# taz.de -- Aus Le Monde diplomatique: Der Schüler als Kunde
       
       > Der Anteil der Privatschulen in Deutschland wächst rasant. Die
       > Bildungsindustrie entdeckt ihre Chancen. Doch auch sie kommt nicht ohne
       > staatliche Förderung aus.
       
 (IMG) Bild: Eliten sind nicht beliebt, Privatschulen dagegen sehr.
       
       Schon morgens um halb sieben, wenn die ersten Schüler zum Frühstück trotten
       und die Wolken noch tief über dem See hängen, knipst Mario Lehmann, Jurist,
       dunkler Anzug, rosa-blaue Krawatte, sein Kleine-Jungs-Grinsen an. Er sieht
       dann ein bisschen seltsam aus, wie er sich einreiht in die Mensa-Schlange
       zwischen zwölfjährigen Jungen, die sich noch den Schlaf aus den Augen
       wischen, und vierzehnjährigen Mädchen, die sich Frühstücksflocken auf ihren
       Teller schaufeln. Lehmann wechselt ein paar Worte mit der Kantinenfrau: Die
       Kollegin krank heute? Na, das werden Sie schon schaffen!
       
       Er klingt wie ein Vorstandschef, der bei den Fließbandarbeitern
       vorbeischaut, und er sieht auch ein bisschen so aus. Was zählt in Lehmanns
       Welt, das ist der Wille zur Leistung, ein disziplinierter Optimismus. Eine
       Mischung aus: Es macht Spaß, mehr zu erreichen als andere. Und: Jeder kann
       es schaffen, wenn er nur will. Lächeln und Leistung, das ist Lehmanns
       Botschaft. Und darauf gründet sich sein Unternehmen, das Eliteinternat
       Schloss Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern, 231 Schüler, fünf Millionen
       Euro Jahresumsatz. Hier lässt sich besichtigen, wie eine Schule
       funktioniert, die wie ein Unternehmen denken muss, die sich als
       Wettbewerber positioniert auf einem wachsenden, aber schwierigen Markt.
       
       Zwar lernt noch immer eine große Mehrheit der Kinder und Jugendlichen in
       Deutschland an staatlichen Schulen, doch der Anteil der privaten wächst:
       Allein von 1995 bis 2005 steigerten die Privatschulen ihre Schülerzahl um
       ein Viertel. Im Schuljahr 2007/2008 lag sie laut Statistischem Bundesamt
       bei über 900 000; damit besuchte jeder 13. Schüler eine der knapp 5 000
       Privatschulen. Bei den Gymnasiasten ist es sogar jeder Zehnte. Das ist im
       internationalen Vergleich noch immer nicht bedeutend. In anderen
       europäischen Staaten wie den Niederlanden, Belgien, Frankreich und
       Großbritannien ist der Anteil der Privatschüler an der Gesamtschülerschaft
       weitaus höher. Doch bewegt sich Deutschland in dieselbe Richtung.
       
       Was im Gesundheitswesen bereits geschehen ist, vollzieht sich jetzt im
       Bildungssektor, wenn auch bislang nicht in gleichem Ausmaß: Die Aufgaben
       zwischen Staat und Markt werden neu verteilt. Wer mehr als die schulische
       Grundversorgung will, muss zahlen. Es sieht nicht so aus, als würde sich
       der Trend verlangsamen oder gar umkehren. Die Anmeldungen liegen Jahr für
       Jahr deutlich über dem, was die Statistik erfasst, sagen die
       Privatschulträger. Katholische Privatschulen mussten schon 2002 ein Viertel
       der Bewerber ablehnen - wegen mangelnder Kapazitäten.
       
       Die Deutschen bekommen weniger Kinder, seit Jahren schon, die Schülerzahlen
       sinken. Doch Privatschüler gibt es immer mehr. Eine "geradezu beispiellose
       Expansion" nennen es die Bildungsforscher Heiner Ulrich und Susanne Strunck
       aus Mainz. Auch Schulbetreiber Lehmann hat gerade einen neuen Trakt für die
       Fünft- und Siebtklässler anbauen lassen.
       
       Privatschule, das klingt nach Schuluniform, Morgenandacht und
       Leistungsdrill. Es klingt nach reichen Eltern, die ihren Kindern einen
       guten Abschluss kaufen. Es klingt danach, dass sich die Gesellschaft
       spaltet: in jene, die viel Geld in die Zukunft ihrer Töchter und Söhne
       investieren, in jene, die das auch gern täten, es sich aber nicht leisten
       können - und in jene, denen das alles egal ist und die ihre Kinder vor den
       Fernseher setzen.
       
