# taz.de -- Interview mit dem Bezirksamtsleiter Mitte, Markus Schreiber: "Fast alle können dort bleiben"
       
       > Markus Schreiber, Chef des Bezirksamts Mitte, über die
       > Verdrängungsprozesse in St. Pauli - und über die guten Absichten der
       > Investoren des Bernhard-Nocht-Quartiers.
       
 (IMG) Bild: Die Bewohner werden hier wohnen bleiben dürfen, sagt Markus Schreiber.
       
       taz: Derzeit entsteht in Hamburg ein Bündnis aus Künstlern und Einwohnern,
       das für bezahlbare Mieten und gegen soziale Vertreibungen kämpft. Seit
       Wochen halten Künstler das Gängeviertel besetzt. Die Bevölkerung ist
       begeistert - und Sie? 
       
       Markus Schreiber: Ich habe Sympathien für die Künstler. Das sind die
       rechtstreuesten Hausbesetzer, die ich je getroffen habe. Hätte ich denen am
       ersten Tag gesagt: "Leute, ihr müsst hier raus, aber vorher bitte noch
       fegen", dann hätten die das gemacht. In der Hafenstraße hätte ich damals
       einen Eimer Wasser auf den Kopf bekommen. Aber die sind inzwischen dort ja
       ergraut. Ich glaube, das wird gerade ein Seniorenstift.
       
       Was wäre Ihre Lieblingslösung für Viertel und Künstler? 
       
       Ich wollte das Viertel immer als altes Stück Hamburg erhalten, denn so viel
       gibt es davon nicht mehr. Sollten die Künstler das hinbekommen, dann muss
       ich neidlos anerkennen, dass sie mehr geschafft haben als wir. Ich kann mir
       auch vorstellen, dass wir ihnen bezahlbare Ateliers zur Verfügung stellen -
       aber ich frage mich: Wo kann man eigentlich Kunst machen? Ist es wichtig,
       dass das in der Nähe St. Paulis passiert? Oder geht das in Wilhelmsburg
       auch? Dort bieten wir gerade Künstlerräume an - aber da will kein Schwein
       hin.
       
       Warum gerade Wilhelmsburg? 
       
       Weil wir dort eine Internationale Bauausstellung vorhaben, und da soll
       etwas vorgezeigt werden. Wir wollen die Künstler nutzen, um eine Atmosphäre
       zu schaffen. Die Künstler kommen zuerst, dann wird der Stadtteil
       aufgewertet. Gentrifiziert. Die sind die Vorhut.
       
       Es geht darum, mit einer gezielten Künstlerinjektion den Stadtteil zu
       verändern. 
       
       Klar. Das wollen die Künstler wohl nicht: einen Stadtteil aufwerten - aber
       sie tun es.
       
       Was wertet Wilhelmsburg ab? 
       
       Das hat viel mit Dreck zu tun. Damit, wie die Häuser und der öffentliche
       Raum aussehen. Die Ausstellung wird Wilhelmsburg verändern - und weil der
       Wohnungsbestand stark öffentlich gefördert ist, gelingt es hoffentlich,
       dass die Mieten nicht explodieren. Wir wollen den Stadtteil verändern, ohne
       die Bewohner zu verdrängen. Die Menschen, die mit ihren Kindern dort
       wohnen, sollen über Bildung qualifiziert werden. Damit sie höhere
       Bildungsabschlüsse bekommen und sich dann die Wohnungen weiter leisten
       können, die vielleicht ein wenig teurer werden.
       
       Auf St. Pauli hat das nicht funktioniert. Dort sind die Mieten inzwischen
       so hoch … 
       
       … wie in Eppendorf, ja. Sich dagegen zu wehren, dass Stadtteile aufgewertet
       werden, ist schwer. Und ich kann nicht sagen, dass der Bezirk daran
       vollkommen unschuldig ist. Wir wollen, dass St. Pauli schöner und
       interessanter wird. Aber wir versuchen dabei, sicher zu stellen, dass die
       Bevölkerung nicht ausgetauscht wird.
       
       Aber das passiert gerade. 
       
