# taz.de -- Anders bauen: Experimentieren mit dem Eigentum
> Eigenbau Anders wohnen boomt in Berlin. Noch nie waren soviele Baugruppen
> in Planung wie derzeit. Und noch nie gab es auch soviele verschiedene
> Ansätze, wie man mit dem Besitz von Grund und Boden umgehen soll.
(IMG) Bild: Bauen boomt
Michael LaFond träumt von einer Stadt der Baugemeinschaften. Wenn es nach
dem Organisator der Experiment Days, der Messe für alternative
Wohnkulturen, geht, lebten in Berlin in zwei Jahren 30.000 Menschen in
Baugemeinschaften und Wohnprojekten. "Bis 2025", sagt LaFond, "könnten wir
um die 3.000 Projekte haben mit bis zu 150.000 Menschen". Mehr als eine
Stadt wie Potsdam oder Heidelberg Einwohner hat.
So unrealistisch sind seine Vorstellungen nicht. Allein in diesem Jahr sind
mehr Baugemeinschaften in Planung als in den letzten Jahren realisiert
wurden. Tendenz: steigend.
Die Palette der Projekte ist bunt: sie reicht von linksalternativen,
selbstverwalteten Gemeinschaften aus Hausbesetzer-Zeiten über
generationsübergreifendes Bauen und Wohnen bis hin zu Menschen mit einem
guten Polster an Kapital, die sich zusammentun, um in erster Linie die
Baukosten für ihre Eigentumswohnungen zu minimieren. Spannungen sind dabei
vorprogrammiert, vor allem in Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg,
Neukölln und Treptow-Köpenick. Zehn Projekte in zwei Jahren zählt LaFond
auf, wo es Konflikte gab: Oft fühlen sich Linksaktivisten ihres Freiraums
beraubt, wenn in direkter Nachbarschaft Eigentumswohnungen eine Baulücke
füllen; Kiezbewahrer befürchten Gentrifizierung, wenn eine neue
finanzkräftige Klientel ihr Viertel bewohnt. "Die Stadt ist bekannt dafür,
Fronten aufzubauen", sagt LaFond.
Für manchen Linke sind Baugemeinschaften nur getarnte Haie, die nach
Eigentum gieren. Für LaFond sind die Zusammenschlüsse nicht die Bösewichte:
"Wenn wir Feinde für die Fehlentwicklungen suchen, dann sind das nicht die
Baugemeinschaften, sondern Spekulanten und die Verwaltung, die nicht
politisch steuern will." Denn es sei durchaus verständlich und ökonomisch
sinnvoll, sein Erbe in Wohneigentum zu stecken als Altersvorsorge. Doch was
ist mit denen, die darauf nicht bauen können? "Es ist eine schlimme Zeit
für Menschen,", sagt LaFond, "die gemeinschaftlich wohnen wollen, aber
wenig Geld und Kompetenz haben, sich in harten Verhandlungen mit der
Verwaltung durchzusetzen."
Für Wohnen mit sozialverträglichen Mieten setzt sich zum Beispiel das
Projekt "Spreefeld" ein: Die Architektin Angelika Drescher und ihre
Kollegen von "Die Zusammenarbeiter" haben die Konflikte zwischen Linken und
vermeintlich Reichen selbst erlebt - bei einer Baugemeinschaft in Treptow.
"Wir waren als einzige zugänglich und haben den Hass abbekommen", sagt sie
(taz berichtete). Jetzt haben sie ein neues Projekt gestartet, das, wie
Drescher sagt, "nach vorne blickt". Man könnte es auch Annäherung der
Fronten nennen.
Auf rund 7.000 Quadratmetern Freifläche am Spreeufer in der Köpenicker
Straße soll ein Wohnprojekt entstehen, das ein Experimentierfeld für
Eigentumsformen sein will - in Nachbarschaft zum umstrittenen geplanten
"Mediaspree"-Projekt. Eine Stiftung, so ist es vorgesehen, kauft das Land
vom Liegenschaftsfonds und gibt es in Erbpacht an eine Genossenschaft
weiter. Dies sei "eine politischen Entscheidung, die wir vorwegnehmen", so
Drescher. So sei eine Mischung aus Miet- und Wohnungserbbaunutzung, aber
auch Gruppeneigentum möglich. Sowohl Baugruppen als auch Aktivisten, die
"niemals bei einer Baugemeinschaft mitmachen würden", fühlten sich
angesprochen, sagt Drescher. Und: "Bei den Experimentdays wollen wir für
einen alternativen Umgang mit Grund und Boden werben. Und für eine Haltung,
die mehr will als schön wohnen." Weniger Selbstverwirklichung des Einzelnen
also, sondern gemeinsam Wohnraum organisieren und sinnvoll wirtschaften.
Das Sozial-partizipative ist auch für LaFond der wichtigste gemeinsame
Aspekt aller Wohnprojekte. Letztlich sind sie seiner Meinung nach die beste
Möglichkeit, zwischenmenschliche Kommunikation zu üben. Wer zusammen wohne,
müsse auch miteinander klar kommen. In einer Stadt wie Berlin sei das der
beste Ausgleich zu Entfremdung und Individualisierung - ob mit oder ohne
viel Geld.
2 Oct 2009
## AUTOREN
(DIR) Grit Weirauch
## TAGS
(DIR) Berlin-Kreuzberg
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Berliner Genossenschaft droht Pleite: Teures Lehrstück in bester Lage
Die Berliner Genossenschaft Möckernkiez wollte zeigen, dass Bauen auch
selbstverwaltet, ökologisch und sozial geht. Jetzt braucht sie dringend
Geld.