       Schulunternehmer wie Mario Lehmann tragen nicht gerade dazu bei, solche
       Ängste zu zerstreuen. Er vermarktet sein Internat als Schule für
       Jugendliche, "die Leistungsbereitschaft mitbringen", wie es im Prospekt
       heißt. Seine Schüler sind Kunden, Werbefigur und Produkt zugleich. Deshalb
       lässt Lehmann den Notenschnitt aller Schüler im Flur aushängen, farblich
       aufgeteilt in drei Gruppen: rot für die sehr Guten, die am Ende des Jahres
       als Preis ein Buch bekommen, blau für die Guten, die extra gelobt werden,
       und schwarz für den Rest. Druck und Wettbewerb gehören zum pädagogischen
       Konzept. "Hier heißt es: Jeder gegen jeden", sagt eine Zwölftklässlerin,
       "jeder will überall der Beste sein."
       
       Lehmann jedoch legt Wert darauf, keine "kleinen Kampfmaschinen" zu
       erziehen, wie er sagt. Die Schüler genössen es, Leistung zeigen zu können.
       Auch Werte seien wichtig, Teamfähigkeit - ein Argument, das
       Internatsbetreiber immer gern anführen. Schließlich würden die Schüler
       später im Beruf auf andere treffen, die nicht so begabt seien. "Den
       Leistungsstarken muss man erklären, dass nicht alle so schnell denken",
       sagt Lehmann. Seiner Familie gehört das weiße Schloss am See samt
       Bootsanleger, ihr gehören die Mensa im Fachwerkhaus daneben, der
       Tennisplatz, der Fitnessraum, die Aula.
       
       In Frank Plasbergs Talkshow "Hart aber fair" hat Mario Lehmann sich mit dem
       SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach gestritten, der es ungerecht
       fand, dass nur die Reichen in Torgelow lernen dürfen. Aber Gerechtigkeit
       ist nicht seine Aufgabe, dafür ist der Staat da, meint Lehmann: "Nur weil
       ich ein Produkt verkaufe, das sich andere nicht leisten können, bin ich
       doch nicht unmoralisch." Porsche sei ja auch nicht unmoralisch.
       
       Seine Schüler fühlten sich wohl mit der Belastung, sagt Lehmann, was auch
       damit zu tun habe, dass niemand mit wirklich schlechten Noten dabei sei.
       Sie unterwerfen sich einem engen Stundenplan und strengen Regeln,
       Drogentests und Alkoholkontrollen inklusive. Die Schüler sitzen höchstens
       zu zwölft in einer Klasse, rund um die Uhr betreut von 32 Lehrern - im
       Schnitt einer für sieben Schüler - und 14 Sozialpädagogen. Lehmanns Leute
       spielen Golf mit ihnen, üben Klavier und geben Kurse in Zeitmanagement. Bis
       zu zehn Stunden Unterricht am Tag plus Hausaufgabenhilfe, Judotraining,
       Polo-Ausflug, Debattierklub, Töpfern, individuelle Betreuung und ein
       besseres Abitur als der Landesdurchschnitt - das ist die
       Produktbeschreibung.
       
       Torgelow produziert immer neue Superlative: 16-jährige
       Gedächtnisweltmeisterinnen, die jüngste Abiturientin Deutschlands, die
       besten Golfspieler Mecklenburg-Vorpommerns, vordere Plätze bei
       Businessplanwettbewerben und Politikplanspielen. Die Spitzenplätze der
       Schüler lassen sich gut vermarkten. Regelmäßig schaffen es Lehmanns
       Wunderkinder in die Medien. Für Werbung gibt Lehmann nach eigenen Angaben
       100 000 Euro pro Jahr aus, etwa für Anzeigen im Deutschen Ärzteblatt. 
       
       Solche Nobelschulen sind keine neue Idee. Internatsmarken wie Salem und
       Louisenlund formten hunderte von Karrieren - Golo Mann, Elisabeth
       Noelle-Neumann, Hildegard Hamm-Brücher und August Oetker gingen hier zur
       Schule. Neu ist, mit welcher Dynamik der Markt für Privatschulen insgesamt
       wächst. Zwei bis drei Privatschulen werden pro Woche gegründet. Viele
       Eltern vertrauen der staatlichen Schule in der Nachbarschaft nicht mehr -
       und auch nicht mehr dem renommierten Gymnasium am anderen Ende der Stadt.
       In ihren Augen hat der Staat doppelt versagt: Den Schulen gelingt es weder,
       ihre Schüler in der Breite zu Spitzenleistungen zu treiben, noch sorgen sie
       für Gerechtigkeit.
       