       Städte sind lebende Organismen: Wenn sich an der einen Stelle etwas ändert,
       dann gibt es an einer anderen etwas Neues. Leute, die mehr Geld haben und
       trotzdem nach St. Pauli ziehen, machen das, weil es so bunt ist. Ein
       bisschen rumpelig, verrucht, dreckig, kreativ. Aber wenn sie nach ein paar
       Jahren nur noch Journalisten und Werbetexter treffen, ist es nicht mehr
       spannend. Ich treffe Leute, die als Student nach St. Georg gezogen sind,
       dann ihren Abschluss gemacht haben und nun sagen, das Viertel dürfe sich
       nicht mehr verändern - nachdem sie selbst damals die Werftarbeiter
       vertrieben haben. Das finde ich falsch.
       
       Können Sie verstehen, dass Menschen um ihren Kiez kämpfen - wie derzeit die
       Bewohner der Bernhard-Nocht-Straße? 
       
       Dort haben sich Investoren wie Osmani jahrelang einen Scheißdreck um die
       Immobilien gekümmert. Jetzt gehören sie Köhler & von Bargen, und die
       Bewohner fragen sich verständlicherweise, ob sie dort wohnen bleiben
       können. Doch das werden sie: Der Investor wird, so hat er es uns erzählt,
       heute verkünden, dass fast alle in ihren Wohnungen bleiben können. Ohne
       Mieterhöhung. Bis auf die Bewohner eines Hauses neben der "Kogge", das
       abgerissen wird. Denen werden Wohnungen auf St. Pauli zu entsprechenden
       Mieten angeboten - es ist nicht so, dass alle nach Jenfeld ziehen müssen.
       Haben Sie den Film "Empire St. Pauli" gesehen?
       
       Ja. 
       
       Da wird einiges übertrieben - aber da ist auch etwas dran. Das Gefühl, dass
       man St. Pauli nicht beliebig machen darf, das teile ich. Danach haben wir
       auch die soziale Erhaltensverordnung erlassen. Und deswegen soll das "Mojo"
       in die "Tanzenden Türme" an der Reeperbahn reinkommen. Damit da etwas ist,
       das mit St. Pauli zu tun hat - bevor es sich oben von St. Pauli entfernt.
       
       Und gegenüber stehen die Büros im Millerntor-Hochhaus leer. 
       
       Kein Wunder, sieht ja auch bescheuert aus. Wir wollten damals, dass da
       nicht so hoch gebaut wird - und dann ist es so ein furchtbarer dicker Brei
       geworden. Dann lieber was Hohes, Schlankeres, Besonderes.
       
       Immerhin gibt es da schon ein Sushi-Restaurant für die Angestellten in den
       neuen Türmen. 
       
       Ich mache mir persönlich nicht viel aus Fisch. Und diese Sushi-Fresserei,
       die ist ja auch wieder symptomatisch, das wollen wir eben nicht. Überall
       Sushi, Scampi und Lokalitäten, die aussehen wie in London und Paris, das
       ist totaler Mist. Wenn man gar nicht mehr weiß, in welcher Stadt man ist,
       dann gibt es keine Identität mehr. Die Currywurst am Pferdemarkt ist doch
       ganz hervorragend.
       
       Das war auch mal Ihr Kiez. 
       
       Stimmt, ich habe lange gegenüber der Wohnung des Türstehers von der Großen
       Freiheit gewohnt. St. Pauli hat etwas Dörfliches, und das hat Charme. Es
       muss nicht alles geleckt sein. Ich habe lange gedacht, die Hundescheiße
       würde verhindern, dass das Viertel yuppisiert wird. Es gibt schöne Häuser
       dort, aber man muss ständig auf den Bürgersteig gucken, um nicht in Scheiße
       zu treten - und jemand, der viel Geld hat, hat bestimmt keine Lust, die
       ständig in der Wohnung zu haben. Hatte ich ja auch nicht. Ich glaube St.
       Pauli ist durch den Schmutz, die Obdachlosen und Prostituierte ein bisschen
       davor geschützt, ganz Eppendorf oder ganz beliebig zu werden. Vielleicht
       kommt es trotzdem so eines Tages. Aber ich will daran nicht schuld sein.
       
       23 Sep 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Iris Hellmuth Sven Stillich
       
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