Arbeit an der besseren Welt hat Bethlehem nie aufgegeben. Was könnte
       das eindrücklicher zeigen als dieser Hektar Wiese, den er vom elterlichen
       Hof geerbt hat? Bäume und Hecken und unzählige Nistmöglichkeiten haben sie
       in ein Streuobstparadies verwandelt, samt "Naturschule" im Bauwagen.
       Biologen sprechen vom "Trittsteinbiotop von überregionaler Bedeutung", die
       wohl größte Feldsperlingpopulation Nordrhein-Westfalens siedelt hier.
       
       "Es kommt darauf an, die richtigen Bedingungen zu schaffen", erläutert
       Bethlehem. Der Erfolg stellt sich dann von alleine ein. Das ist im Garten
       so und auch beim Kampf gegen Atomkraft. Deswegen die Idee mit dem Bus.
       
       Die Nachrichten der vergangenen Wochen taten ein Übriges. Auf dem Speicher
       hat Bethlehem eine Kiste mit 30 Jahre alten Aufklebern und Plakaten
       gefunden - "alles wieder aktuell". Einen der Linoldrucke hat er an seine
       Hauswand gepinnt, Trecker im Konvoi mit Protestschildern sind darauf zu
       sehen und eine Sprengkugel mit Atomzeichen, "Gorleben" steht darüber. Seit
       Bethlehem vor fünf Wochen das mit dem Bus in die Hand genommen hat, ist
       sein Widerstandsgeist wieder voll erwacht: "Es ist tatsächlich so, als wäre
       kein Tag vergangen."
       
       Bethlehem, der Platzbesetzer vom Bohrloch 1004, hat alte Adressen
       ausgekramt, hat FreundInnen und Mitstreiter von damals kontaktiert, hat
       Nachbarn und KollegInnen und Verbände gefragt. Er hat einen Busfahrer
       aufgetrieben, der die Sache unterstützt, und einen Sponsor, der ein
       bisschen Geld zuschießt.
       
       "Wir sind doch ein riesiges Netzwerk", sagt er: "Das müssen wir wieder
       entwickeln." Die Hälfte der Plätze haben Leute unter 25 gebucht, von der
       Grünen Jugend, von der Attac-Ortsgruppe, Zivis von der Biologiestation. Die
       älteste Mitreisende ist über 70. Bethlehem hat ihr einen Rollator
       organisiert.
       
       Er hat Infomaterial, Aufkleber und Plakate verteilt, und neulich haben sie
       einen alten Trecker geschmückt, hintendrauf Atommüll-Tonnen, vornedran
       gelbe Harken, zum X gekreuzt. 15 Leute halfen auf der Apfelwiese beim
       Transparentemalen, um ein Haar wäre sogar das Fernsehen vorbeigekommen. Mit
       dem geschmückten Deutz ist Bethlehem dann zum SPD-Ortsfest gefahren, das
       gab ein paar Diskussionen. Am Ende waren wieder zwei Busfahrkarten weg.
       "Die Demo am 5. 9.", sagt er, "ist erst der Auftakt."
       
       Wackersdorf, Dezember 1985: Die Wiederaufarbeitungsanlage, in Niedersachsen
       politisch nicht durchsetzbar, soll jetzt im Taxöldener Forst entstehen.
       AtomkraftgegnerInnen halten Wache am Lagerfeuer. Gisela Wendling-Lenz kann
       sich noch gut erinnern an die bitterkalten Nächte, an die weißen Helme der
       Polizisten im Wald.
       
       An das Gefühl der totalen Ohnmacht gegen Staat und Atomindustrie. Und an
       den Versuch, dieses Gefühl mit großen Demonstrationen zu relativieren.
       Wendling-Lenz hat schon in Wyhl demonstriert, in Gorleben und Brokdorf. Das
       AKW Wyhl wurde nicht gebaut, die WAA blieb eine Bauruine. Bankkauffrau
       Wendling-Lenz wurde Unternehmerin.
       
       "Die Menschen fragten immer: ,Woher kommt denn bei euch der Strom?' Und wir
       sagten: ,Sonne, Wind, Wasser.' Ich wollte zeigen, dass das geht." Die
       Ostwind-Gruppe, gegründet von Wendling-Lenz und ihrem Mann, hat inzwischen
       400 Windkraftanlagen mit der Gesamtleistung eines kleineren AKW
       installiert, weitere 1.000 Megawatt stehen auf dem Plan.
       
       Das Regensburger Unternehmen gehört zu den Windkraft-Pionieren in
       Frankreich und Tschechien. Und vor der Haustür hat Ostwind gerade einen 140
       Meter hohen Messmast in Betrieb genommen. In diesen Höhen, so die Prognose,
       lässt sich selbst im hügeligen Bayern kräftig Windstrom gewinnen. Die
       Energiedebatte im Freistaat könnte das noch kräftig durcheinanderwirbeln.
       
       Wendling-Lenz Ziel ist eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien. Sie
       weiß, dass dafür auch politische Entscheidungen nötig sind. Längere
       Laufzeiten für Atomkraftwerke etwa, warnt sie, würden den Boom der
       Öko-Energien kräftig ausbremsen. Die ganze Innovation, der Aufbruch, die
       riesige, auch wirtschaftliche Chance, "das geht dann flöten".
       
       70 IngenieurInnen, TechnikerInnen und Kaufleute beschäftigt Ostwind. Zur
       Demo am Samstag hat Wendling-Lenz eine gemeinsame Fahrt nach Berlin
       organisiert. Selbstverständlich wird auch sie mit auf die Straße gehen: "An
       den Gefahren der Atomkraft hat sich doch überhaupt nichts geändert."
       
       Die Busfahrt von Isselhorst nach Berlin dauert fünf Stunden. Viel Zeit, um
       Pläne zu schmieden. Rainer Bethlehem träumt von einem Biomasse-Kraftwerk,
       das die heimischen Agrarabfälle verwertet, vom Umstieg der Stadtwerke auf
       Ökostrom. Die nächste Anti-Atom-Demo in Gütersloh ist bereits abgemacht.
       Der politische Druck, Atomkraftwerke abzuschalten, soll nach der
       Bundestagswahl nicht abnehmen. "Rechnet mit uns!", sagt Bethlehem. Er meint
       es ernst.
       
       3 Sep 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Armin Simon
       
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