       In kaum einem Industrieland hängt der Bildungserfolg so sehr von der
       sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Aber können es die Privaten
       tatsächlich besser? Genau weiß es niemand, jedenfalls nicht, was die
       Leistungen angeht. Die ersten Pisa-Zahlen sprachen noch dafür. Demnach
       lagen in 14 von untersuchten 17 Ländern die Leistungen von Privatschülern
       deutlich über denen von Schülern öffentlicher Schulen. Besonders groß war
       die Leistungslücke in Deutschland, und zwar vor allem beim Lesen.
       Wirtschaftsverbände und Privatschulen jubelten.
       
       Der Frankfurter Bildungsforscher Manfred Weiß hält das für eine
       Fehleinschätzung. Er hat die Leistungen von 15-Jährigen an 14 privaten
       Realschulen und 18 privaten Gymnasien mit der staatlichen Konkurrenz
       verglichen. Ergebnis: Die Privatschulen sind keinesfalls überlegen. Das
       gute Abschneiden bei der Pisa-Studie lasse sich leicht erklären: mit der
       Zusammensetzung der Schülerschaft. Die Schüler stammten oft aus Familien
       gehobener sozialer Schichten; zudem sei der Anteil der Mädchen traditionell
       höher, was sich in besseren Leistungen niederschlage.
       
       Auch andere Bildungsforscher sehen keine signifikanten Leistungsvorsprünge
       der Privaten. Allerdings scheinen Privatschüler zufriedener mit dem
       Schulklima zu sein und bewerten die Beziehungen zu ihren Lehrern besser. In
       Sachen Gerechtigkeit ist das Urteil eindeutiger: Der Anteil an Kindern aus
       bildungsfernen Schichten ist an Privatschulen deutlich geringer, ebenso der
       Ausländeranteil.
       
       Das Angebot an Privatschulen ist nur schwer zu überblicken. Am weitesten
       verbreitet sind nach wie vor Konfessionsschulen. Es gibt internationale
       Schulen wie die Berlin Metropolitan School, an der die Kinder schon früh
       auf Englisch unterrichtet werden. Das Angebot reicht von Freien
       Alternativschulen, an denen die Schüler entscheiden, was sie wann lernen
       wollen und sich mit ihren Lehrern verabreden, bis zu all den
       Waldorf-Schulen, an denen Kinder in Eurythmiekursen tanzen. Die Preisspanne
       reicht von rund 50 Euro bis zu mehreren tausend Euro für Nobelinternate wie
       Torgelow, wo ein Monat rund 2 500 Euro kostet.
       
       Ganz unterschiedliche Anbieter drängen auf den Markt, von internationalen
       Konzernen bis zu kleinen Elterninitiativen. Selbst Franchise-Systeme und
       Ketten versuchen sich zu etablieren. "Das Marktvolumen für Privatschulen
       ist groß", sagt Philipp Haußmann, Vorstand des Schulbuchverlagsriesen
       Klett, der sein Geschäftsfeld erweitert hat: Zusammen mit einer Schweizer
       Firma betreibt der Verlag eine internationale Schule bei Stuttgart und will
       weitere eröffnen. Wie groß das Marktvolumen tatsächlich ist, lässt sich
       daran ermessen, dass Eltern in Deutschland 1,2 Milliarden Euro pro Jahr für
       Nachhilfe ausgeben, wie die Forscher vom Institut für Bildungs- und
       Sozialökonomie in Berlin ausgerechnet haben.
       
       Aber Privatschule, das ist nicht nur ein Geschäftsfeld. Manchmal ist es der
       Ort, wo der Spagat gelingt zwischen Leistung und Gerechtigkeit. Die
       Wichern-Schule in Hamburg-Horn ist mit 1 500 Schülern die größte
       evangelische Privatschule in Norddeutschland. Der kirchenartige Bau aus der
       Kaiserzeit bietet den Kindern in dem Problemkiez vergleichsweise kleine
       Klassen, engagierte Lehrer, eine umfangreiche Betreuung und das zu
       moderaten Preisen. Drei Kinder auf die Schule zu schicken, berichtete Die
       Zeit, koste etwa 80 Euro monatlich. "Die Wichern-Schule liegt in Horn wie
       eine Insel der Hoffnung oder wie eine elitäre Unverschämtheit - je nach
       ideologischer Sicht der Dinge", schreibt die Wochenzeitung.
       
       Wer Wert legt auf pädagogische Konzepte, Persönlichkeitsentfaltung und
       freies Lernen, schaut sich oft bei den Privatschulen um, in der Hoffnung,
       dass es dem Kind dort besser geht. Dafür sind viele bereit, Geld und
       Engagement zu investieren. Privatschule kann auch ein Labor sein für neue
       Lernformen. Nicht zuletzt deswegen sind Privatschulen gesetzlich nicht
       einfach nur geduldet, sondern ausdrücklich vorgesehen. Das Grundgesetz
       garantiert das "Recht zur Errichtung privater Schulen". Allerdings mit
       einer wichtigen Einschränkung: "Eine Sonderung der Schüler nach den
       Besitzverhältnissen ihrer Eltern" dürfe nicht gefördert werden. Und für
       Grundschulen gelten weitere Auflagen: Entweder sie sind konfessionell
       gebunden oder es besteht ein "besonderes pädagogisches Interesse".
       
       Karl-Heinz Schubert hat den gleichen Beruf wie Mario Lehmann:
       Geschäftsführer. Er kämpft mit den gleichen Problemen, komplizierten
       Verwaltungsvorschriften, aufwändigen Finanzierungsplänen, besorgten Eltern.
       Wie Lehmann schimpft er auf staatliches Missmanagement und preist die
       Wahlfreiheit. Doch Lehmann und Schubert haben ungefähr so viel gemein wie
       der Vorstandsvorsitzende von Porsche und der Chef einer Kreuzberger
       Fahrradwerkstatt. Beide sind Schulchefs und Schulvermarkter, wobei sich
       Schubert gegen die Bezeichnungen vermutlich wehren würde.
       
       Als der Erste von drei Söhnen zu alt wurde für den Waldkindergarten, suchte
       Karl-Heinz Schubert nach einer geeigneten Schule. Er glaubte nicht, dass
       der Staat weiß, was gut ist für seinen Jungen. Ein System, das zentral
       gesteuert wird, und sei es auf Landesebene, das kann nicht funktionieren,
       findet er. "Wenn oben ein Fehler passiert, müssen das alle ausbaden." Über
       Alternativ- und Reformpädagogik hatte er einiges gelesen, mit seiner Frau
       gesprochen, mit Freunden und Bekannten. Er hörte von einer kleinen, freien
       Grundschule in Biburg, Niederbayern, die sich an den Ideen von Maria
       Montessori orientiert. Die Kinder lernen in altersgemischten Gruppen,
       entscheiden in weiten Teilen selbst. "Hilf mir, es selbst zu tun", ist das
       Motto, das Schubert gern zitiert. Das Konzept überzeugte ihn, die Familie
       zog um, der Schule wegen. Sechs Jahre ist das jetzt her.
       
       Schubert engagierte sich im Trägerverein für "Ganzheitliches Leben und
       Lernen", sorgte mit dafür, dass die Schule auch eine Genehmigung als
       Hauptschule bekam, damit nicht nach der vierten Klasse schon Schluss ist
       mit dem freien Lernen. Die Schule wuchs, brauchte größere Räume, zog ein
       paar Orte weiter. Schnell stieg Schubert zum Geschäftsführer auf. Jetzt
       besuchen auch seine beiden jüngeren Söhne die Schule. Man könnte sagen: Die
       Schule ist sein Leben geworden. Er wühlt sich jetzt hauptberuflich durch
       Verwaltungsvorschriften, "die kein normaler Mensch durchschaut", wie er
       sagt, Baunormen, Lehrpläne, Ausführungsbestimmungen. Allein die
       Finanzierung!
       
       Denn Privatschulen werden in Deutschland keineswegs nur privat finanziert.
       Im Gegenteil, einen Großteil des Geldes gibt der Staat. In einigen
       Landesgesetzen heißen sie deswegen "Schulen in freier Trägerschaft". Wie
       hoch der staatliche Zuschuss ist und wie lange eine Schule darauf warten
       muss, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, ebenso die
       Berechnungsformel. Meist ist sie kompliziert und orientiert sich an den
       Personal- und Materialkosten einer vergleichbaren staatlichen Schule.
       Wissenschaftler vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln haben
       ausgerechnet, dass der Staat im Schnitt 3 800 Euro pro Schüler und Jahr
       beisteuert. An öffentlichen Schulen sind es 4 900 Euro.
       
       Etwa zwei Drittel der tatsächlichen Kosten lassen sich zum Beispiel in
       Berlin mit staatlichen Mitteln decken, schätzt Tilmann Kern vom
       Bundesverband der Freien Alternativschulen. In dem Verband sind nach
       eigenen Angaben 86 Schulen organisiert, dazu kommen zehn
       "Gründungsinitiativen", also Eltern, die eine Schule erst noch aufbauen
       wollen.
       
       Den Rest der Gelder aufzutreiben ist nicht leicht, erklärt Kern: "Man kann
       ja nicht alles auf die Eltern umlegen." Das meiste kommt über Spenden,
       Kredite, "Leih- und Schenkgemeinschaften". Sein Verband ist
       Lobbyorganisation und Beratungsstelle in einem. Für 20 Euro können Eltern
       auf der Webseite ein "Medienpaket" bestellen, das helfen soll beim
       Schreiben des Schulkonzepts, bei Anträgen und Finanzplänen.
       
       Ganz ohne Schulgeld kommen allerdings nur wenige Privatschulen aus. Auch
       Karl-Heinz Schubert muss Monat für Monat etwa 10 000 Euro zusammenbekommen,
       was knapp 170 Euro für jeden der 59 Schüler bedeutet. Wie groß die
       Finanzierungslücke genau ist, erfahren die Eltern auf dem Elternabend. Dann
       schreibt jeder auf einen Zettel, was er bereit ist zu zahlen. "Die meisten
       zahlen 180 Euro", sagt Schubert, manche mehr, manche weniger. Es ist das
       Modell Solidargemeinschaft. Es funktioniert mal besser, mal schlechter.
       
       Wenn es gut läuft, guckt sich der Staat bei der privaten Konkurrenz ab, wie
       es besser gemacht wird. Wenn es schlecht läuft, guckt der Staat zu, wie
       eine Elite sich vom Rest der Gesellschaft abgrenzt. Und wenn es ganz
       schlecht läuft, guckt sich der Staat ab, wie man ausgrenzt. An einer
       inzwischen geschlossenen Berliner Grundschule freuten sich auch Eltern, die
       mit Reformpädagogik nichts anfangen konnten, über die Montessori-Klasse:
       Dort mussten ihre Kinder nicht neben türkisch- und arabischstämmigen
       Mitschülern sitzen.
       
       Was aber lohnt sich abzugucken? Gibt es überhaupt Gemeinsamkeiten von
       Lehmanns Schloss Torgelow und Schuberts Schule für Nachhaltiges Leben und
       Lernen?
       
       Viele Privatschulen in Deutschland haben sich genau überlegt, wie ihr
       Profil aussieht - vom Eliteinternat bis zur Montessori-Schule. Wer eine
       Schule gründen will, muss ein umfangreiches Konzept bei den Behörden
       einreichen. Das ist mehr als eine bürokratische Hürde: Es zwingt Eltern und
       Lehrer, mindestens aber den Betreiber, sich auf ein Programm zu einigen, an
       das sie glauben, für das sie sich engagieren - und das sie für realistisch
       halten. Kein Unternehmen kann auf dem Markt bestehen, wenn es nicht weiß,
       was es eigentlich verkaufen will, und ob es tatsächlich in der Lage ist,
       dieses Produkt herzustellen und zu einem Preis anzubieten, den die
       Zielgruppe bereit ist zu zahlen.
       
       Zwar hat fast jede staatliche Schule inzwischen ein Schulprogramm, doch oft
       sind es Pflichtübungen, die das Schulgesetz vorschreibt: "Ansammlungen
       banalster Dinge", wie der Bildungsjournalist Christian Füller schreibt. Er
       hat ein Buch darüber geschrieben, wie Schule funktionieren kann, und
       Rezepte herausgefiltert. Dazu gehört der simple Rat: "Schreiben Sie ein
       Schulprogramm." Kein abstraktes Grundgesetz, sondern "ein konkretes Papier,
       das sich auf die Schule vor Ort mit ihren Menschen und Möglichkeiten
       bezieht". Gute Schulen erkenne man Füller zufolge daran, dass sie etwas
       Unverwechselbares haben, dass sie die Regeln der Bürokratie durchbrechen.
       Fünf Schulen hält er für die besten Deutschlands - es sind alles
       staatliche. Wenn es mehr öffentlichen Schulen gelingt, sich solche Dinge
       abzugucken, wenn sie sich bewegen, und Rektoren, Eltern, Lehrer, Schüler
       mit ihnen, werden sie konkurrenzfähig bleiben. Nicht zuletzt, weil ihr
       Produkt allen nützt und sie es zu einem Preis auf den Markt bringen, der
       sich nicht unterbieten lässt.
       
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       24 Sep 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Oliver Trenkamp
       
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